Path:
Periodical volume 16. März 1889 Nr, 24

Full text: Der Bär Issue 15.1889

294 
erkundigte. „Wie karn es mir, gnädige Frau, daß Sie so ! 
unglücklich stürzten?" 
-Lori schwieg einen Augenblick, dann sagte sie mit einem 
inneren Widerstreben, das ihrer Stiminc leicht anzumerken war: 
„Sie wissen, daß an jenem Tage der Geburtstag meiner 
Vorgängerin war, ich wollte ihr Bild bekränzen und da —", 
sie brach plötzlich ab, Thränen stiegen in ihren Augen auf. 
„Es ist nicht leicht, einen Platz auszufüllen, der ftüher so gut 
besetzt war." 
Es war heraus, wider Willen hatte sie gesprochen, ein 
unabweisliches Etwas hatte ihr die Worte auf die Lippen ge 
drängt, die sie jetzt so sehr bereute. Hatte sie dadurch nicht 
diesen fremden jungen Mann ihrem Gatten gegenüber zu ihrem 
Vertrauten gemacht? Hatte sie ihin nicht einen tiefen Blick in 
ihr Inneres gestattet, das sie noch niemals Jemanden erschloß? 
Zeigte sic ihm nicht den Schatten, der auf ihrer Ehe, ihrem 
Glücke lag? 
Nun lag ihre Hand wieder in der seinen, nun fühlte sie 
den warmen Druck derselben, sah das offene Auge des jungen 
Offiziers thcilnehmend auf sich ruhen und jetzt, sie hätte auf 
schreien mögen, und doch vermochte sie ihm nicht zu zürnen, 
jetzt wagte er es, sie zu trösten. Sie, die Frau des Majors 
von Ohlcfeld, erhielt von einein jungen Offizier Trost für den 
Kummer, welchen ihr Gatte ihr unwissentlich zufügte?! Trotz 
dem ihr Fuß sic noch schmerzte, stand sie auf und schritt einige 
Riale im Zimmer auf und nieder, um sich Fassung zu erringen. 
Welcher Abgrund that sich plötzlich vor ihr auf? Wie sollte 
cs noch werden, wenn das so fortging, wenn eine Zwischen- 
person zwischen sic und ihren Gatten trat, noch dazu ein junger 
Offizier, dem sic mehr anvertraute, als ihrem Eheherrn!? — 
Ein Schleier senkte sich hernieder, schwarz, undurchdringlich, 
welcher ihre Zukunft lind die des edelsten, besten Mannes, der 
sie aus Nichts zu sich emporgehoben, in Frage stellte? — Ach, 
hätte er's doch nie gethan — hätte er sie allein ihren Lebcns- 
psad finden lassen! Sie schauderte zusammen, so weit war's ! 
schon gekommen? — und Tancrcd ahnte nichts — war blind 
und taub für ihre Qualen, die ja auch die seinen ivcrden 
mußten. — Nein, — sie sah zu trübe. — Ihr Gefühl für 
das Recht und die Heiligkeit der Ehe war in ihr zu stark ent- 
tvickelt, so daß sie jede unschuldige Kleinigkeit zu einem Unrecht, 
einem Verstoß gegen die letztere aufbauschte. — Sie war un 
überlegt gewesen, weiter nichts, niemals sollte tvicder zwischen 
Ring und ihr von solchen Dingen die Rede sein. 
„Wie steht es mit Ihrer Malerei?" gab sie dem Gespräche 
krirz eine andere Wendung. Busso schtvieg. „Haben Sie gar- 
nichts gemalt?" 
„Ich habe nur einige Skizzen entworfen." 
„Kann man sie nicht eininal sehen?" 
„Oh, es sind Stülnpcreicn." 
Lori schritt auf den Nebentisch zu, ergriff ein dort liegendes 
blaues Heft und hielt es ihm lächelnd entgegen. 
„Mein Skizzenbuch? Wie kommt das hierher, gnädige ! 
Frau?" Hastig nahm er es an sich. 
„Der Bursche gab cs hellte lnorgen hier ab, durch einen 
Zufall war es in die Mappe für die Unterschriften gekommen. 
Fürchten Sie übrigens keine Indiskretion," setzte sie hinzu, als 
sie Busso's Verlvirning bemerkte, „ich habe keinen Blick hinein 
geworfen, obgleich ich recht neugierig war. Ja, ich bin es noch, 
und ich bitte Sie, lirir zu erlauben, es betrachten zu dürfen." 
Busso erröthete und überreichte es. ihr zögernd. Land- 
schasten, Scenen alis dem Kasino, am Exerzierplätze, wechselten 
mit Entwürfen von der Rennbahn und jetzt, Lori sah lange 
darauf hin, erschien ein weiblicher Kopf, der unverkennbar ihre 
Züge trug. Sie beugte sich tiefer daralif nieder, doch sie wollte 
unbefangen sein. 
„Sie haben mich aus dem Gedächtiliß recht gut getroffen." 
„Haben Sie sich erkannt, gnädige Frau?" fragte er freudig. 
„Sofort, obgleich Sie mich doch ein wenig zu sehr idea- 
lisirten, für unsere reale Zeit paßt das nicht." 
Buffo schwankte, er setzte zum Sprechen an und doch 
schwieg er. 
„Glaliben Sie, daß es Jhreur Herrn Gemahl Freude be 
reiten würde, wenil ich ihn mit einem kleinen Oelbilde von 
Ihnen überraschte, gnädige Frau?" — Wie erleichtert, daß es 
heralis war, sah er sie fragend an. 
Sie schrak zusamnlen. Aber warum nur? Suchte sie 
denn nur in Allem Etwas? Hatte sie denn alles Vertrauen 
zu sich selbst verloren? 
„Ich glaube es wohl," sagte sie endlich, aber immer noch 
mit einer gelvisscn Zurückhaltung, „mein Mann wünschte sich 
sogar neulich ein Bild von mir." 
„Gilädige Frau," rief Buffo strahlend, „sie konnilen ja 
meinem geheimsten Wunsche, Sic malen zu dürfen, damit ent 
gegen. Ich wagte nur nicht, diese unbescheidene Bitte auszu 
sprechen." 
Schon that es Lori leid, was sie gesagt hatte, aber es 
wäre aliffallend gewesen, hätte sie sich jetzt eines Anderen be 
sinnen wollen. „Wohlan, zwei Sitzungen will ich Ihnen ge 
währen, eine für den ersten Entwurf, die zweite für die 
Farbenskizze." 
„In einer halben Stunde bin ich wieder hier, gnädige 
Frau, ich werde alles Nöthige dazu aus meiner Wohnung 
holen." Bllsio empfahl sich, warf sich in eine Droschke erster 
Klasse und fuhr nach Hause. Noch nie im Leben glaubte er 
so langsam gefahren zu sein, eine Unruhe hatte ihn erfaßt, 
Alles in ihm drängte dazu, sobald als liiöglich wieder bei der 
jungen Frau zu sein. 
Lori war allein. „Was habe ich gethan?" sagte sie 
tonlos und wandte sich erschreckt von ihrenr eigenen Bilde ab, 
was ihr so bleich aus dein Pfeilerspiegel entgegen trat. 
„Taircred, Gott sei Dank, daß er kommt." Sie flog in 
sein Zimmer. „Mann, ich will Dich zu Deinein Geburtstage 
mit Etwas überraschen!" 
„Ei, überraschen? Und das kündigst Du mir jetzt schon an?" 
„Es würde mir mehr Freude machen, wenn Du dabei 
wärst und zusähest, tvie die geplante Ueberraschung entsteht." 
„Das ist ja sonderbar. Und darf man wissen, wvrin sie 
besteht?" 
„Herr von Ring will mich für Dich malen." 
Einen Augenblick schwieg Tancred. Wie eigen benahm 
sich Lori? Ohne Zweifel fürchtete sie sich, mit dem jungen 
Offizier allein zu sein. Woraus entsprang diese Furcht? Fühlte 
sie sich vor ihm oder vor sich selbst nicht sicher? Sein Blut 
schoß jäh vom Herzen zu der Stirn. „Ist diese Mittheilung- 
welche sie mir eben machte, etiva ein Schutzwall, den sie gegen 
sich selbst errichtete?" fragte er sich. — — — Sein festes 
Vertrauen zu seinem Weibe schwankte. — Aber nur einen 
Augenblick kam er in's Wanken, und schon dies empfand er
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.