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Periodical volume 21. April 1889 Nr, 29

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Unter Mitwirkung 
Dr. 35. öerrmruiet', F. Dudestes, Throdor Forrtnnr, Stadtrat G. Friedet, 
Gymnastaldirektor Dr. M. Schwärst und Ernst nc»n MrldonDrnrti 
herausgegeben von 
Gslrcrr Scstwoftrl, Kortin. 
XV. 
IaKrgang. 
M 29. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin N., Schönhauser Zillee ,4,, — 
Lenlsprechstelle ID», 8460), sowie durch alle Postanstalten (No. SYS), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen für " ' f; 
2 ms, 50 Pfg. vierteljährlich 311 beziehen. j| lssJ. 
Unter dem fälschen Woldemar. 
Berliner Novelle von Ernst »0« Gleichen. 
(Fortsetzung). 
wfes war die (Nacht des 19. 511111 20. September 1348. 
Was wahrend derselben geschehen ist, hat die geschicht 
liche Forschung, nachdem Jahrhunderte lang die blutigen Er- 
I eignisse dieser Stunden völlig vergessen worden waren, erst in 
unseren Tagen wieder ausgefunden und festgestellt. Bei 
Spandau auf der Burg hielt sich die Mannschaft des Mark 
grafen Ludwig dem andringenden Heere des falschen Woldemar 
gegenüber noch immer. Mit ihr hatte der Patrizier Köpkin 
von Rhode und der Bürger Heinrich Hemmerer ein Einver- 
sländnis geschlossen. In der Stille der Nacht sollten die 
Bayern in Berlin eingelassen werden, um das feste markgräf 
liche Schloß in der Klosterstraße, das „hohe Haus", zu be 
leben. War erst Berlin in den Händen der bayrischen Partei, 
>0 war die Sache des falschen Woldemar schon in ihren An 
langen eine verlorene. 
Mit Eifer und Umsicht hatte daher der Ratsherr Heinrich 
Hemmerer seinen Plan ins Werk gesetzt. Die Herren der 
Kalandsgilde zu Berlin waren bayrisch gesinnt, wie fast alle 
geistlichen Brüderschaften, welche gegen das aus Italien in die 
deutsche Kirche eingedrungene Gift der Sittenverderbnis an 
kämpften. Ihr Haus, am Ende der Klosterstraße und dicht 
an der Stadtmauer belegen, tvar durch eine kleine Brücke, 
welche hinter demselben über den Stadtgraben führte, mit dem 
freien Felde verbitnden, welches vor der danialigen Stadt in 
der Richtung aus Spandau zu sich ausbreitete. Diese Brücke, 
und das auf ihr durch die Stadtmauer führende Pförtlein 
waren es, auf welche Hemmerer seinen Plan gegründet hatte, 
-erielbe wäre gelungen, wenn den bayrisch Gesinnten nicht 
rin Umstand entgangen wäre: die Mehrzahl des Rates, deren 
Häuprer die Patrizier Otto von Buch und der Bürgermeister 
-rhilo von Wardenberg waren, hatten den Verkehr der Ge- 
loeuen Ludivigs mit der Burg Spandau und ihr gesamtes 
E>uli aufs schärfste beobachtet und hatten den Anschlag 
erraten. 
Von St. Nikolai und Tt. Marien schlug es Mitternacht; 
im Kalandshofe aber tvachten die Bürger van Berlin. Hein 
rich Hemmerer hielt scharfe Umschau; der Blick des Greises 
schien das Dunkel der stürmischen Herbstnacht durchdringen zu 
wollen. Neben ihm horchte Köpkin von Rhode mit angehal 
tenem Atem in die Nacht hinaus. Jetzt klirrten Waffen. Ja, 
sie kamen! Die Gewappneten Ludivigs traten in ben Kälands- 
hof; sie ordneten ihre Schar und rüsteten sich, durch Die Kloster 
straße nach dem hohen Halise vorzudringen. „Mir Gott für 
Bayerns Recht!" rief Berengar Hele von Sundheim und ließ 
das Thor des Kalandshofes öffnen. Aber was war das? — 
Jäh erklang's: „Vorwärts! Berlin und Kölln!" Grell und 
rötlich leuchtete Fackelschein aus; von allen Seilen drangen die 
.Knechte des Rates aus den Kalandshof ein. Der loderte gar 
bald in Flammen aus; und um nicht abgeschnitten zu werden, 
mußten die bayrischen Ritter aufs schleunigste den Rückztig 
antreten. Köpkin von Rhode und Heinrich Hemmerer aber 
wurden gefangen genommen und gefesselt in das Gewölbe 
unter der Gerichtslaube gebracht: ihr Schicksal sonnte keinen 
Augenblick lang zweifelhaft sein. 
Entsetzlich waren die Stunden jener Nacht. Vom KalandS- 
hofe her hatten sich die Flammen weiter verbreitet; die Auf 
regung aber, in welche die Bürgerschaft versetzt ivorden war, 
überdauerte die Feuersbrunst, derer man nach einiget: Stunden 
Herr geworden war. Noch immer heulten und wimmerten 
die Glocken auf den Kirchtürmen; Fackelschein durchleuchtete 
düster die Nacht. Bratlsend wälzten sich die Volksmassen die 
Klosterstraße hinab, dem umfangreichen Hofe der grauen Mönche 
zu. Auch auf dem Kirchhofe derselben, dem stillen, umbuschten 
Orte neben der Kirche der Franziskaner, bewegten sich Lichter. 
Feierlicher Chorgesang ertönte von dort, und einen Augenblick 
lang schwieg das wirre Getöse der Menge. Man begrub dort 
einen Bruder, welcher der Pest zum Opfer gefallen ivar. Da, 
wie die Massen, von einer Regung der Ehrerbietung ersaßt,
        
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