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Volume 13. October 1888 Nr, 2

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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können zu sehen schaffen, es gilt gleich welche, wo ich Sie, 
Flecks und Unzelmann in vorzüglichen Rollen sehen kann, 
so würden Sie mir große Freude machen." Die Hoffnung 
Schillers erfüllte sich nicht, und am 2. September 1801 mußte 
er an Jffland schreiben: „Leider werde ich abermals abgehalten, 
Berlin zu besuchen." 
k Erst im Jahre 1804 gelang cs den vereinten Bemühungen 
Iss land s und Hufelands, der mit Schiller von Weimar 
aus befreundet war, den Dichter zu einem Besuche Berlins 
zus.veranlassen. In demselben Monat, in dem einst Goethe 
in Berlin geweilt (1778), traf auch Schiller daselbst ein. Am 
1,. Mai stieg er im „Hotel de Russie" (Unter den Linden 23) 
ab; die „Spenersche Zeitung" und die „Ungersche Zeitung" 
führen ihn unter den angekommenen Fremden als „Herr 
von Schiller, Hofrath aus Weimar", auf. 
I Schiller kam nach Berlin in der von Jffland und Hufe- 
land genährten Hoffnung, daß er durch eine Anstellung daselbst 
seine pekuniären Verhältnisse bessern könnte. Für eine dauernde 
Niederlassung des Dichters intercssirte sich, wie wir einem Vor 
trage, den I. W. Teichmann am 20. Oktober 1859 zur Feier 
von Schillers hundertjährigem Gcburtsfcste hielt, entnehmen, 
unter anderen auch der Philosoph Fichte. 
U In Berlin angelangt, dankte Schiller den Bemühungen 
.Mflands zunächst den Genuß vollendeter Darstellungen seiner 
Dramen. Ob der Dichter der am 3. Bkai stattfindenden Vor 
stellung seiner „Räuber" beigewohnt, muß dahingestellt bleiben. 
Als er am nächsten Tage bei der Aufführung der „Braut 
von Messina" in der Loge erschien, begrüßte ihn lang an 
haltender Beifall des Publikums. Die „Ungersche Zeitung" 
berichtete am 8. Mai über die Vorstellung: 
„Den 4. Bkai die Braut von Messina. Der Dichter, der 
-Merlin zum ersten Male besuchte, war bei der Vorstellung gegen 
wärtig. Bei seinem Eintritt in die Loge wurde er mit allgc- 
Meincm Beifall von der Versannnlung empfangen; freudiger 
Zuruf hieß ihn herzlich willkommen und wiederholte sich so 
lange und so laut, bis die Musik begann, welche der Vorstellung 
vorangeht. So ehrenvoll hat das Publikum seine rege Em 
pfindung für das große Genie ausgesprochen, dem cs der höheren 
Freuden so manche verdankt. Schiller hat überhaupt ein lcb- 
..chuftcs allgemeines Interesse erregt, welches aus Achtung und 
^Dankbarkeit begründet ist." 
Schon zwei Tage später (am 6. Mai) ließ Jffland die 
„Jungfrau von Orleans" mit einem Pompe aufführen, 
der selbst Schiller zu viel schien. Während der Darstellung 
-jagte er zu Jffland: „Sie erdrücken mir ja mein Stück mit 
(.-dein prächtigen Einzug!" (Schinidt, Erinnerungen S. 202.) 
|||ie Wiederholung der „Jungfrau" (12. Mai) wohnte Schiller 
.gleichfalls bei. 
Das dritte Stück, dessen Aufführung er beiwohnte, ist 
WWallenstcin"; es wurde am 14. Mai gegeben. Die Thekla, 
jg§5it Flecks Gattin dargestellt, gefiel Schiller nicht, da er mit 
;Wrer falschen, langweiligen, manierirten Sentimentalität nicht 
einverstanden war; er sprach dies zwar nicht offen aus, nian 
Mrsubr es jedoch von der Gattin des Dichters, wie uns 
Henriette Herz in ihren Erinnerungen berichtet. Das Haus 
dieser durch seltene Schönheit und hervorragenden Geist gleich 
Memerkenswerthen Frau des jüdischen Arztes Akarkus Herz 
Mildete auch nach deni 1803 erfolgten Tode ihres Mannes 
Minen Vereinigungspunkt für alle in Berlin anwesenden Männer 
der Kunst und Wissenschaft, und so ist es natürlich, daß auch 
Schiller und seine Gattin in den Kreis dieser hineingezogen 
wurde. In ihren Erinnerungen giebt uns Henriette Herz sehr 
interessante Einzelheiten über Schillers damalige Erscheinung, 
die wir hier im Wortlaut folgen lassen: 
„Er war von hohem Wüchse, das Profil des oberen 
Theiles des Gesichtes tvar sehr edel; man hat das Seine, 
wenn man das seiner Tochter, der Frau v. Gleichen, ins 
Männliche übersetzt. Aber seine bleiche Farbe und das röth- 
liche Haar störten einigermaßen den Eindruck. Belebten sich 
jedoch im Laufe der Unterhaltung seine Züge, überflog daun 
ein leichtes Roth seine Wangen, und erhöhete sich der Glanz 
seines blauen Auges, so war es unmöglich, irgend etwas 
Störendes in seiner äußeren Erscheinung zu finden." 
Henriette Herz hatte sich Schiller nach seinen Werken als 
einen Mann mit feuriger Phantasie, lebhafter Ausdrucksweise 
gedacht, der in seinen Reden rückhaltlos seine Ueberzeugung 
ausspricht. Sie sah sich jedoch in dieser Erwartung getäuscht, 
was aus folgendein Citat aus ihren Erinnerungen hervorgeht: 
„Ich meinte, er müsse im Laufe eines Gespräches etwa 
wie sein Posa in der berühmten Scene mit König Philipp 
sprechen. Zu meinem Erstauneil nun stellte er sich in seiner 
Unterhaltuiig als ein sehr lebenskluger Mail» dar, der nament 
lich höchst vorsichtig in seinen Aeußeriingen über Persoiicu war, 
wenn er dlirch sie irgend Anstoß zu erregen glaubcil diirfte. 
Doch half ihm in Berlin die Zurückhaltung nicht viel. 
Die schlauen Hauptstädter wußten bald, daß seine Frau gegen 
ihre fein gesponnenen Fragen weniger gewappnet war wie er; 
und so erfuhr man denn von der Frau, was der Mann zu 
verschweigen für gut achtete." 
Während seines Aiifenthaltes in Berlin hat Schiller in 
seinem Kalender lakonische Notizen eingetragen, welche die Per 
sonen nennen, mit denen er verkehrt hat, und welche uns über 
einige Einzelheiten seines hiesigen Aufenthaltes Andeutungen 
geben. Wir entnehmen diesem Kalender, der sich in der 2. Auf 
lage des Briefwechsels von Schiller mit Körner abgedruckt findet, 
zunächst die Namen der bedeutendsten Persönlichkeiten, mit denen 
er in Berührung kam. Gleich in den ersten Tage,: verkehrte 
er mit Bernhardt, dem bekannten Aesthctiker und Sprach 
forscher; von Jena her war Joh. Benj. Erhard, Arzt und 
Philosoph, mit Schillers Familie bekannt; aus Schauspieler- 
kreiseil bildeten neben dem großen Jffland namentlich dessen 
Schüler, Fr. Jonas Beschort und die Beth mann Schillers 
Umgang. Besonders häufig weilte der letztere bei Hnfeland 
als Gast, der damals in dem Hause Friedrichstr. 130 wohnte; 
ihn besuchte der Dichter noch am Tage vor seiner Abreise, und 
schon damals soll der Arzt seinem großen Freunde über dessen 
Gesundheitszustand reinen Wein eingeschenkt haben. 
Von den sonstigen Notizen des Kalenders wollen wir hier nur 
hervorheben, daß Schiller zweimal in die Oper ging (2. Mai: 
Mozarts „Zauberflöte"; 11. Mai: Glucks „Iphigenie"); auch die 
Singakadenne beehrte er am 15. Mai mit seiner Gegenwart. 
Schon wenige Tage nach seiner Ankunft am 5. Mai 
speiste er bei dem hochgesinnten, genialen Prinzen Ludwig 
Ferdinand, der als das erste Opfer der Befreiung Deutsch 
lands fallen sollte. Außer Schiller waren zur Tafel gezogen 
worden: Jffland, Johannes v. Müller, der große Historiker, 
und der Hofkapellmeister F. H. Himmel, dessen „Fanchon" 
; mit seinen tändelnden Weisen damals ganz Berlin entzückte.
	        
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