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Periodical volume 23. März 1889 Nr, 25

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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werde telegraphiern, sie solle zu deni heutigen Tage kommen, > 
um dann auf längere Zeit bei uns zu bleiben." Lori hatte ! 
hastig gesprochen. 
„Ist es Dir zu einsam mit mir allein?" fragte Herr 
von Ohlefeld schmerzlich. 
„Nein, nein aber —." 
Tancred sah, wie sie die Farbe wechselte und ein Ahnen 
stieg in ihm aus, daß sie das junge Mädchen nur zum Schutze 
vor sich selber einlud. 
„Thue es, mein Kind", sagte er endlich. Noch in der 
selben Stunde flog eine Depesche nach Potsdam. Und statt 
der Antwort traf ain Abend Fräulein Bertha von Allen ein. 
„Siißc Lori, hier bin ich, und nun kannst Du sehen, wie 
Du mich wieder los wirst! Aber amüsiren mußt Du mich, ich 
>vill tanzen, in's Theater gehn, für Musik und Kunst will ich 
schwärmen, daß Du schon bereuen sollst, mich leichtsinnig ein 
geladen zu haben! Gefalle ich Dir? Findest Du mich hübsch? 
Du siehst mich so prüfend an, was dachtest Du?" 
Lori blickte sie noch immer an, endlich lachte sie hell auf. 
„Ich überlegte eben, ob Du das Mädchen wärst, zwölf Lieut- 
nants zu amüsiren." 
„Nun und zu welcher Ueberzeugung bist Du gekommen?" 
„Daß Du ganz dazu geschaffen bist." 
„Hurrah, hurrah, famos, mit einem ganzen Dutzend und ! 
wenn Du willst, mit Zweien mehr, nehme ich es auf." 
Die Damen kleideten sich an, je näher die Stunde von ! 
Buffv's Kommen heranrückte, desto mehr sank aber Lori's Muth 
wieder. Ob Bertha nach Busso's Geschmack war, bezweifelte ! 
sie — und — klopfte ihr Herz jetzt nicht freudig? War ihr es 
nicht lieb, wenn — — ? — fort damit! Wandte sich denn 
nur in ihr Alles zur Untreue gegen ihren Gatten!? Das lange 
blonde Haar gelöst, — sie konnte sich nicht entschließen es zu 
ordnen — sank sie wie gebrochen nuf einen Stuhl. So traf 
sie Bertha. 
„Aber Lori, es ist die höchste Zeit." 
»Ja, ja." 
„Mach Dich nur schön, denn Deine Lieutnants liegen 
Dir, als der jungen Kommandeusc natürlich selbstredend zu 
Füßen." 
„Wo denkst Du hin, gehe nur, ich komme gleich." > 
Fliegender Hast kleidete sic sich an. Schon wurde zum ersten 
Male die Klingel gezogen, da trat sie in das Enipsangszimmcr 
ein. Ein Offizier nach dem andern erschien, zuletzt kam Herr 
von Ring. 
„Lori, der ist zum N'iedcrknieen reizend," flüsterte Bertha 
ihr zu und entfaltete Buffo gegenüber den ganzen Vorrath 
ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit. Lori's Herz krampfte sich 
zusammen, ihr war es, als wenn dieses Mädchen ihr Etwas j 
rauben wollte, was ihr gebührte und dennoch ließ sie den ! 
Adjutanten Bertha zu Tische führen und wußte es so einzu 
richten, daß sie zusammen musicirten. Sic selbst aber hielt sich 
fern von ihm. Tancred sah das Alles und schwieg. Es ! 
schmerzte ihn und dabei unterstützte er seine Gattin, soviel er 
nur konnte. 
Endlich gaben Beide, das Unnöthigc ihres Beginnens ein- 
sehend, ihre Bemühungen auf. Der Lieutenant, Graf Waldsee 
von Jlmenthal, hatte sich zu Bcrtha's entschiedenem Ritter anf- 
geworfe». 
„Ein sehr nettes, vergnügtes uitd dabei recht tvohlhabeudcS 
Mädcheir", ließ der Major wie zufällig in die Unterhaltung 
fallen, wohl wiffend, daß die letzte Eigenschaft den jungen 
Herren nicht gerade unangenehm war. Die Gesellschaft war 
vorüber, Tancred saß mit den beiden Damen noch einen 
Augenblick zusainmen. 
„Höre, Lori, dieser Lietitnant von Ring sieht ganz 
charmant aus, aber steif und förmlich ist er, tvie aus Holz 
geschnitzt. Ich glaube, er trägt einen Stein als Herz im 
Busen." 
Lori erröthete, um so mehr da sie fühlte, wie eigen der 
Blick ihres Gatten auf sie gerichtet war. 
„Der kleine Graf ist viel netter", schwatzte Bertha weiter. 
„Zu was er mich Alles aufgefordert hat. Morgen z. B. soll 
ich zun, Schlittschuhlaufen auf die Rouffeauinsel kommen. Ihr 
begleitet mich doch? Seht Ihr, jetzt geht die Unbequemlichkeit 
schon los." 
Wirklich ging Herr von Ohlefeld am nächsten Tage mit 
den beiden Damen zur Schlittschuhbahn. Wie bunt dort Alles 
durcheinanderwirbelte, viele hundert Menschen belebten die 
spiegelglatte Fläche, welcher die im Rauhfrost prangenden 
Bäume des Thiergartens zur stimmungsvollen Umgebung 
dienten. Die Musik der Garde - Kürassiere spielte, fröhliches 
Lachen und Stimmengewirrr mischte sich darunter und dazu 
jenes geheimnißvollc FRrrrrrr — ssssssss^ der scharfen Eise», 
— welche die Eisbahn ritzten. Da kam schon Graf Waldsce 
leichtbeschivingten Fußes angeflogen, kniete vor Bertha nieder 
und schnallte ihr die Schlittschuhe an. Ein wenig abseits stand 
von Ring. Es wäre unhöflich gewesen, hätte er die Herr 
schaften nicht begrüßt und sich zu Lori's Verfügung gestellt. 
Jetzt hielt er deren zierlichen Fuß in der Hand, schnallte die 
Riemen fest rind Hand in Hand in süßem Vergcffen schwebten 
sic dahin. Sic sprachen nicht, denn jedes Wort wäre eine 
Lüge gewesen, weil sie von Dein, was sie bewegte, nicht 
sprechcir durften. 
„Wahrhaftig, mein Mann läuft auch", rief Lori. Schnell 
ihre Hände aus denen des Adjutanten lösend, lief sic ihm ent 
gegen. 
„Das tvar eine Flucht", flüsterte Buffo vor sich hin. 
„Uud das war gut!" Er schnallte die Schlittschrihe ab und 
trat den Heimweg an. 
„Komm Tancred!" sagte Lori freudiger Hast. „Hätte ich 
ahnen können, daß Du auch Schlittschuh liefest, so würde ich 
auf Dich gewartet haben." 
„Man versucht es einmal wieder", sagte der Major ei» 
wenig trübe, reichte Lori die Hand und lief mit ihr weiter. 
So flott tvie mit Herrn von Ring ging das freilich nicht, aber 
es ging doch. 
„Das tvird sich schon wieder finden. Dir fehlt es nur an 
Uebung, Tancred. Wie lange ist es her, daß Dll nicht mehr 
gelaufen bist?" 
„Zum letzten Male mit Louise, ein halbes Jahr vor 
ihrem Tode." 
„So", sagte Lori kurz. Selbst hier verfolgte sie der 
Schalten der verstorbenen Frau. 
„Wo ist denn Ring geblieben?" ftagte Tancred nach einer 
Weile. Lori sah sich um. 
„Dort auf der Brücke steht er, er scheint nach Haust 
gehen zu wollen." 
Tancred schwebte ein bitteres Wort auf den Lippen-
        
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