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Periodical volume 23. März 1889 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Schacht sein Leben enden mußte! Ueber dem unteren Gemach dieses ! 
Thurmes sind noch vier tresflich gewölbte Zimmer übereinander, j 
worin Kamine, steinerne Bänke an den Fenstern, und an den 
Wände» eine Menge Namen der einst hier hausenden Arrestanten 
zu sehen sind. Schriftzüge und Zahlen bei diesen Namen reichen 
bis in das 17. und 16. Jahrhundert zurück. — Gleich dem ein 
gangs erwähnten Nathhause scheint auch das Neustädter Thor in 
dieser aus den Resten erkennbaren Gestalt im 14. Jahrhundert 
erbaut worden zu sein; der Bau wird Heinrich dem Vogler zu 
geschrieben. An der westlichen Stadtmauerecke steht der alte, jetzt 
150 Fuß hohe sogenannte Schrotgießereithurm. Derselbe wurde 
früher seiner abgesonderten Lage und festen Gewölbe wegen zur 
Aufbewahrung des Pulverbedarfs der Kaufleute und des Militärs 
benutzt und hieß deshalb auch Pulverthurm. Im Jahre 1825 
wurde derselbe durch Herausbrechen der Gewölbe, Anlage von 
Treppen und Geschossen rc. zu einer Schrotfabrik eingerichtet, 
welche lange Zeit das schönste englische Schrot lieferte. 
Der gleichen Periode wie die noch vorhandenen ältesten 
Bauwerke in Tangermündc gehört bezüglich seiner Erbauung das 
in der Neuzeit kunstverständig renovirte Uenglinger Thor in 
Stendal an. Es ergicbt sich dies aus verschiedenen technischen 
Merkmalen, die bei allen Bauwerken aus jener Periode überall 
dieselben sind, während Urkunden über die Entstehung des Baues 
selbst gänzlich fehlen. Der über dem schön gewölbten, breiten 
Thore sich erhebende Thurm zeigt, ähnlich wie bei dem großen 
Thurni des Neustädtcr Thores in Tangermünde, einen vermittelst 
gebrannter und glasirter Steine durchgeführten architektonischen 
Schmuck in überraschend schöner Ausführung. An den Ecken des 
breiten Thurmes springen höchst zierliche, erkerartig halbrunde 
Thürmchen hervor, und zwischen ihnen, von einem breiten Gange 
umgeben, erhebt sich ein rundes Obergeschoß des Hauptthurmes. 
Die Außenwände des Thurmes sind außerdem noch mit Fenstern 
und Nischen, großen und kleinen Bogen, Halbsäulen, sowie mit 
dunkleren, im Zickzack gelegten Steinen und Wappenschildern reich 
und mannigfach geziert, — alles aber so, daß das Ornament 
nirgends freistehend erscheint, was schon das Material verbot und j 
überhaupt auch an einem Nertheidigungsthurme nicht wohl an- ! 
gebracht gewesen wäre. Vor diesem großen Thorthurm bemerkt 
man noch zwei Pfeiler mit den Ansätzen eines Bogens, welcher 
dieselben verband und, wie es bei dergleichen Haupteingängen 
meistens Sitte war, ein eigenes Vorderthor bildete. Beide Thore 
waren ehemals durch eine Zugbrücke verbunden, die über einen 
tiefen Wallgraben führte, der zum Theil schon längst zugeschüttet 
und mit unmuthigen Promenaden und Rasenflächen ausgefüllt ist. 
Der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm I V., der sich bekanntlich 
für die Erhaltung und Restaurirung alter Bauwerke besonders 
interessirte und so manches architektonische Kleinod aus alter Zeit ; 
vor der Zerstörung bewahrt hat, ließ in den vierziger Jahren auch ! 
das Uenglinger Thor zu Stendal kunstgerecht und historisch treu 
restauriren — und wir dürfen deshalb den hoffentlich noch Jahr 
hunderte überlebenden, herrlichen Bau der besonderen Aufmerksam- ; 
feit aller Geschichtsfreunde empfehlen. — In der Uckermark haben 
wir nur eine Stadt, welche noch einen hervorragenden Thorbau 
aus alter Zeit bewahrt hat: die thurmreichc Stadt Prenzlau, 
zum mindesten bekannt durch ihre schöne, ztveithünnige Marienkirche; 
hier ist es das sogenannte „Mittelthor", auf welches wir die Auf 
merksamkeit unsrer Leser- lenken wollen. Wenngleich auch alle 
historischen Notizen, die über das Alter der Stadt Auskunft geben ! 
könnten, schon seit Jahrhunderten, wahrscheinlich im 30jährigcn 
Kriege, von dem ja auch Prenzlau nicht verschont blieb, aus dem 
Stadtarchiv verloren gegangen sind, so ist dennoch mit Sicherheit ; 
anzunehmen, daß die brandcnburgischen Markgrafen Johann I. und 
Otto IV. aus dem Ascanischen Hause die Gründer Prenzlaus j 
waren, und daß die Stadt ihre Befestigungen, der damaligen Zeit f 
entsprechend, zu Ende des 13. Jahrhunderts erhalten hat. Das 
„Mittelthor", das schon seit Jahren theils seiner Baufälligkeit, 
theils ' der lebhafteren Paffage wegen abgebrochen wurde, 
erhielt in dem vom Abbruch verschont gebliebenen Thorthurm 
ein würdiges und interessantes Denkmal zur Erinnerung an 
längst vergangene Zeiten. Der Unterbau dieses zierlichen Thurmes 
ist viereckig, beinahe ein Quadrat, und bis zu einer Höhe 
von ungefähr 30 Fuß aus zum Theil mächtigen Feldsteinen aus 
geführt. Dieser massive, wuchtige Sockel ist an den Ecken nach 
oben zu schräg scharfkantig abgestumpft und trägt auf mächtige» 
Granitsteinen einen um mehrere Fuß vorspringenden Ueberbau. In 
diesem sind an jeder Seite vier eingefaßte Geschützöffnungen ange 
bracht, aus denen einst die schweren Wallbüchsen ihr verheerendes 
Feuer dem angreifenden oder stürmenden Feinde entgegensandten. 
Auf diesem Ueberbau erhebt sich ein ca. 25 Fuß im Durchmesser 
haltender und' etwa 30 Fuß hoher, runder Thurm, aus zum Theil 
glasirten Backsteinen erbaut, der von einer Reihe breiter, etwas 
hervortretender Zinnen gekrönt wird. Gekrönt wird dieser Thurm 
von einer etwa 25 Fuß hohen, in Form eines Zuckerhutes spitz 
zulaufenden, massiven Pyramide. Das Ganze gewährt einen ebenso 
gefälligen wie stattlichen Anblick und verdient wohl, den spätesten 
Geschlechtern aufbewahrt zu werden. 
In der Mittel- oder Kurmark dürfte es wohl außer 
Jüterbog keine Stadt geben, welche noch jetzt einen so hervor 
tretend alterthümlichen Eindruck macht und so viel alterthümliche 
Baudenkmale aufzuweisen hat als diese eben genannte Städt. 
Ihre Thore und Ringmauern, soweit dieselben noch erhalten sind, 
bilden eine besonders charakteristische Zierde der Stadt, die sie 
wahrscheinlich ums Jahr 1300 erhalten hat; die älteste Erwähnung 
derselben findet sich jedoch erst in einer Notiz des Jüterboger Raths 
buches aus dem Jahre 1370. Die alte Stadtmauer ward aus 
rohem Feldsteingeröll errichtet, und an mehreren Punkten derselben, 
namentlich aber an den Thoren, erhoben sich stattliche Thürme, 
theils von runder, theils von viereckiger Grundform; diese Thürnie 
waren ursprünglich nur mit Ziegeln gedeckt, einzelne hatten sogar 
nuiOAufsätze aus Zimmerwerk, waren daher gegen Flugfeuer nicht 
gesichert und scheinen bei einer gewaltigen Feuersbrunst im Jahre 
1478 stark gelitten zu haben, weshalb Reparaturen und bei dieser 
Gelegenheit auch wohl theilweise Neubauten ausgeführt werden 
mußten, mit denen man aber 1488 noch nicht zu Ende war. Da 
für sprechen nicht nur die — freilich sehr unvollständigen — Notizen 
des Raths-Memorials, sondern auch die glaubhafte Nachricht des 
Chronisten Dionysius, welcher namentlich die Erbauung des schönen 
Frauenthores der Vorliebe des Erzbischofs Ernst von Magdeburg 
für diese Stadt zuschreibt. Diesem westlichen Thore ist das östliche 
oder „Ncumärker Thor" sehr ähnlich, und vielleicht beide aus 
gleicher Munificenz hervorgegangen. In neuerer Zeit hatte man nach 
Abschaffung der Steuererhebung mit dem Abtragen der alten Stadt 
mauer begonnen, ließ jedoch von diesem Zerstörungswerk bald 
wieder ab, planirte die Wälle und machte schöne Promenaden 
daraus, dabei die Romantik der alten Mauern und Thürme, soweit 
noch vorhanden, glücklich und geschickt in die Verjüngung und Ver 
schönerung hineinziehend. — Mit Ausnahme der Fundamente, 
welche durchweg aus großen Findlingsblöcken bestehen, sind die 
noch erhaltenen Thore der Stadt aus Backsteinen erbaut, wie denn 
überhaupt eine lange Zeit hindurch der Backsteinbau in der Mark 
recht treffliche Bauten zu Stande gebracht hat, die wir noch heut 
-bewundern. Das schönste und bedeutendste von allen, das Frauen 
thor, ist an der Außenseite mit ztvei Eckthürmen versehen, welche 
aber nicht bis zur Erde herabreichen, sondern auf Strebepfeilern 
ruhen. Am unteren Theile des Baues, neben der Thoreinsahrt, 
sind spitzbogige Mauerblenden als Verzierung, aber keine Schieß- 
löchcr oder sonstige Oeffnungen angebracht. Der Oberbau zeigt 
eine Verzierung von theils horizontal, theils diagonal laufenden
        
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