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Volume 16. März 1889 Nr, 24

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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Hohn durch die Stadt geführt. Ein Dieb sitzt rücklings auf einem 
Esel, auf Karren folgt anderes Gesindel, die Eskorte besteht aus 
kurfürstlichen Trabanten. 
Der Stadt und der Periode des Alten Fritz ist das dritte 
Gemälde gewidmet. Der große König, im letzten Jahrzehnt seines 
Lebens, hält, unigeben von seinen Generalen und Adjutanten auf 
seinem getreuen Schimmel Conds und läßt prüfenden Blickes die 
Züge eines Gardebataillons, dem neben dem Oberst der zukünftige 
Thronfolger Prinz Friedrich Wilhelm voranschreitet, an sich vorüber- 
marschiren. Den Hintergrund der Parade bilden die Linden, 
damals noch durchschnitten von dem Graben mit Zugbrücke. 
Links erhebt sich das einfache Palais, das spätere Heim Friedrich 
Wilhelm III. und seiner Gemahlin, in welchem auch Kaiser 
Wilhelm I. sowie der jetzige Herrscher das Licht der Welt 
erblickten, welches auch mehrere Jahrzehnte hindurch, nach seiner 
gänzlichen Umbauung, Kaiser Friedrich III. zum Wohnsitz diente. 
Hinter den» Palais sehen wir das Opernhaus und hinter diesem 
den Palast des Markgrafen von Schwedt, welches dem Palais 
Kaiser Wilhelm I. weichen mußte. Vorn rechts ist ein Stück des 
Zeughauses sichtbar, es schließt sich die schmale Wache sowie das 
Palais des Prinzen Heinrich, Bruder Friedrich's des Großen (die 
heutige Universität), an. Freilich, den stolzen und vornehmen 
Eindruck wie heute machen die „Linden" noch nicht, aber damals 
waren sie schon das „Herz von Berlin," wie sie es noch heute 
sind und jedenfalls stets bleiben tverden, unsere via triumphalis, 
mit welcher sich die ruhmvollsten Erinnerungen unserer Stadt eng 
verknüpfen. Paul Lindenbcrg. 
Mnrlnscht PflnnMsymbolik und Legende. 
Hortensie. 
Sic transit gloria mundi! Dieses wehmuthsvolle Wort können 
wir älteren Märker der schönen Blume Hortensie mit leisem Kopf 
nicken widmen. Denn wir haben dieselbe noch gekannt, wie sie 
gleich der Centifolie, welcher es unter den Rosen ebenso ergangen 
ist, in Königlichen Ehren stand. Wer vor dreißig bis vierzig Jahren 
z. B. nach Sanssouci, sei es durch das „Grüne Gitter", sei es 
durch den Eingang bei der „Meierei Charlottenhof", ging, den 
empfing beim Eintritt in die Königlichen Gartenanlagen eine über 
reiche Fülle von schön gruppirten Prachtexemplaren der Blume 
Hortensie. 
Jetzt ist kaum in der Nähe der „großen Fontaine" eine kleine 
Nebengruppe von Hortensien zu bemerken. Und während vordein 
alle Gartenfreunde ihren Stolz in gutdurchwinterte, dickbuschige 
Hortensie» setzten, finden wir zur Zeit nur noch vereinzelt auf ab 
gelegenen Riltersitzen oder Pachtungen sowie in den Vorgärten ein 
zelner Bauernhäuser Hortensien — im Plattdeutsch vielfach „Atteuse" 
benannt. 
Wohl hat cs sein gutes Recht, daß der Geschmack wechselt. 
Niemanden wird cs einfallen, die jetzt beliebte satte Gluth der 
Blumenpracht wegräumen zu wollen, die Feierzeit der Hortensie ist 
aber endgiltig vorbei. 
Jedoch das sollte nimmer geschehen, daß, wie Gefahr vorhanden 
ist, die Hortensie völlig von unsern Beeten verschwindet. Mag 
man in der übrigen Welt sich um die Hortensie nicht mehr 
kümmern, wir Märker wenigstens sind ein pietätvolles Festhalten 
an der Pflege dieser Blume dem Gedächtniß der hehren Königin 
schuldig, welche sich dieselbe einst zur Lieblingsblume erkoren hatte, 
unserer „Preußischen Heiligen", nämlich der Königin Luise. 
Wir brauchen nur der volksthümlichen Benennung und der im 
Volke vordem gepflegten Legende sinnig zu folgen: da ergiebt sich 
von selbst eine werthvolle, nicht leicht verlierbare Hochschätzung der' 
Hortensie und eine entsprechende. Anwendung derselben. 
Hortensie trägt im Volke den Beinamen „Todtcnblume", 
und ängstlich flüstert ein kundiger Mund dem, der Hortensien zu 
schöner Pracht entwickelt bei sich hat, zu: „Magst sorglich pflegen 
jede andere Rose, nur diese eine nicht; sonst kostet's dem, der 
Deinem Herzen am Nächsten steht, die Rosen der Wangen." Und 
folgende Legende läuft über die Hortensie um: 
Hortensie ist eine matte Rose; Stiel, Blatt, Blüthenbusch und 
Blüthenfärbung künden es deutlich an, die alle voll und doch matt, 
frisch und dabei doch hinfällig erscheinen. Hortensie ist, erzählte man 
früher in den Spinnstubenversammlungen vor dem Kienspan im 
Kamin, zu Anfang der Menschheit von Gott aus einer welken 
Rose umgebildet und neu geschaffen worden. Eva nämlich liebte 
es, allabendlich ihres Lieblings Abel Haupt mit einem Kranz von 
Feldrosen zu schinücken, wenn derselbe von der Heerde heimgekehrt 
in ihrem Schvoße ruhte. 
Eines Tages nun brachte man ihr den Liebling erschlagen 
heim. Sie aber ließ nicht von der Gewohnheit und kränzte auch 
des Todten Haupt mit dem bereits fertig gehaltenen Rosenkränze, 
dessen Blüthen freilich unter ihren darauf tropfenden Thränen eiligst 
hinwelkten. Mit demselben welken Kranze bedeckte sie im stummen 
Schmerze danach Abels Grab, da sie es nicht vermochte, noch 
einen neuen zu winden. Da erbarmte sich Gott der trauernden 
Mutter und verlieh den welken Rosen neue Lebenskraft. Es sollte 
die neu in Rosen-Nachbildung erstehende Blume zugleich an sich 
das Zeichen der Verheißung tragen: wie aus den Gräbern blühet 
unsere Hoffnung auf und daß wir Menschen nicht mögen im Tode 
bleiben! 
Durch solche schöne Legende wird die dem Aberglauben ängst 
licherweise anhaftende Scheu vor der „Todtcnblume" in die bessere 
Gestalt christlicher Glaubenszuversicht verklärt. Jst's nicht Anlaß 
genug, bleibend dieselbe zur Todtenblume, zum Gräberschmuck zu 
erklären? 
Praktisch betrachtet empfiehlt sich die Hortensie als Gräberzicr 
zwiefach. Erstlich bieten ihre niedrige Verzweigung und die voll 
darüber wallende Blumenmasse eine ausgezeichnete Füllung der 
Oberfläche eines Grabhügels. Diese Pflanze „deckt" wie keine 
andere das meist sehr schwer in gutem Pflanzenbestande zu 
haltende Erdreich eines Grabes. Der Pflege, des Begießens — 
wie schwierig und theuer oft auf Friedhöfen! — bedarf sie kaum. 
Ebenso wenig ist es nöthig, sie im Winter fortzunehmen. Ein 
wenig Bedeckung genügt, die Hortensie im Freien gut zu über 
wintern und — Versuche in der bekanntlich „frostigen" Prignitz 
liefern dafür genügenden Beweis — zum Frühjahr ein wenig flüssiger 
Dungaufguß heran: so erblüht, falls die Stelle hinreichend Sonne 
hat, die in freier Erde wurzelnde Hortensie von Jahr zu Jahr 
voller und schöner. Auf genügende Sonne kommt es allerdings an; doch 
die pflegt auf den ivenigsten Friedhöfen zu fehlen. Der andere prak 
tische Werth der festgewurzelten Hortensie auf Gräbern wäre, daß 
sie nicht leicht stehlbar erscheint. In Kränze oder Sträuße läßt 
sich diese Bombcnblüthe nicht einfügen: ein Kirchhofsdieb würde da 
mit nichts anzufangen wissen. 
Zum matten Grün der Chpreffen, Lebensbäume, Koniferen 
mancherlei Art, mit welcherlei Bäumen Gräber bepflanzt werden, 
zu dem Dunkel von Epheu, von Immergrün würde das gehaltene 
Hellgrün und Rosa der Hortensie zweifelsohne viel besser passen 
als die oft so wenig zuni Ernst der Grabstätten stimmende bunte 
Zier, welche liebevolle Gutherzigkeit dorthin setzt. 
E. Handtmann. 
Die Kunst im Dienste der Politik. 
(Aus der Zeit von 1870.) 
Die Begeisterung wurde von den Künsten, die in Dienst der 
Politik treten, von jeher auf das Eifrigste genährt. Es giebt fast 
leinen Zustand, in welchem die Menschen sich nicht auf ästhetische
	        
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