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Periodical volume 14. April 1889 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Sie öffnete selbst die Thür, noch ehe das Mädchen einge- 
ireien war. 
„Herr von Ring 
„Meine liebe, liebe gnädige Fran ". 
Sie atmeten wieder die gleiche Luft, sahen sich an, aber 
keine Hand streckte sich der anderen entgegen, es mar, als ob 
statt des Blutes Blei in ihren Adern flöße. 
„Ich komme als Testamentsvollstrecker Ihres lieben Man 
nes," flüsterte Buffo und stellte ein lorbeergeschmückies Ölbild 
Tancreds vor ihr auf den Tisch. — 
Lori starrte ans die ernsten, wohlgetroffenen Züge, lange 
— lange stand sie regungslos davor. 
„Tancred, mein Tancred!" — Sie sank nieder und 
vergrub schluchzend das Gesicht in beide Hände. Buffo wandte 
sich ab und weinte. 
„Ich sollte es Ihnen heute nach seinem Willen persönlich 
übergeben," flüsterte er endlich. 
Sie reichte ihm, noch immer ans dem Boden knieend, 
stumm die Hände. Er nahm sie und zog das gebrochene 
junge Weib empor. Nun standen sie sich Hand in Hand, 
Auge in Auge gegenüber. 
„Leben Sie wohl, wir werden uns nicht wiedersehen." 
Er nickte ganz leise mit dem Kopfe und dabei tropften 
seine Thränen auf ihre Hand. 
„Wir dürfen uns nicht wiedersehen, Lori." 
„Doch diesem", sie deutete auf das Bild, „gilt unser 
Gedenken." 
„Lori," rief Buffo laut aufschluchzend und breitete die 
Arme aus, „Lori, Du warft mein Alles!" 
Einen Augenblick lag sie an feiner Brust, noch einen 
letzten Blick auf sie und das Bildnis des Entschlafenen werfend, 
stürzte er hinaus. 
Lori stand noch lange vor dem Gemälde. 
„Du wolltest es anders, Tancred, doch Du stelltest 
Deinen Schatten zwischen ihn nnd mich, und es ist nicht gut, 
wenn zwischen den Lebenden der Schatten eines Verstorbenen 
schwebt." — 
Ende. 
Das Heim des deutschen Kaiserpaares in dem 
Königlichen Schlöffe ?« Berlin. 
Von C. Aahrrel. 
(Fortsetzung.) ; 
inen schönen künstlerischen Schmuck erhält dieser Saal 
durch zwei Mannebilder von Karl Saltzmann, deren 
eines, „Im stillen Ozean," unseren Lesern wohl noch von der 
diesjährigen Berliner Kunstausstellung bekannt ist. Der Kaiser 
hat dasselbe, noch bevor er seine Reise nach Rußland antrat, 
erworben. Das andere schildert die Kreuzersregatte „Prinz 
Adalbert" im Taifun, eine Erinnerung aits der Erdumfahrt 
des Prinzen Heinrich. — Zwischen jonischen Säulen öffnet 
sich ans dem Saale eine Thür zu dem großen, gegen den 
Schloßplatz zu gelegenen Balkon zwischen den Riesensäulen 
des so schlichten und doch so bedeutsam wirkenden Schlüter- 
schen Risalites. 
An die Ostwand des Fahnensaals schließt sich dann als 
letztes der Zimmer der Kaiserlichen Wohnung nach dieser Rich- 
tnng das Adjntantenzimmer an. Eine feurig-rote Seiden- 
Tapete mit einem Schinkel'schen Muster, hergestellt von der 
hiesigen Firma Heese, dient mit einer goldigen Umrahmung 
diesem Raume zur Ausstattung. 
Rechts aus dem Fahneitsaal öffnet sich die Thür in das 
Empfangszimmer des Kaisers. Dieses zweifenstrige Ge 
mach ist säst der einzige Raum, welcher sich ganz in der 
Rokokodekoration erhalten hat, welche er unter König Fried 
rich II. dnrch den großen Knobelsdorff erhalten hat. Gold 
belebt das Weiß der Paneele; über den gleich gehaltene» 
Thüren zeigen vergoldete Supraporten in Relief Gnlppe» 
spielender Kinder. Den weißen Marmorkamin ziert ein Aus 
satz, welchen der Bildhauer Lessing aus das gelungenste den 
Formen des sriederizianischen Rokoko angepaßt hat. Zwei 
Putten tragen oberhalb des Spiegels das Namensschild des 
Kaisers. Die weiße Decke wird von goldigem Ornamente 
belebt. Bilder aus der Zeit Friedrichs des Großen, de» 
reichen Bilderschätzen der Königlichen Schlösser entnommen, 
schmücken die Wände, deren Tapeten aus grünem Gritnde ei» 
braunes Blnmenmuster zeigen. 
Weiter schreitend in der Flucht der Räume, kommen wir 
nun in das ebenfalls zweifenstrige Arbeitszimmer des 
Kaisers, dessen Voutendecke ein mythologisches, aus dein 
Jahre 1708 stammertdes Gemälde von deur Hofmaler König 
Friedrichs I., Augustin Terwesten, ausfüllt. Dem kräftigen 
Tön dieses Bildes errtsprechen anch die gesättigten Farben der 
von Hulbe in Hamburg gefertigten Ledertapete, deren mit der 
Hand gearbeitetes Reliefmnster dnrch reiches Gold gehoben 
wird. Ofen, Paneele rtnd Thüreir sind grau-grün gehalten 
und tragen belebendes, zartes Goldornament. Die ganz ver 
goldeten Supraporten, Reliefdarstelluirgeti von Liebespaare» 
enthaltend, sind Stuckaturen aus dem Schlosse in Eharlotten- 
bnrg nachgebildet. 
Hinter den beiden zuletzt genamrten Räumen längs des 
Arkadenganges des inneren Schloßhofes sind ein Toiletten- 
und Baderaum und ein Schlafzimmer zur Benutzung für de» 
Kaiser eingerichtet, wenn der hohe Herr allein, ohne seine 
Familie, in Berlin verweilt. Die Wäirde beider Räume sind 
mit einem Eretonne, welcher ein farbiges Blumenmuster ans 
weißem Grunde zeigt, überdeckt. Das Toilettenzimmer erhält 
noch einen besonderen Schmuck durch einen alten, echt Schlüter 
scheit Kaminaufsatz, welcher in Eichenholz geschnitzt ist. Die 
Decke des Schlafzimmers, welches unter dem int zweiten Stock 
werk gelegenen Geburtszimmer Friedrichs des Großeit liegt, 
füllt ein altes Gemälde von Rode. 
Den Abschluß der Zimmerreihe des Kaisers, die, wie wir 
nebenbei bemerken wollen, auch unter dem Namen der Reden- 
schen Wohnung bekannt ist, bildet das an das Arbeitszimmer 
anschließende, nach dem Schloßplatz zu gelegene Vortrags- 
zimmer des Kaisers. Dieses Gemach seiner Bedeutung 
und Bestimmung eittsprechend auszuschmücken, war eine der 
dankbarsten Ausgaben, welche unseren Künstlertt gelegentlich 
des Umbaues zufiel; es ist ihiten gelungen, einen Prachtraum 
im Barokstyl, voll Schlüterschen Geistes, zu schaffen. Der 
Entwurf für das Zimmer rührt von Baurat Heyden her 
Dem Bronzetott der Fensterlaibungen, welche alte gemalte 
Ornamente zeigen, entsprechen die Paneele ttnd Thüren, deren 
Supraporten Schlütersche Motive aufweisen. Durch braun 
rote Samettapeteu gewinnt der Raum einen ungemein behag-
        
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