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Periodical volume 23. März 1889 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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War es nie lebhaft im Haufe des Majors zugegangen, 
so lag es jetzt wie der Alp des Todes auf diesen Räumen 
und dabei suchte Einer dem Andern am Auge abzusehen, ivas 
er nur konnte. 
„Wir wollen in's Schauspielhaus gehen, liebe Lori." 
„Nein, Tancred, bleiben wir zu Hause, ich weiß, cs 
macht Dir keine Freude." 
„Doch, doch, ich habe schon Billets." Wirklich gingen 
sie hin, aber seine Gattin saß theilnahmlos in der Loge und 
folgte kaum den Vorgängen auf der Bühne. Musik dünkte 
ihr jetzt unerträg 
lich. Seit jenem 
Abend, am Ge 
burtstag des Ma 
jors, wardasKla- 
vier nicht mehr 
geöffnet worden. 
Tancred fühlte, 
warum es nicht 
geschah — was 
hätte er darum 
gegeben, hätte Lori 
es gethan. Sollte 
er sic darum bitten? 
— Nein —. Er 
wußte ja, >vie die 
Musik schmcrzer- 
regend ans kranke 
Herzen wirkt, wie 
sie die Erinnerung 
weckt. 
Wo war die 
frohe, lebensfrische 
Lori geblieben? 
Sic war eine An 
dere geworden, 
äußerlich und 
innerlich. Tancred 
sah es, und namen 
loser Jammer 
zerriß sein Herz. 
Wie er dieses 
tapfere, edle Ge 
schöpf, welches um 
seinetwegen liit, so 
herzinnig liebte! 
Er wußte, wo ihre 
Gedanken weilten 
und durfte es doch nicht zugeben, daß sie ihm ihr Herz durch eine 
offene Aussprache erleichterte. War cs nicht natürlich, daß sich 
Jugend zu Jugend sehnte? Er war zu alt für sic — er hätte 
es sich früher sagen sollen. Er hatte kein ganzes, nngetheiltes 
Herz zu verschenken, — das hätte er bedenken müssen. Das 
aber hatte Buffo zu vergeben, und danach bangte sich sein Weib. 
Aber er wollte sic erfreuen, beruhigen, sic sollte N'enigstcns 
Nachricht von ihm haben. So schrieb er denn an Ring, ihm um 
möglichst ausführliche Mttheilungen über sein Ergehen in Paris 
bittend. Buffo erhielt das Schreiben, las es und schüttelte 
lief bewegt "den Köpf. Er- wußte, für, wen Herr von Ohlefeld 
so ausführliche Nachrichten von ihm begehrte, seufzend legte er 
das Papier bei Seite. Was sollte er beginnen? 
„Nein, ich antworte nicht — doch es wäre zu unhöflich, 
ich werde mich kurz und förmlich fassen." Er setzte sich an 
den Schreibtisch: 
„Hochwohlgeborener Herr, 
Hochzuverehrender Herr Major und Bataillons-Kommandeur. 
Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich, auf die sehr 
gnädige Zuschrift u. s. w. u. s. w." 
So begann der Brief, doch nach und nach verlor sich die 
steife Förmlichkeit, 
und endlich be 
kannte Buffo in 
warmen Herzens- 
ergüffen,wieschwer 
es ihm geworden 
sei, sich von Berlin 
zu trennen, und 
wie er sich stünd 
lich nach dort 
sehne. 
Wehmüthigen 
Blickes las Tan 
cred die Zeilen, 
im Lesen jede Ge- 
fühlssteigerungdes 
Schreibers miter 
lebend. 
„Hier, das 
wird Dich inter- 
essiren, Lori, ein 
Brief von unserem 
lieben Ring." 
Sie schrak zu 
sammen, Tancred 
gab ihr denselben, 
sie versuchte heiter 
zu erscheinen. 
„Das ist 
hübsch, daß er an 
uns denkt," sagte 
sie leichthin, aber 
sie konnte es nicht 
verhindern, daß 
ihre Finger beb 
ten, als sie nach 
demselben griff. 
Tancred ging hin 
aus, er wollte den Eindruck nicht sehen, den diese Worte auf 
Lori machen würden. 
„Arnies Weib, wie schwer es ihr wird, sich zu verstellen." 
Lori drückte das Papier an ihre Lippen, doch plötzlich 
schleuderte sie es von sich. 
„Was that ich?" seufzte sie leise. Sich gewaltsam zur 
Ruhe zwingend, begann sie mit dem Lesen, erst flüchtig, das 
Ganze überfliegend, dann eingehender und schließlich langsam, 
Wort für Wort. 
„Ich danke Dir, Tancred," sagte sie weich, als er zurück 
kehrte und gab ihm den Brief zurück.
        
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