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Periodical volume 9. März 1889 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Einimpfung von der Gymnasialprima her, erinnernd an die grau 
same Körperstrafe in Athens fiapavtSoüTs töv äuSpa!? 
Noch einmal müssen wir nach solcher Abschweifung auf will 
kürliche Volksjustiz zu der geordneten Verwaltung'zurückkehren. Was 
wir da noch zu hören bekommen, klingt gar wehmüthig: „(148) etwas 
aus der Armenkasse". Ja, wehmüthig klingt solcherlei Ausdruck 
für Schläge; und doch dabei: wie trefflicher Humor steckt zugleich 
darin! . , 
V. Allgemeiner Lebensverkehr. 
Der allgemeine Lebensverkehr trägt sich außer den bisher auf 
geführten noch mit einer großen Zahl von weniger speziellen, gang 
und gäbe statthabenden Kunstbezeichnungen für Schläge und schlagen. 
Noch freilich kann man einigen den Ursprung anmerken. So z. B. 
stammen ohne Frage aus der Landwirthschaft die Bezeichnungen 
„(149) den Rücken aufeggen, (149a) durchklappern, (150) auf- 
halftcrn", gebraucht von Schlägen, welche eine kleinere Person von 
unten her gegen eine größere mit Erfolg austheilt, (151) den Decem 
verabfolgen, (151 a) auslohnen, auszahlen, Wochenabrechnung halten; 
ein in kinderreichen Familien sehr beliebtes Verfahren, summarischer 
Art des Sonnabends oder Montags. In gleiche Linie möchte das 
sonst kaum zu deutende Wort „Rabamße (152)" zu stellen sein, 
daß man von der slavischen Stammwurzel „Robot" herleitet. 
Robot (zu sprechen Rabött) — pflichtschuldige Arbeit der früher 
hörigen Leute, welche bei und nach Schluß der Arbeit Prügel 
genug empfingen: eine auch sonst in volksthümlicher Sprache be 
liebte Begriffsumkehrung. Ebenso die höhnische.Drohung „(152a): 
Lauf mir ja nicht gegen die Faust!" 
Auf ländlichen Brauch deuten weiter die Ausdrücke: „(153) 
die Hucke voll sc. Holz laden oder packen (154) braten (wie 
Flachs), kurz und klein kriegen, (154a) durchhecheln, (155) Menge- 
mus aufschütten resp. (156) Mengkorn geben, abgekürzt in „(157) 
etwas aufmengen". „(157a) aufmeiern" so. der Hvfmeier die Hof- 
jungens. Ferner möchten der ländlichen Lebensweise und ihrem 
Platt entstammen: (158) durchknöpern — Vertauschung der Liquiden 
l und r — d. h. mit einem derben Knüppel durchhauen; als Unter- 
begriff a) ist solcher Knüppel lang und glatt (159) «beschern d. h. 
mit zähem Eschenholz; b) ist der Knüppel knubbig und knotig 
„(159a) verknoten", woran sich schließt „(160) eintränken", muth- 
maßlich eine Reminiscenz an die knotige Weinrebe (vinea) und 
deren Bedeutung im römischen Heere. „(161) Verlatten und (162) 
durchgattern" deuten auf das ländlich-sittliche.-Verfahren hin, kurzer 
Hand die erste beste Zaunlatte oder Gittersplisse zum Zuschlagen zu 
benutzen. Als Hauptausdruck auf dem Lande gilt: „(163) Dresche". 
Neben ihm recht häufig „(164) Herzstärkung", erinnernd an das 
klassische Wort: <5 p) däpsis ävHwxos oi> ■ttmStüezai Unseres Dichter 
fürsten Göthe, plattdeutsch umgebildet, in die Redewendung: 
„Prügel macht düchtig! Schade um jeden Schlag, der vorbei 
gegangen ist; wohl dem, dem stets richtig (165) aufgeliefert" worden 
ist, der „(165a) Frischwachs" „nach Zählen und Raten" „be 
sehen" hat. 
Die Wörter „(166) ausbrennen" und „(167). einbremsen", 
erinnern an Pferdezucht. Auf Forstwirthschaft führt die schöne Be 
zeichnung „(168) Wurzelkost" nebst den. verwandten Zeitwörtern 
„(169) durchwurzeln, auSwurzeln", sowie „(169a) auflockernd. 
„(170) Zu Dach steigen", „(171) aus den Kopf kommen" ent 
stammen vermuthlich ebenfalls der mit Strohdächern und Stroh- 
köpfen viel in Beziehung stehenden Landbevölkerung. 
Singt Viktor v. Scheffel aus Süddeutschland von der Rechnung 
in Keilschrift aus sechs Ziegelstein, so kennen wir es auch, daß der 
Wirth einem unliebsamen Gaste „(172) die Rechnung rückwärts 
schreibt". Doch thut er's nicht so eigenhändig, als er es meistens 
seinem Haushälter, Hausknecht überläßt, zumal dieser von Berufs 
wegen sich gut versteht aus das „173) auslüften, (173a) abfächern 
resp. fächeln, (174) abstäuben, ausfegen, (175) ableuchten, (176) 
auspeitschen, kallaschen, (176a) löschen, (177) bahnen, (178) 
aufeisen und (179) Plepse austheilt" — ob von xX^rrstv, griechisch? — 
„heimleuchten, heimzahlen, durchwaschen, (179a) vertobacken, (179d) 
durchnackeln, es muß man so sein". So ein richtiger Hausknecht 
„(180) jackelt einen auf", oder auch „(181) wäscht einem den Pelz", 
daß die Lust zum Wiederkommen vergeht! 
VI. Einzelheiten, welche nicht recht zu erklären sind. 
Wie wollen , wir „(182) einschwänzen" erklären? Jäger sind 
der Ansicht, weil der geprügelte Hund den Schwanz einklemmt. 
Andre leiten es vom Aufschwänzen der Pferde, andre von der bekannten 
sieben- resp. „neungeschwänzten Katze", auch „Rehpote mit sieben 
Blumen", genannt, her. „(183) Juchte", ein an der Oder beliebter 
Russicismus. In der Niederlausitz sagt man „(184) Schmeiße"; 
ebenso der Erklärung harrend wie der Studenten-Ausdruck: Schmiß, 
Schmisse. (185) Knuffe, (188) Püffe und (186 a) Pinke bezeichnen alle 
drei kurze Faustschläge, mehr Stöße; Pink ist dem Gebrauch von 
Feucrstahl und -Stein entnommen. „(187) Feuer aus de Ogen" 
— Faustschlag ins Gesicht. „(188) Schilderhaus bedeutet — Faust 
schlag auf die Nase. Hiermit übte man vordem eine drastische 
Mahnung an säumige Schuldner, denen dabei der Spottvers zu 
gesungen wurde: 
„Na ruhig ran man, olle Tunte, und rücke Deinen Dhaler raus. 
Davor bau ick uf Deine bunte beblümte Näs' ein Schilderhaus". 
Erklärungsschwierigkeit macht „(189) Senge". Kommt's her 
von „versengen", gleichbedeutend mit „(190) den Puckel warm" 
oder „(190) die Hölle heiß machen"? Oder ist es eins mit sangern, 
tingern — zittern, beben, also durch Schläge in Furcht und Zittern 
versetzen? Oder kommt's her vom süddeutschen Worte „Sange" — ge 
weihter Busch, geweihte Ruthe? Leicht denkbar wäre letztere Be 
ziehung auf das heilige Recht der Strafe, zumal gerade päda 
gogische Schläge von Eltern, Lehrern und Erziehern als „Senge" 
bezeichnet werden. „(192) Glupschen" roh schlagen ist offenbar 
wendisch-slavischen Ursprungs. Ist es aktiv oder passiv zu verstehen, 
d. h. SAYNBIU — glupi — tölpelhaft, dumm, roh behandeln 
oder roh behandelt werden? „(193) Durchledern" im aktiven 
Sinne — schlagen mit dem Schmachtriemen" d. i. dem Gurt, der 
vor Zeiten an Stelle der jetzt üblichen Tragebänder die Beinkleider 
festhielt. 
Das waren hier lvcit über zweihundert verschiedenartige Volks 
ausdrücke zur Umschreibung der Worte „Schläge und schlagen" in 
unsrer Mark Brandenburg. Manche theilen wir mit anderen 
Gegenden Deutschlands, doch in der Fülle und Buntheit stehen wir 
Märker in der That einzigartig da. Ernste Thatkraft, die auch 
widriges Geschick durchzumachen weiß, verbunden mit einem in der 
Welt so leicht nicht wieder zu findenden Humor, tritt auch in dieser 
allgeniein bei uns üblichen Spracherscheinung als den märkischen 
Volkscharakter scharf kennzeichnend, zu Tage. Jeder Märker ver 
steht und gebraucht ohne Weiteres alle diese Worte. Von unsern. 
Vorvätern haben wir auch dieses ererbt, schlagfertig zu sein mit 
Zunge und Hand. Wahren wir Märker uns auch solch Erbe der 
Väter, daß es in jeder Beziehung gelte: Die Brandenburger 
für Deutschland: Allzeit voran! 
Ältberliner Hausinschriften und Wahrzeichen. 
Von Oskar Schwebet. 
(Fortsetzung aus No. 3.) 
Von den zahlreichen Inschriften, welche der Pastor Jakob Schmidt 
in den „Berlinischen Memorabilien" weiter anführt, ist die des 
großen Friedrichs - Hospitales noch heute vorhanden. Ganz ab 
weichend von des ersten Königs sonst üblichem, prunkvollem Style 
lautet sie:
        
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