Path:
Periodical volume 23. März 1889 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 15.1889

307 
Natürlich, Lori lief nicht mehr mit ihm, sondern mit ihrem 
Gatten, die Nousseaninscl hatte deshalb nichts Anziehendes 
,uehr für ihn. Aber er unterdrückte seine Mißstimmung und 
plauderte von gleichgiltigcn Dingen. 
„Dort kommen sie," flüsterte Graf Waldsee eben Bertha 
zu, auf Herrn und Frau von Ohlefeld deutend, und sie nahmen 
den Lauf nach der entgegengesetzten Seite. 
„Sie scheinen uns ja wahrhaft zu verfolgen," kicherte 
Bertha, und jetzt war sie es, tvelche vor ihren Verwandten floh. 
Am äußersten Ende der Eisbahn war es fast menschenleer. Bertha 
wurde ängstlich. „Aber Herr Graf, lassen Sie uns doch lieber 
dahin laufen." 
„Nein, hier, hier ist es gerade so schön!" 
„Neust dort, dort" und sie eilte allein davon. Aber der 
junge, schneidige Offizier flog wie ein Vogel hinter ihr her 
mit' ehe sie es hindern konnte, erklärte er ihr seine Liebe. 
„Oh Gott, so schnell?" flüsterte sie crröthend, dem 
Weinen nahe. 
„Das ist Svldatenart" rief Graf Waldsee und nun ging ! 
es wieder in seeligem Vereinen vorwärts. 
Es dänlinerte, Herr von Ohlefeld saß mit den beiden 
Damen bei dem nachmittäglichen Thee, Bertha starrte schweigend 
vor sich hin. 
„Herr Lieutnant von Ring wünschen den Oberstwacht 
meister zu sprechen," meldete der Bursche. Lori nickte zu 
stimmend. Tancred begab sich in sein Zimmer. Plötzlich 
sprang Bertha auf und fiel der jungen Frau um den Hals. 
„Lori, ich bin verlobt." 
„Verlobt?" Sie hatte das Gefühl, als müsse sie sie an 
sich pressen und dann war es ihr wieder, als wenn sie dieselbe 
von sich stoßen sollte. Sie hatte sie umsonst gerufen, denn 
selbstverständlich war es Lieutnant Graf Waldsee und nicht 
von Ring, der ihr Herz erobert hatte. Lori zitterte, schloß sie in 
ihre Arme und küßte sie unter Thränen, — Thränen der 
Angst und — o Gott, es war furchtbar — der Freude. 
„Nun muß ich natürlich morgen gleich zu Mama," sagte 
Bertha, was Frau von Ohlefeld begreiflich fand. 
Während dieser Zeit verhandelte der Major mit seinem 
Adjutanten. 
„Nun, im Helm, so feierlich?" fragte er. „Ist Ihnen 
etwas Unangenehmes begegnet? Sie sehen so verstört aus." 
„Der Herr Oberstwachtmeister mögen daraus ersehen, tvie 
schwer es mir wird, Ihnen meine Bitte vorzutragen. Ich j 
fühlte mich so glücklich in meiner Stellung und in meinem Ver- 
hältnisie zu Ihnen, Herr Major, daß ich den längst gehegten 
Wunsch, mich zur Botschaft nach Paris abkommandiren zu 
lasten, immer unterdrückte. Nach reiflicher Ueberlegung und 
Rücksprache mit meinen Angehörigen bin ich jedoch zu der 
Ueberzeugung gekommen, daß es ftir meine fernere Laufbahn 
von großem Nutzen sein würde, wenn ich versuchte, diesen 
Plan möglichst bald zur Ausführung zu bringen. Jetzt gerade 
bietet sich die günstige Gelegenheit dazu. Herr von Bastenstein, 
vom ersten Garde-Regiment zu Fuß, welcher jetzt diesen Posten 
inne hat, schrieb mir, daß seine Abberufung bevorstünde und 
rieth mir, mich um seine dortige Stellung zu bewerben. Herr 
Oberstwachtmeister, ich bitte Sie gehorsamst, mein Gesuch 
böheren Ortes gütigst befürworten zu wollen." 
Die Stiinme des Offiziers zitterte, immer langsamer 
kamen die Worte von seinen Lippen. Tancred stand ihm 
regungslos gegenüber, er sah den Kampf, der sich in der Brust 
dieses jungen Mannes jetzt vollzog und seine Hochachtung vor 
ihm stieg in demselben Grade wie das Mitleid, welches er für 
ihn empfand. Er wußte nur zu gut, was ihn bewog, Berlin 
zu verlassen und in der Ferne Zuflucht vor sich selbst zu suchen. 
Plötzlich ergriff er seine Hand. 
„Das ist Recht von Ihnen," sagte er mit fester Stimme 
und sein Auge ruhte liebevoll auf diesen schönen, tief ernsten 
Zügen. „Kommen Sie, meine Frau wird diese Nachricht un 
endlich interessiren," er öffnete die Thür. „Herr von Ring 
wird uns verlassen und voraussichtlich auf einige Jahre nach 
Paris gehen," sagte er unvermittelt. Lori erbleichte. Tancred 
sah es und ihm war es, als wenn Jemand sein Herz zu 
sammenpreßte. 
„Sooo? — So plötzlich? — Jetzt schon?" Lori sprach 
wie geistesabwesend. 
„Vermuthlich in einigen Wochen erst," entgcgnete Buffo 
gefaßt, „aber ich beabsichtige vorher um Urlaub einzukommen, 
um meine Verwandten, die ich voraussichtlich längere Zeit 
nicht wiedersehen werde, zu besuchen." Er erhob sich. 
„Dann reisen Sie mit Gott, Hm von Ring!" Lori 
reichte ihm die Hand über den Tisch, und während seine 
Finger die Helmspitze krampfhaft preßten, beugte er sich auf 
ihre Rechte nieder und drückte einen laugen Kuß darauf. Es 
ivar still, feierlich wie in der Kirche, in Tancred's Auge stieg 
eine Thräne und sein Gesicht legte sich in düstere Falten. Auch 
Bertha's Uebermuth ivar verstummt, mit ihren großen, dunklen 
Kinderaugen sah sie auf die drei Menschen und fühlte ahnungs 
voll, daß sich in diesem Augenblicke zwischen ihnen Etivas voll 
zog, ivas tiefeingreifend auf ihre Gefühle ivirkte. Was, ivußte 
sie fteilich nicht. Buffo verneigte sich stumm nach allen Seiten 
und verließ festen Schrittes, erhobenen Hauptes das Zimmer. 
Fliegender Hast warf er auf dem Vorsaal den Mantel um 
und stürmte hinaus. Auf der Treppe blieb er stehen, klammerte 
sich am Geländer fest, ein Thränenstrom entstürzte seinen Augen, 
die Rechte aus das Herz gepreßt, sah er schmerzdurchwtthlt nach 
der Thüre, welche ihn von der trennte, die er liebte und 
nicht lieben durfte. 
„Ring!" Der Major stand vor ihm und reichte ihm sein 
Notizbuch, was er vergessen hatte; Buffo sthauerte zusammen. 
„Ring", flüsterte er noch einmal, „Sie sind ein edler, ein 
tapferer Mann, das mag Ihnen Gott vergelten." 
Ohlefeld's Arme umfaßten ihn und seine Lippen ruhten 
auf dem Munde des jungen Offiziers, der nun wie gebrochen 
das Haus verließ. 
Todtenblcich kehrte der Major in das Familienzimmer 
zurück, schweigend setzte er sich neben seine Frau und Beider 
Hände, kalt und blutleer, lagen in einander. Tancred drückte 
Lori's Rechte leise, da schoß das Blut in ihre Finger und 
krampfhaft umspannte sie die Hand ihres Gatten. 
„Mein lieber Mann", und langsam, wehmuthsvoll zärtlich 
zu ihm emporblickend, ruhte ihr blonder Kopf an seiner Schulter. 
Niederdrückend lag es auf dem kleinen Kreise, Bertha fühlte 
sich so unbehaglich, wie nur möglich. Warum erschütterte 
Lori und Tancred dieser Abschied so gewaltig? Froh, daß sie 
morgen wieder nach Potsdain zurückkehren mußte, ging sic 
früh zu Bette. Ring reiste wenige Tage darauf zu seinen 
Verwandten ab und wirklich erfolgte demnächst seine Komman- 
dirung zur Botschaft nach Paris.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.