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Periodical volume 23. März 1889 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Vereinsamt war Gräfin von Reden aber als Wittwe durchaus nicht, 
die benachbarten Schlösser Stonsdorf, Trebschen, Fischbach beher 
bergten Verwandte und Freunde, die den regsten Verkehr mit ihr 
unterhielten. Namentlich war Fischbach, der Landsitz des Prinzen 
Wilhelm, jüngsten Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III., ihr 
Lieblingsaufenthalt. Mit der Prinzessin Wilhelm, der einstigen 
berühmten Protektorin der schönen Literatur in Berlin, stand Gräfin 
Reden in Briefwechsel und stcundschaftlichen Umgang. Die Gäste, 
welche sich dort zahlreich versammelten, kamen auch zu ihr, nament 
lich die fürstliche Familie Radziwil; die schöne Elise wurde gezeichnet 
von Karoline Riedesel — wohin mag dies Bildchen voll wehmü 
thiger Erinnerungen gekommen sein? 
Durch die Besuche des Großfürsten Nikolaus und seiner Ge 
mahlin, der Schwester vom König Friedrich Wilhelm IV., erneuerten 
sich auch die Beziehungen des Letzteren zu Gräfin Reden. Er be 
suchte sie alljährlich und wechselte fleißig Briefe mit ihr. Die christ 
liche Wohlthätigkeit war meistens der Gegenstand ihres Verkehrs. 
Er schickte ihr große Summen um den schlesischen Webern zu Helsen 
und kirchliche Zwecke zu erreichen. „Er thut mehr für mich und 
meine Pläne als ein Bruder es vermöchte" schrieb sie an eine 
Freundin. Aber auch zahlreiche heitere gesellige Zusammenkünfte 
des Königs mit der Gräfin fanden in Buchwald statt. Er ließ sich 
bei ihr anmelden, bestellte sich seine Lieblingsgerichtc zum Frühstück, 
meistens Schinken in Gallert, Leberwurst, Pastetchen u. s. w., und 
verlangte dann eine Bergpartie zu unternehmen. Einmal wurde 
er von den andern Gästen besonders feierlich und etwas steif em 
pfangen, da trat er lachend zur Gräfin, reichte ihr die Hand und 
sagte: „Ja, warum wundert man sich denn, Petz ist wieder da, 
weiter nichts". 
Vor dem Ernst der Zeiten erlosch indeflen der heitere Sinn 
des Königs mehr und mehr, das Jahr 48 war auch in Schlesien 
nicht erfreulich. Die Gräfin Reden, eine unermüdliche Wohlthäterin 
der unteren Klassen, fand dort so wenig Dankbarkeit, daß sic ihr 
liebes Buchwald verlassen und sich bei Verwandten verbergen mußte. 
Nach ihrer Rückkehr stellten sich körperliche Leiden ein und erst der 
Tod befreite sie davon; sic starb am 14. Mai 1854. Ihr könig 
licher Freund ließ ihr auf dem Riesengebirge neben der berühmten 
norwegischen Bergkirche Wang 1856 ein schönes Denkmal setzen 
mit ihrem Brustbild verziert und mit einem kurzen Abriß ihres 
frommen Lebens ausgestattet. Jeder Wanderer, weß Geistes Kind 
er auch sei, wird vor diesem Denkmal mit Rührung stehen. Auch 
ist dessen Errichtung die letzte lichtvolle Handlung des schwer leiden 
den Königs gewesen, denn 1857 befiel ihn die Todeskrankhcit, die 
seinen Geist fast vier Jahre umdunkelte. 
Die Verfasserin des Lebensbildes der Gräfin Reden, die ihr 
verwandte Fürstin Eleonore Neuß, hat mit edler Freimüthigkeit 
der Lesewclt einen Einblick in die intimsten Verhältnisse der Häus 
lichkeit aristokratischer Damen dargeboten; wie sie sich jeder Arbeit 
und Sorge unterziehen, Kartoffeln pflaitzcn, Blumen und Obst 
pflegen, Krankcnsuppcn kochen, Waisenhäuser gründen, Kirchen unter 
stützen, erfährt man mit Bewunderung und Rührung. Und dabei 
erblickt man ein wahrhaft christliches, ächt vornehmes Familienleben, 
in welchem auch ein König wie der feinfühlige Friedrich Wilhelm 
der Vierte sich wohl und heimisch fühlen konnte. 
Die andere hohe Frau, welche er durch seine königliche Freund 
schaft auszeichnete, war die Gräfin Luise von Stolberg-Stolbcrg, 
geborene Gräfin von Stolberg-Stolbcrg zu Stolberg. Er schrieb 
auf seine Briefe, um sich die Wiederholung der Namen zu ersparen, 
oft in scherzhafter Laune dis, dis, bis. Sie war 1798 geboren, 
verlor sehr früh ihren Vater und vennählte sich mit dem regierenden 
Grafen von Stolberg-Stolberg, ihrem Oheim; sie starb 1878. Sie 
hat ihrer Freundschaft mit dem König eigenhändig ein herrliches 
Denkmal gesetzt in ihren wunderbar schönen Gedichten, die unter 
dem Titel „Königslieder" in Berlin bei Alex. Duncker erschienen sind. 
Ohne ihren Namen standen in der Kreuz-Zeitung an Tagen 
patriotischer Feste, Dichtungen von weihevoller Schönheit, die den 
Klang von Psalter und Harfe in sich vereinigten. Außerdem trat 
sie kampfbereit gegen Herwegh in die Schranken und übertraf ihn 
oft in geharnischten Sonetten zur Vertheidigung ihres königlichen 
Freundes, der ihr die letzten geistigen Anregungen verdankte und 
ihr zahlreiche, wunderbar schöne Briefe schrieb. Im gräflichen Archive 
des Schlosses zu Stolberg liegen diese Geistesschätze unter Schloß 
und Riegel, werden aber einigen Auserwählten erschlossen, jedoch mit 
dem Vorbehalt, nicht in die Oeffentlichkeit überzugehen. Die ge- 
sammelten Briefe der Gräfin Stolberg befinden sich im Nachlaß 
der Königin Elisabeth von Preußen. Nach dem Tode des Königs 
Friedrich Wilhelm IV. trugen die beiden hohen Frauen den 
Schmerz um feinen Verlust gemeinsam und fanden Trost in ihrer 
warmherzigen Freundschaft. Die Gedichte der Gräfin Stolberg 
enthalten einige Verherrlichungen derselben, die das Bild der 
erhabenen Königswittwe in das hellste Licht stellen. 
Der Dichterin ein vollständiges Denkmal aus ihren Werken und 
ihren Briefen zu stiften, behalte ich mir für die nächste Zeit vor. 
Fr. von Hohenhausen. 
Zur IOWhrigen Jubelfeier der kgl. Hostmchhaudlmig 
und Hofbuchdruckerei E. §. Mittler & Sohn. 
Am 6. März feierte das Geschäftshaus E. S. Mittler & Sohn 
sein lOOjähriges Bestehen im Besitz derselben Familie, durch vier Gene 
rationen. Der jetzige Inhaber der Firma, vr. Theodor Toeche 
hat zu diesem Tage, der grundlegenden Arbeit seiner Vorgänger in 
ehrenvoller Weise gedenkend, eine Festschrift als „Handschrift für 
Freunde" veröffentlicht, welche deshalb ein hervorragendes Interesse 
weiterer Kreise in Anspruch nehmen darf, weil diese Blätter nicht 
nur die rein kaufmännischen Beziehungen und Verhältnisse darlegen, 
sondern ein Zeitbild von der Entwicklung, eines soeben zurückge 
legten vollen Jahrhunderts liefern. Der dem Besitzer von seinem 
Freunde Felix Dahn gewidmete Wahlspruch des Hauses, der den 
Haupteingang schmückt: „Die Wissenschaft eine Waffe, die Waffe 
eine Wissenschaft" ist zugleich der Grundgedanke, der den Inhabern 
bei Uebernahme von Verlagsartikeln vorschwebte, und das ergreifende 
Wort unter dem Bilde E. S. Mittlcr's, welches er seiner Tochter 
zur Taufe des ersten Enkels, des jetzigen Prinzipals, 1837 geschenkt 
hatte: „Der Väter Segen baut den Kindern Häuser," ist das that 
sächliche Ergebniß der Hoffnungen und Bestrebungen des fleißigen 
Begründers. 
Die Verlagswcrke selbst geben gleichsam das Zeitbild ab. 
Der Begründer des Geschäftshauses Wilhelm Dieterici 
(1789 — 1828) erhält durch Kabinetsordre vom 14. März 1816 
den Druck und Verlag der neu herausgegebenen Rang- und Quartier 
liste der Kgl. prcuß. Armee f. d. Jahr 1817 durch König Friedrich 
Wilhelm III., dann die evangelische Kirchcnagende, wie sie noch 
heut, mit Abänderungen für die einzelnen der älteren Provinzen, 
giftig ist. Sein Schwiegersohn Ernst Siegfried Mittler 
(1816—1848) trat, mit junger Kraft und reichen Kenntnissen aus 
gestattet, auch als Buchhändler, nicht nur als Buchdrucker, wie cs 
sein Vorgänger gewesen war, in das Geschäft ein. 
Der erste Abschnitt der Mittlerffchen Wirksamkeit von 1816—1828 
stand völlig unter dem Einfluffe der vaterländischen Erhebung; seine 
erste Verlagsunternehmung war das „Militair-Wochenblatt" 
(Berlin, Montag, den 1. Juli 1816. Stechbahn Nr. 3) und es 
folgten einige gute militärische Bücher, zunächst meist von dem 
zum Generalstabe nach Berlin versetzten Hauptmann C. v. Decker, 
wodurch erzielt wurde, daß fast die ganze Armee ihren Bedarf an 
Büchern, tvie noch jetzt, von Mittler bezog. Eine Reihe von Hilfs 
büchern für den milftärischcn Menst war ebenfalls eine Folge der 
Kriegserfahrung. In dem zweiten Abschnitt von 1828—1848 wurde
        
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