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Periodical volume 7. April 1889 Nr, 27

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Zwei Compagnien hat Herr von Ohlefeld noch in Reserve. 
Nun brüllen die Kanonen wie angeschossene Löwen, die Salven 
Wallern. Irrrrr, rrrrrr — rrrrrrrr, fnit, fnit, fuit/ — ein Hagel 
von Mauen Bohnen fliegt über die Köpfe der Grenadiere, 
weder Tancred noch Busso verziehen eine Miene, doch jeder 
meint, das Gesicht des andern wäre nicht'ans Fleisch und 
Mut, sondern ans. Stahl geformt. 
„Der linke Flügel der Schützenlinie muß lveirer über 
flügeln und verstärkt 
werden!" wendet von 
Ring sich an seinen 
Kommandeur. (Sine 
Granate sauft über 
ihre Köpfe hiil lind 
benimmt ihnen den 
Alein. Um Bnssos 
Mundwinkel ar- 
beitet's und sein Ge- 
sichl bedeckt fahle 
Bläffe, Das Auge 
nicht auf den Major, 
sondern flackernd seit- 
würts gerichtet, sagt 
er in abgebrochenen 
Worten: „Ich werde 
dorthin reiten und 
Pen Zug als Ver 
stärkung ansetzen, die 
Lsiiziere sind schon 
stark gelichtet! Mir 
nach, Grenadiere!" 
klingts metallen, als 
sänge er das ckorbs 
eines kraftgeschwell- 
len süßen Liebes 
liedes, über's dröh 
nende Gefilde. Und 
mm setzt er 
©ante die Sporen 
in die Weichen, wohl 
wissend, daß jener 
iillil den Tod be- 
bedeniet, und 
das soll er ja! 
„Halt!" donnert 
der Major. „Reiten 
Sie zurück und 
I weiden Sie dem 
General, daß ich 
I Met Bataillone Ver- 
! üärkung brailche." 
Tein Wort klingt hart und befehlend; so hat er mit 
Meinem lieben Adjutanten noch nie gesprochen. Ein langer, 
üeser Blick desselben blitzt ihm entgegen. „Sie zögern noch?" 
F»g nagt sich fast die Unterlippe blutig. Da drängt Tancred 
reinen Goldfuchs hart an dessen Rappen, beugt sich zu ihm 
ihiiiüber, sein Mund berührt Buffos Ohr, und weich, ja fast 
islehiud sagt er: „Busso, denken Sie an das Bild." 
I „Zu Befehl, Herr Oberstwachtmeister!" Der Rappe fühlt 
■ le Sporen und mit flatternder Schärpe jagt der Adjutant zunick. 
„Hauptmann von Eschtrut, übernehmen Sie das Kommando!" 
Und Tancred, Major von Ohlefeld reiten, begleitet von einem 
Zuge der Grenadiere, ruhig, als zöge der steinerne Gast 
über's blutgetränkte Marsfeld, zu der Schützenlinie hin, wo 
der Kugelregen dicht wie des Teufels Erbsensaat fällt. 
„Der linke Flügel halb links — vorwärts — mir folgen, 
— oh, meine Lori!" Er überschlägt sich, stürzt vom Pferde, 
das Todesblei sitzt drei- und vierfach in seiner Brust. Ent 
setzt fliegt der Gold 
fuchs dem Feinde 
entgegen. 
Noch einen Blick 
nach oben, die Hände 
auf den Blutstroin 
gepreßt, der ihm ent 
quillt, liegt Tancred 
auf dem grünen 
Rasen. 
„Lori — werde 
glücklich — Louise 
— Lonise — ich 
— komme." Er zuckt 
zusammen — und 
ist verschieden. Eine 
Granate zerfleischt 
noch die tote Hülle, 
den Körper mit 
Taucreds einst so 
liebewarmem Herzen 
in Atome lösend. 
„Wo ist der 
Major?!" ruft Busso 
mit fliegender Hast. 
Ihm folgen zwei 
Bataillone. 
„Don, wahrscheiu- 
lich eine Leiche," sagt 
Hauptmauuvoil Esch 
trut und deutet nach 
der Schützenlinie. 
„Ich wußte es!" 
stöhnt Bnffo; „wäre 
ich doch nur dieses 
eine Mal im Leben 
ungehorsam gewesen! 
Oh, mein Gott!" 
Auch er sinkt aus 
deut Sattel. 
Nun ist es Nacht, 
sternenklare Nacht, 
wie gestern. — 
„Ich lebe." Busso befühlt Stirn, Leib und Beine. „Ja, 
ich lebe!" und grausig schlägt das Stöhnen Sterbender, das 
Kreischen und das Röcheln Schwerverwnndeter an sein Ohr. 
Er fühlt, daß man ihn aufhebt; seine schwachen Sinne ge 
wahren, daß man ihn vom Orte des Schreckens aller Schrecken, 
vom Verbandplätze, thalabwärts trägt. Im Städtchen Gorze 
bringt man ihn unter. — 
Daheim aber, in Berlin, ihrer Sinne säum mächtig, steht 
Lori vor der Anschlagsäule, vergeblich versucht sie die mächtigen 
Kloster?u (Gljorin.
        
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