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Periodical volume 21. April 1889 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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lautlos vorüberzogen, durchbrach mit einem Male eine schrille 
Stimme das feierliche Schweigen, Bei dem düsterrotem Lichte 
der Dackeln sah nian's, wie Balzer der Schneider von einigen 
hünenhaften Zunftgenofsen emporgehoben ward, „Schlagt die 
Rubelt tot!" rief er, daß es gellend von dem hohem Giebel 
der Klosterkirche zurückklang. „Sie haben die Brunnen ver 
giftet! Mit ihrem Gelde halfen sie den Bayern!" 
Wer möchte es wagen, das furchtbare Wutgeheul zu be 
schreiben, welches den Worten des Schneiders folgte? Es 
gab viele Bürger int alten Berlin und drüben in Kölln, 
welche, infolge der Zeitverhältnisse verschuldet, bei den Juden 
Hilfe gesucht hatten, und manch' stolzer Patrizier, manch' eitt 
Ratsherr war völlig in deren Hand, Daß viele Juden die 
Not der Zeit sich zu Nutze gemacht und mit furchtbarer Harte ! 
Kapital und Zinsen eingetrieben hatten, — wer durfte es ! 
leugnen? 
Ihm aber war die Geißel des schwarzen Todes noch dazu- ! 
gekommen; schon in der nächsten Stunde drohte Verderben, 
„Einige Stunden nur noch in Saus und Braus dahingebracht j 
von der Juden Vermögen! Dann können wir doch wenigstens 
sagen: wir haben gelebt!" Das war die Losung der wild 
empörten Massen, Wie eine zürttende Woge wälzte sich der 
Haufe dem Jüdenhose zu. 
Das surchtbare Getümmel hatte dessen Bewohner längst 
erweckt. Wo in einer mittelalterlichen Stadt ein Volksaufstand 
sich erhob, da hatten die Söhne Israels für Leib und Leben 
stets zu fürchten. Der tolle Haufe fand daher den Zugang 
zum Jüdenhose bereits verrammelt vor. Selbst den Spießen ! 
und Hellebarden ward es schwer, Lust und Durchgang zu 
schaffen durch den Verhau, mit welchem die Juden, so gut es 
in der Eile gehen wollte, dett Zugang ztt ihren Wohnungen 
versperrt hatten, „Die Fackeln in das eilte Gerümpel!" rief 
jetzt der Schneider Balzer. „Bei meiner Seel', das giebt ein 
lustig Fetter!" In wenigen Augenblicken schon war der Befehl 
vollzogen; qualmend stiegen die ersten Flammen aus, und 
unheilverkündend wälzte sich der Rauch in schweren Blassen 
aus den gebrechlichen Hütten der Verfolgten über die Stadt 
dahin. Bald war der Durchgang erzwungen; über die glühenden 
Trümmer stürzten die Verwegensten in den Jüdenhos hinein. 
Der bewölkte Himmel hatte sich geklärt; in leuchtender Schöne 
sahen Mond und Gestirne auf das unheimliche und grauen 
hafte Treiben der Menschen herab. 
Aus den Häusern des Jüdenhofes aber ertönten jetzt 
Rufe des Entsetzens, hier ein kreischender Aufschrei der Ver- 
zweiflung, dort ein gräßlicher Fluch der Mißhandelten. Hier 
flog der Hausrat aus den eingeschlagenen Fenstern; dort ward 
ein Greis auf die Erde geworfen und geknebelt, „Blutsauger, 
gieb uns Deine Schätze!" — „Jude löse Dein Leben mit 
Deinem Golde!" So tönte es wirr durch einander. Vor einer 
der niedrigsten Hütten stand ein Weib in flatterndem weißem 
Gewände; sie war vor ihre wimmernden Kinder getreten und 
schwang ein Beil mit fast übermenschlicher Kraft. Da drang 
ein Speer in ihre entblößte Brust, und lautlos sank sie zurück, 
mit ihrem Herzblut ihre Kinder betauend. — 
Vor dem Hause Jakobs von Tangermünde hatte ant 
Abend ein Lastwagen gestanden. Als der Aufruhr begann, 
war derselbe von den Bedrohten mit allem Gute, welches sich 
auf demselben befand, umgestürzt worden; auf diese Weise 
verteidigte er wenigstens das Haus. „Verfluchter," riefen die 
Rasenden jetzt zu den dunklen Fenstern hinauf, „komm heraus 
mit Deinem Golde, oder wir zünden Dir Dein Haus an." 
Statt der Antwort tönte ihnen Psalmengesang entgegen. Da 
stieg die Wut der Stürmenden aufs höchste. Auf den unt- 
gestürzten Warenpacken kletterten sie zu den Fenstern empor. 
Eben war einer der wildesten int Begriffe, die Lade einzu 
schlagen, als ein Speer aus deren Oeffnung ihm ins Antlitz 
fuhr. Mit einem Wutgeheule stürzte er hinab. „Feuer ins 
Nest!" schrie da der Schneider Balzer. Eine Fackel flog gegen 
das Dach, funkensprühend fiel sie wieder herab. Der feierliche 
Gesang drinnen aber währte fort. Da endlich wich die Thür 
des Judenhauses den dumpf erdröhnenden Stößen eines ge 
waltigen Balkens; ein Ruf des Entsetzens, wild wie der Auf 
schrei eines Gemarterten, ertönte, und zwei wüste Geselle» 
drangen ins Haus. 
In demselben Augenblicke erklang die gewaltige Stimme 
eines Geharnischten vorn Eingänge des Jüdenhofes her: „Der 
Tod einem jeden, det hier noch eine Hand rührt!" Konrad 
Ryke wars, der patrizische Jüngling, welcher an der Spitze 
eines Häufleins gewappneter Knechte in die Gasse drang, 
B!it geschwungener Streitaxt machte er sich Bahn. Soeben 
trug einer der Mordbrenner eine weiße blutende Gestalt aus 
dem Hause, von dessen! Dache ein leichter Rauch bereits 
empor wirbelte. Unter dem wuchtigen Schlage des Patriziers 
sank der Mann zusammen; mit einem Weheruse stürzte Judith 
aus seinen Armen auf die Steinstufen vor der Schwelle des 
elterlichen Hauses. „Treibt das Gesindel zu Paaren; stoßt 
jeden nieder, der sich wehrt!" ries der ritterliche Mann den 
Knechten seines Hauses zu, welche er in der Eile zur Rettung 
der Bedrängten aufgeboten hatte. Der Ernst, mit welchem 
der Patrizier handelte, bewirkte es, daß die Menge scheu 
zurückwich, „Verdammter Junker, wer giebt Dir ein Recht, 
unserm freien Volke zu wehren?" rief jedoch Balzer det 
Schneider und schleuderte einen gewichtigen Stein gegen das 
Haupt des Patriziers. Aber der Wurf verfehlte fein Ziel, 
und in demselben Augenblicke schlug einer der Diener des 
Rpkeschen Hauses den Frevler zu Boden, 
Nach kurzer Zeit schon tvar der Jüdenhos gesäubert. 
Aber noch harrte die Menge in verhaltener Wut vor dem 
selben, Ter Name „Ryke" hatte sonst einen vollen Klang 
bei dem Volke von Berlin; heut' aber ertönten nur Ver 
wünschungen gegen ihn ans der Menge. „Er hat Geld von 
den Juden genommen, der Verräter des Volkes!" schrie einer 
aus dem Haufen. Auf seine Streitaxt gestützt, stand jedoch 
der Junker ruhig und fest inmitten seiner Knechte da, ohne 
sich int mindesten um die Ruse der Aufständischen zu kümmern. 
Jetzt endlich erschienen auch die Söldner der Stadt an 
dem Orte des Kampfes. „Ihr kommt spät!" rief ihnen Konrav 
Ryke zu, nachdem sie das Volk zerstreut hatten. „Jetzt lösch« 
hier, oder das Klosterviertel geht in Flammen auf!" Die 
Männer gehorchten seiner Weisung. „Und diese Unglückliche 
schaffet in meinen Hof zu meiner Mutter. Es scheint noch 
Leben in ihr zu sein!" Konrad Ryke befahl es seinen Ge 
wappneten, indem er sich über die Tochter Jakobs von Tanget- 
münde hinbengte. In der Brust der Jungfrau befand sich 
eine tiefe Wunde; ihre Rechte hielt krampfhaft einen kleine» 
Dolch umfaßt. „Herr, sie hat sich selbst getötet!" rief ei» 
graubärtiger Knecht. „Die rühren wir nicht an!" Ohne ei» 
Wort zu erwidern, hing der Patrizier seine Waffe in ve»
        
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