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Periodical volume 9. März 1889 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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nöthig, hier richtet sich Jeder sein Leben so ein, wie ihm dies 
eben angenehm ist." 
Lori schwieg, jetzt erst bedenkend, wie peinlich Buffo diese 
Auseinandersetzungen sein mußten, aber sie nahm sich fest vor, 
ihrem Gatten nachher ihre Meinung ganz entschieden zu sagen. 
Der Adjutant empfahl sich. 
„Warum wolltest Du eigentlich nicht zu Herrn von Uechtritz 
gehen?" fragte sie, als der junge Offizier kaum die Thür hinter 
sich geschlossen hatte. 
„Ich begreife Dich nicht, Lori, und frage Dich, warum 
nur hingehen sollten?" 
„Weil ich jung bin und tveil ich etwas von meinem 
Leben haben will!" 
„Aber Lori, bedarf es denn, um das Leben zu genießen, 
der steifen, förmlichen Geselligkeit, steht das Glück im Hause 
nicht weit höher?" 
„Man kann Beides sachgemäß vereinigen. Du hast Dein 
Leben schon genossen, aber ich habe kaum einen Blick in die 
Welt gethan!" Ihre Wangen glühten und ihre Mundwinkel 
zuckten vor Erregung. 
Herr von Ohlefeld stand da wie versteinert. War das 
denn seine sanfte Lori, die in der bescheidenen Häuslichkeit ihrer 
Mutter so still und zufrieden lebte, die so fleißig die Nadel 
führte, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen? War sie 
es wirklich? Warf sie ihm nicht eben den Altersunterschied 
zwischen ihm und ihr vor? Empfand sie den wirklich? Fühlte 
sie sich nicht glücklich? Hatte sie kein Bcrständniß für die ruhige 
innige Zuneigung, welche er ihr entgegenbrachte? 
Er stand am Fenster und starrte auf die regenfeuchte 
Straße. War seine Werbung um sic voreilig gewesen? Hatte 
er sich nicht genug geprüft, sie zu wenig gekannt? Aber nein, 
das konnte ja nicht sein. Der Altersunterschied zwischen ihnen 
war ja groß, aber doch nicht zu groß, als daß er nicht hätte 
ausgeglichen werden können, er mußte Nachsicht mit ihr haben. 
Ja, er sah es ein, er durfte sein zurückgezogenes Leben, »vas 
er bisher führte, nicht fortsetzen, und mußte seiner Gattin einen 
gewissen Antheil an der Welt gestatten. Aber Louise hatte sich 
doch in dieser stillen Zurückgezogenheit glücklich gefühlt, und 
war, als er sie freite, auch nicht älter gewesen wie Lori? Ihre 
Neigungen waren eben andere, und er durste Lori deßwegen 
nicht geringer achten, weil sic das Leben von einer anderen 
Seite auffaßte, wie die Verstorbene. 
Die Wogen in seinem Innern hatten sich geglättet, 
freundlich trat er zu ihr. „Sei mir nicht böse, meine Lori, 
wenn Du erst wieder gesund bist, »vollen ivir lustig sein und 
ausstatten», so oft Du nur ivillst." 
„Nein, nein, Tancred, so meinte ich es nicht, aber gai»z 
absperren ", nicht weiter sprechend, umschlang sie tveinend 
seinen Hals, und der Sache »vurde »richt mehr ertvähnt. Die 
Herzensgüte ihres Mannes rührte sie, trotzdem sie an das 
Lager gefesselt blieb, tvar es heute doch ein schöner Tag. 
Die militairisch-literarische Thätigkeit des Majors steigerte 
sich, seine Verleger stellten Ansprüche an ihi», ivelche er nur 
mit Aufopferung aller seiner stcien Zeit zu betvältigen vernrochte. 
Für Lori, die »roch immer air das Zimmer gebannt war, blieb 
»venig übrig. Freundinnen besaß sie nicht, inusicireir konnte 
sic nicht, das ewige Lesen griff sie an, Lieutenant von Ring, 
»vahrschcinlich unter dem Ei»»drucke jenes peinlichen Austrittes, 
den er mit erlebte, ließ sich nicht sehen. So versank sie den,» 
in eine trübe, selbstquälerische Stimmung. „Ich fülle das 
Dasein »neines Mannes nicht aus," redete sie sich ein. „Die 
Vergleiche, tvelche er zwischen der Verstorbenen und mir zieht, 
fallen zu meinem Nachtheil aus." Was sollte sie nur thun, 
um sich ihrem Gatten innerlich näher zu bringen? Sie fand 
keinen Ausweg, endlich suchte sie auch nicht mehr danach und 
gab sich — halb Schrecken, halb süßes Verlangen — ganz 
dem Sehnen nach Busso's Gesellschaft hin. Er hatte Ver 
ständniß für sie und fühlte, »vas in ihr vorging. Das »var 
ihr Wonne, und doch flehte sie zun» lieben Gott, daß er solche 
Gedanken von ihr nehmen und ihr das Herz ihres Galten ganz 
zutvenden möge. Das Gesicht gegen die Wand kehrend, fühlte 
sie sich namenlos unglücklich. 
„Darf ich mich nach den» Befinden der gnädige»» Frau 
erkundigen?" hörte Lori jetzt auf dein Vorsaale. 
Diese Worte »virkten Wunder, ihre trübe Stimmung »var 
verflogen. Aber »varum diese Wandlung? Vollzog sie sich 
nlir in ihr, »veil sie ein anderes Gesicht sehen, tveil sie Jeinand 
unterhalten tvvllte? Flüchtig tvie Blitze d»»rchzuckten sie diese 
Gedanke»» und die Ant»vort »vrirde ihr ebenso schnell. Kein 
anderer als Herr von Ring hatte diesen Uinschivung ihrer 
Stiinninng hervorgebracht. Aber das durste nicht sein, das 
kain einem Vergehen gegen ihren Gatten gleich. Eben öffnete 
letzterer die Thür. 
„Ring »vill stagen, »vie es Dir geht, liebe Lori, darf er 
eintreten?" 
Sie lehnte sich zurück, dainit ihr Mann ihr nicht in das 
Gesicht sehen sollte. 
„Ich lasse ihm freiindlichst danken, aber ich fühle mich 
z»» angegriffen, um ihn sprechen zu können." 
„Wünsche das Aller—Aller—Allerbeste, gnädige Frau," 
ckieß sich Busso's Stimme vernehinen, dai»n schloß Tancred die 
Thür und sie »var allein. Wie ein Alp tvar es von ihr ge- 
nommei». Jetzt ging er fort, sie hörte seine sporenklirrenden Tritte 
und hätte ihn zurückrufen mögen. Nun vernahm sie nichts »»»ehr 
von ihn», und das Gefühl grenzenloser Verlaffenheit kan» über sie. 
„Tancred, Tancred!" Das klang tvie ein Hülferuf. Er 
schob den Kopf durch die halbgeöffnete Thür. 
„Komm, leiste mir Gesellschaft, lies mir Etwas vor." 
„Liebes Herz, wenn D»» »vüßtest, tvie mir die Arbeit auf 
den Nägeln brennt." 
Da sah er in das tiestraurige Gesicht seiner Frau und 
es that ihn» weh, ihren berechtigten Wunsch abgeschlagen zu 
haben. „Gedulde Dich nur noch zehn Minuten, Ring hätte 
Dir getviß gern Etwas vorgelesen." 
„Aber Tancred!" Sie sah ihn mit großen, offenen 
Auge»» an, als begriffe sic das nicht, »vas er eben sagte. 
Staunen »»»alte sich auf Ohlefeld's Gesicht. Wie wunderbar 
ihin diese beiden Worte berührten. Lori bemerkte es mit 
Schrecken. Diese Aeußeruirg war ihr so unvorsichtig entschlüpft, 
»velche Deutung konnte sie bei ihren» Manne finden? 
„Ich laffe inir lieber von Dir Etwas vorlesen," setzte sic 
jetzt hinzu, tvie uin den möglichen Eindruck zu verwischen. 
„Du liebe Seele, nur ettvas Geduld, und ich bin sogleich 
bei Dir." Damit entfer»»te sich der Major, Lori in Unruhe 
zurücklaffend. Wirklich kan» er bald zurück, setzte sich an ihr 
Lager und las. Aber er las hastig, Lori bemerkte, daß seine 
Gedanken nicht dabei »varen, sondern bei der unterbrochei»cu 
Arbeit weilten. (Fortsetzung folgt.»
        
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