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Periodical volume 16. März 1889 Nr, 24

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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„So manche schöne Blume, die blüht auf weitem Feld, 
Und drüber ward der Himmel als Wächter aufgestellt. 
Ich ging und wollte suchen und suchte ohne Nuh, 
Und doch war keine Einzige so schön, so schön wie Du! 
So schön, so schön wie Du!" 
Gesteigertes Empsiilden ließen die letzten Worte wahrhaft be 
geistert klingen. Buffo erschrak selbst darüber und Lori's Beglei 
tung verwirrte sich. Jetzt verneigte sich Ring klirz und trat zurück. 
„Ich danke unterthänigst, gnädige Frau," sagte er, immer 
noch mit erregter Stimme. 
„Run und den dritten Vers?" fragte Lori. 
„Ich denke, wir lassen ihn, der Herr Major wird genug 
gehört haben." Busso's und Lori's Augen trafen sich und 
etlvaS Eigenes, ctivas Berständnißvolles, etwas, was ihnen das 
Blut in die 
Wangen trieb, 
flog zwischen 
ihnen herüber 
und hinüber 
und — 
das sah Tan- 
ercd , den es 
erbleichen 
machte. 
„Wie Sie 
wollen, Herr 
voll Ring", 
sagte Fran 
von Ohlefeld 
kühl, stand ans 
und schloß 
unsicherer 
Hand den 
Flügel, durch 
dessen Saiten 
es noch lange 
wie leises Kla 
gen tönte. 
„Meinet 
wegen", flihr 
Herr von 
Ohlefeld ans, 
„ich höre es gern. Sie sollten sich nicht stören lassen." Mail inerkte 
es seinen Worten, sah es seineil Mienen an, daß er halb wie int 
Traume dagesessen hatte. Berührten ihn die Töne dieses In 
strumentes auch noch so schmerzlich, so mußte er sich doch daran ge 
wöhnen, er sah es ein. — Aber dieser Austausch jenes Blickes! 
Es wallte heiß in Tancred auf. 
„Ich darf wohl den Herrn Oberstlvachtmeister an unsere 
Unterschriften erinnern?" fragte der Adjutant jetzt, in dienstlicher 
Förmlichkeit. „Gewiß, gewiß, kommen Sie." Ohlefeld stand 
auf lind begab sich mit ihm in das Nebenzimmer. Lori war 
allein, die gefalteten Hände auf den Flügel gestützt, stand sie 
lange da. „Warliiil wollte er den letzten Vers nicht singen?" 
Sic flüsterte ihn vor sich hin: 
„Und ging ich auch uiid suchte, die Welt wohl hin und her, 
Ich fände ach, doch Keine, die Dir nur ähnlich wär. 
Drum laß mich nicht mehr suchen und gieb mir endlich Ruh, 
Denn Du bist meine Einz'ge, Du Reine, Schöne Du!" 
üciliii unter üursiirst Joachim I. 
Das Blut schoß ihr jäh zu Kopfe und dennoch fröstelte 
sie — und dabei fühlte sie jenen Blick — jenen Blick. 
Die dienstlichen Geschäfte zwischen Kommandeur und Ad 
jutant waren bald beendet lind Busso trat noch einmal in 
das Wohnzimmer, um sich von der Dame des Hauses zu ver 
abschieden. 
„Wollen Sie nicht zum Thee bleiben?" fragte der Major 
in einer Art, der man es anhörte, daß ihn nur die Höflichkeit 
diese Anfforderung aussprechen ließ. Der junge Offizier dankte, 
und Frau von Ohlefeld linterstützte die Bitte ihres Mannes 
nicht. Der Abend zwischen den beiden Ehegatten verlief ein 
silbig. Lori ging früh zur Ruhe und Tancred zwang sich 
tvieder zur Arbeit. Aber die Feder stockte, er war nicht 
bei der Sache und gab es endlich auf. Sinnend saß er am 
Kamin und 
starrte in die 
Flammen! 
Sein Haus 
dünkte ihm 
so leer, noch 
leerer, wie in 
der langen, 
traurigen Zeit 
seines Witt- 
tverthums. 
Er stand auf 
und durchmaß 
langsamen 
Schrittes die 
öden Räume. 
Auf dem Kla 
vier lagen 
noch die Noten 
des. Liedes, 
vo>t dem Herr 
von Ring vor 
her nur zwei 
Verse gesungen 
hatte. Warum 
brach er ab 
und sang den 
nicht mehr? 
Tancred wollte das Blatt ergreifen, doch eine Scheu, es zu 
berühren, überkam ihm. Es liegen lassend, setzte er seine 
Wanderung fort. Wieder schritt er an dein Flügel vorüber, 
plötzlich griff er danach! 
„Und ging ich auch und suchte, die Welt wohl hin und her. 
Ich fände ach, doch Keine, die Dir nur ähnlich wär. 
Drum laß mich nicht mehr suchen und gieb mir endlich Ruh, 
Denn Du bist meine Einz'ge, Du Reine, Schöne Du!" 
Lange starrte Tancred auf den Vers, endlich legte er das 
Papier aus der Hand. 
„Denn Du bist ineine Einz'ge, Du Reine, Schöne Du! 
Deßhalb also! — Deßhalb!" Wie niedergeschmettert stand er 
da, die kalte Hand vor die geschloffenen Augen gepreßt. 
Herr voit Ring hatte sich lange nicht sehen lassen, die 
Sitzringen waren nicht fortgesetzt tvorden; neulich, in einer
        
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