Path:
Periodical volume 9. März 1889 Nr, 23

Full text: Der Bär Issue 15.1889

283 
Reiches sehr treu, tapfer und mannhaft bewiesen, in 
sonderheit aber die Residentien Berlin und Kölln gegen 
die Schweden gehalten habe",*) 
von Wien aus zur Würde eines Reichsfreiherrn erhoben. 
Auf den 16. November 1640 wurde die Hochzeit Rochows 
mit der edlen Dame festgesetzt. Die Zustände des Landes ge 
statteten es indessen noch nicht, daß der Obrist seinen 
Posten verließ und sich nach Schlesien begab. Er sandte des- 
halb seinen Bruder Georg Wilhelm von Rochotv mit zwei 
Hauptleuten seines Regimentes nach Schlesien, um die fürst 
liche Braut ihm zuzuführen. Auf dem Schlosse Wirschkowitz 
fand die Eheschließung durchProkuration statt; dann zog das 
Fräulein Anna Katharina von Neuem nach der Mark. Das 
Beilager erfolgte in dem alten Schlosse der Grasen Lvnar zu 
Spandau. Aus Königsberg war trotz der Sorge, trotz der 
Noth, in welcher der Kurfürst Georg Wilhelm sich befand, 
dennoch eine Hochzeitsgabe eingetroffen: dieselbe bestand aus 
einer silbernen Gießkanne und einem Gießbecken zum Gebrauche 
bei und nach der Tafel im Werthe von freilich nur 125 
Thalern. 
Die junge Freifrau von Rochow kam oft von Spandau 
nach Berlin; ihr Gemahl hatte sein altes Heim in dem burg 
artigen Hause der Ribbcck's des Verkehrs mit den Berliner 
Behörden halber beibehalten; das Schloß zu Kölln verfiel 
Überbein von Tag zu Tag mehr. Vom Ribbeck'schen Palaste 
aber ist es nicht gar weit bis nach der Brüderstraße, in welcher 
Frau Margarethe Euphrosyne Wedigen noch immer tvaltete, — 
eine treue Hüterin alles dessen, was mit einer Erinnerung an 
ihren seligen Eheherrn verbunden war, und bis zu dem Dia 
konats-Hause von St. Nikolai in der heutigen, damals nur 
„bei St. Nikolai" genannten Poststraße. In dies letzterwähnte, 
kleine Heim aber war schon im Sommer 1639 ein neuver 
mähltes Paar eingezogen. Erzählen wir auch davon! 
Der Magister Rösner war, wie er versprochen hatte, ein 
treuer Freund und Helfer der Wittwe des erstochenen Bürger 
meisters und ihrer Tochter geblieben, so schwere Anforderungen 
sein Amt als Seelsorger der an der Pest Erkrankten auch an 
ihn stellte. Denn erst im Frühlinge 1639 erlosch die Seuche 
gänzlich. Da aber war ein wundervoller Maienabend einst 
über Kölln herabgesunken. Lenzesduft zog über die Trümmer 
der alten Stadt hin; auf den Straßen aber spielten und 
jubelten die Kinder. Hier erklang das holde „Ringel-Ringel- 
Rosenkranz" und dort das frohlockende: 
„Im Maien, im Maien 
Ist lustige Zeit!" 
Die Wedigen'schen Frauen, Mutter und Tochter, weilten, 
die köstliche Lust genießend, in dem kleinen Vorgärtchen ihres 
Hauses. Johanna blickte mit sehnendem Auge nach dem Schloß 
plätze hin, — oftmals, — immer aber vergebens. Plötzlich 
rief Frau Euphrosyne Margarethe: 
„Da kommt der Herr Magister! Und welche schöne, ftühe 
-liose er in seiner Rechten trägt!" 
Wie Purpurröslein blühten da auch die Wangen Johanna 
Wedigens auf; schämig aber beugte sie sich tief über das Linnen, 
welches ihre kunstgeübte Hand mit rothen und mit blauen 
Stickereien schmückte. „Gott zum Gniße, Herr Magister!" rief 
die Bürgermeisterin dem treuen, täglichen Gaste entgegen. 
*) Worte des Diploms. 
Johannes Rösner aber lächelte, als er der Hausfrau die 
Hand bot, wie einer, der sich innerlich so recht von Herzen 
fteuen darf. 
„Nun heißt's nicht mehr Magister," sprach er, in das 
Gärtlein eintretend; „seit einer Stunde bin ich durch die Wahl 
Eines Hochcdlcn Rathes ein wohlbestallter Diakonus zu 
St. Nikolai. Ich wollte Euch nichts von der Werbung sagen, 
die ich bei denen Herren Patronen eingereicht. Seht, — 
solchen Segen hat es mir gebracht, daß ich im Jahre 1637 
der armen Pestbefallenen ein wenig nur gedacht! Die Herren 
haben sämmtlich ihre Stimme mir gegeben. Jetzt aber kommet, 
werthe Frauen, in das Haus!" 
Wie sie nun über die Schwelle in das dämmernde Zimmer 
eingetreten waren, da aber fuhr er fort: 
„Mein Herz ist voll von Lob und Preis! Eins aber 
fehlt mir noch zu meinem Glücke, werthe Frau! Ich hab' ein 
reichlich' Stücklein Brot jetzt und kann ein Haus begründen. 
Wen aber könnt' ich anders zu der Krone meines Heims er- 
ivählen als Eure ehr- und tugendsame Jungfrau Tochter? — 
Ihr kennt mich und Ihr seht, was ich mit schlichtem Sinne bieten 
darf; — Ihr wißt, ich werde mit der Hülfe meines Gottes 
auch in den schlimmsten Tagen nicht verzagen. Ich will sie 
schützen und vertheidigen, die mir die Liebste ist auf Erden; 
ich will ein treuer Sohn Euch sein und mit der schwachen 
Kraft, die mir gegeben ist. Euch zu ersetzen suchen, was Euch 
jähe einst entrissen ward in furchtbar schlveren Tagen. O 
weinet nicht, Frau Mutter! Wir preisen selig, die so viel er 
duldet haben in des theuren Vaterlandes Dienst! O sprecht 
ein steudig ,Ja!^ auf meine Bitte!" 
„Ich weine nicht in Trauer, sondern voller Freude!" 
sprach Frau Wedigen. „Ich hab' auf solch' ein Glück nicht 
mehr gehofft! Jedwedes Kind in diesen Städten weiß, Herr 
! Sohn, daß Ihr des heil'gen Amtes würd'gcr Träger seid. 
Gott segne Euch! Und wie ich Euren Bund jetzt weihe, so 
! sprechen auch wohl sie ihr .Ja und 2lmcn!‘ — die lieben 
Unvergeßlichen, die dorten ruh'n im Dome und hier im Schatten 
von St. Peter." 
„Du gabst mir einst die weiße Rose," sprach Johannes 
Rösner jetzt zu seiner Braut; „sie deutete auf Leid und Tod. 
■ Ich schmücke Deine lieben Haare jetzt mit der prangend-schönen 
j rothen Blüthe hier; möge sie Freude und ein sonnig Leben Dir 
verkünden! Vielleicht sind es die letzten Zuckungen des Krieges 
schon, die jetzt das Herz des Vaterlandes noch durchzittern. 
Es muß doch einmal Friede werden! Und sollten wir auch 
Schweres noch zu leiden haben: es trägt sich leichter, wenn 
die Herzen fest verbunden sind." — 
Es war ein glückliches und reichgesegnetcs Heim, welches 
Rösner sich im Sommer 1639 zu gründen vermochte. Die 
Freundschaft geistig so hochstehender Männer wie des 
; Magisters Michael Schirmer vom grauen Kloster und des 
Diakonus Paulus Gerhard von St. Nikolai verschönte dasselbe. 
Kurz nachdem endlich im Jahre 1648 „das große Freud'- und 
Friedenswort" erklungen war, im Jahre 1649, berief der 
Berliner Magistrat den auch von den Kriegern des branden- 
burgischen Heeres überaus geschätzten, muthvollen Geistlichen 
zum Archidiakonus an St. Marien. Wer aber soviel in jungen 
Jahren schon zu leiden und kämpfen gehabt hat wie der 
Magister Johannes, dem ist selten verstattet, lange hier auf Erden 
i zu verweilen. Rösner starb schon am 7. Oktober 1661. Noch
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.