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Periodical volume 14. April 1889 Nr, 28

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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gm Bescheid wußten am alten Markte von Berlin, auf welchem 
damals noch der ungefüge Steinkoloß, der Roland, das mit 
abergläubiger Scheu betrachtete Sinnbild des Blutbannes und 
der Wächter der städtischen Freiheit, majestätisch thronte. Vor 
dem Hause am alten Markte, welches durch die gewaltige 
steinerne Rippe und das Schnlierblalt eines Riesen als Herberge 
und Gasthaus bezeichnet war, standen mehrere Bürger in 
eifrigem, aber nur leise geführtem Gespräche bei einander. 
„Herr Henning Rpke rot," sagte der eine. „Fürwahr! Der 
alte steinerne Gesell da hat einen seiner besten Kämpeir ver 
loren! Herr Henning war ein ganzer Mann!" — „Und ein 
treuer Freund Herrn Ludwigs!" fügte ein anderer hinzu. 
„Ter und Herr Heinrich Hemmerer und Herr Köpkin von 
Rhode waren die drei Felsen in der schäumenden Brandung! 
[ sjeyi werden die Buch und die Wardenberg frohlocken! Und 
der falsche Mann zieht vielleicht gar auch in die Thore von 
Berlin ein! — „Da sei Gott vor!" wurde dem Redenden 
erwidert. „Alle Heiligen mögen uns schützen vor dem Geschöpfe 
der Pfaffen und jenes zauberkiurdigen Erzbischofs von Magde 
burg, der ailch die Toten erwecken kann! — „Lästert und 
spottet nicht, Männer!" sprach da ein ehrsamer Meister, zu den 
anderen hinzutretend. „Uns allen ist der Tod näher als 
Ihr denkt!" Es lag dem Manne wie eine Wolke aus der 
Stirn. — „Was soll's?" fragten die andern. „Wißt Ihr, 
woran Herr Hettning Ryke gestorben ist?" fuhr der Meister 
fort. „Er war gestern Abend noch frisch und wohl, und jetzt, 
da der Jude Reuben, der gestern Nacht zur Stadt gekommen 
ist, auf dem Rathause vor ihm zahlen wollte Schoß und 
Stättegeld für die fremden Waren, die er hereingebracht hat, 
da sank Herr Henning Ryke, der gewaltige Mann, um, wie 
einKornhalm, den die Sichel getroffen." — „Um Gotteswillen, 
Meister!" riefen die anderen. — „Seht, Ihr erbleichet," sprach 
der Handwerker, und eben itoch schaltet Ihr auf die Pfaffen, 
deren Gebete uns jetzt doch wahrlich vonnöten sind! — Ja, 
Ihr vermutet recht," flüsterte er dann. „Herm Henning Ryke 
überfiel wie ein Tiger mit jähem Sprunge die Pest!" — 
„Allmächtiger Gott!" riefen die drei anderen und prallten 
anseinmtder, als iväre eine Schlange unter sie gefahren. — 
,Ha. Die Pest!" sprach der Handwerker. „Wüten wird sie in 
dieser Stadt wie eine Geißel Gottes. Wenn die Herren nicht 
orieden schließen mit dem Woldemar draußen, so werden wir 
belagert; innen und außen wird das Verderben wüten. Gott 
helle der armen Bürgerschaft und erleuchte den Rat! Doch 
sehet! Da kominen die Herren. Sie tragen den alten Henning 
Anke zu seiner Väter Grab. Wie wenige folgen der Leiche! 
Lie fürchten den Tod!" 
„Bleiben auch wir fern dem traurigen Zuge!" nahm der 
älteste von den Handwerkern das Won. „Wir haben ztt 
sorgen für Weib und Kind! Kommt herein in die „Rippe"; 
er schickt sich nicht, daß man uns müßig stehen sehe am Hellen 
Vormittage!" — 
Tort trankeit die Bürger ihr Maßkrüglein Bier. „Werte 
Zemide und Gevattern," sprach der Alte, — man hieß ihn 
Uitele, den Kürschner — „es wird ein schlimm Ding für 
Herrn Ludwig den Bayern, so er nicht Hilfe fenbet seinen 
betreuen in Berlin. Noch ist die Stadt offen; wer weiß, wer 
Morgen die Schlüssel der Thore besitzt? Wenn die bayerischen 
Aiiier, die troch in Spandau weilen, hier wären im alten 
Berlin, es stünde besser um Ludwig!" 
„Was Ludwig jetzt, was Woldemar!" ries Tydeke der 
Messerschmied, ein noch jugendlicher Mann mit feurigem Auge. 
„Denkt Ihr, wir werden uns tun der Bayern willen belagern 
lassen? Wir haben den Tod in der Stadt. Sollen die 
draußen, die mit dem Woldemar heranziehen, einen eisernen 
Ring um uns schließetr, daß wir allesamt verderbeir? Offen 
die Thore, sage ich, daß wir frische Luft haben! Möge der 
Woldemar kommen! Ist die Pest, die über das Land zieht, 
nicht ein sichtbar Zeichen, daß der Himmel die Mark strafen 
will uttd ihre Fürsten, die Bayern, die uns behandelt haben 
wie ihre Stiefkinder? Weg mit den Fremden! Nochmals: 
die Thore offen für den Woldemar!" 
„Und ich bin für die Bayern!" rief Thiele der Kürschner. 
„Es sind doch gute Ritter! Und erftmden ist's, — erlogen, 
daß der schwachsinnige Greis, den sie drüben bei sich haben, 
der alte Woldemar sei. Ein Popanz, sage ich Euch, ist's, den 
die von Rom aufgestellt haben gegen das Haus des gebannten 
Kaisers, nachdem sie, wie ich nicht zweifle, ihn ans der Jagd 
bei Btünchen vergiftet haben, die wälschen Pfaffen! Nieder 
mit den Blutsaugern! Alle Heiligen! Ich sah's, tvie sie vor 
mehr denn zwanzig Jahren den Propst von Bernau erschlugen, 
und ich sage Euch, das Blut hüpft mir in den Adern, tvenn 
ich daran denke. 'S war auch einer von denen, welche dem 
toten Kaiser fluchten, wie ihnen Papst Johann XXII. ge 
heißen! Nie ist den Marken Gutes von Rom gekommen! 
Und darum Meister Tydeke, hütet Euch, daß Ihr mir sprechet 
vom Oeffnen der Thore. Ihr mißt, wir Bayrischen haben 
starke Fäuste. Wolll's Euch nicht raten, Verrat zit spinnen 
gegen den gnädigen Herrn, den Markgrafen Ludwig, und seine 
Brüder!" 
„Friede, Ihr Btänner!" rief Balzer, der Schneider aus 
der Spandauer Straße neben der Blankenfelde Erbhaus. 
„Was scheeren uns jetzt die Bayern, was die von Anhalt? 
Die Seuche ist in der Stadt, und Ihr streiket um des Kaisers 
Bart? Habt Ihr denn nicht gehört, wie die Pest gewütet 
hat im Süden, in den Städten des Reiches, nicht vernommen, 
wie's jetzt zu Lübeck aussieht im Norden? Ihrer Tausend 
sollen gestorben sein von einer Vesper zu der andern! Da 
kümmere ich mich nicht um Ludtvig, noch um Woldemar. Wer 
aber hat tms die Seuche gebracht? Habt Jhr's nicht selbst 
gesagt, Meister Tydeke, daß Herr Henning Ryke umgesunken 
sei, als ihn der Jude angehaucht hat, Reuben der Kaufmann, 
der draußen gewesen im Westen? Hall, Ihr Btänner; das 
ist etwas; und eine Ahnung geht mir auf! War Herr Henning 
Ryke nicht der Juden Feind? Wißt Ihr, was zu Straßbnrg 
jüngst geschehen, zit Basel itnd zu Mainz? Die Juden haben 
die Brunnen vergiftet; dafür hat sie das Volk erschlagen! 
Gnade unsern armen Städten Berlin und Kölln! Das Gold 
und das Silber haben die Juden schon seit langer Zeit. Jetzt 
haben sie den Ehrenmann, Herrn Heittting Ryke, vergiftet; 
jetzt geht's uns Armen an das Leben!" 
Der Schneider tnachte ein überaus klägliches Gesicht. Da 
erhob sich der Kürschnermeister: „Verdammt," so rief er, „sei 
der Tropfen, ben ich noch trinke mit Dir. Du jämmerlicher 
Bursch! Weißt Du, was Du bist? Ein Schurke; — pfui, 
ein" — Dem Meister versagten im Zorne die Worte. Er 
war bleich geworden; aber er sammelte sich. „Ja, Dein Gold 
und Silber haben die Juden, weil Du ein Tagedieb warst 
von jeher! Ich will ihre Habsucht und ihren Wucher tticht
        
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