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Periodical volume 2. März 1889 Nr, 22

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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„Fort! hinaus!" sind die einzigen vernehmbaren Ausrufe in dem 
betäubenden Lärm. Ein Offizier eilt herbei zum Schutze der be 
drängten weiblichen Masken. Endlich wird es wieder still — die 
hohen Federn sind verschwunden. „Es sollen — Mädchen gewesen 
sein, die man erkannt hat", ließ einer der Befragten sich ver 
nehmen. 
In den Garderobezimmern der Oper stehen Erfrischungen 
bereit. An den Tischen sitzen und stehen Maskirte, die sich durch 
Punsch erfrischen, durch Eis wieder in Feuer bringen, und sich 
dann durch Limonade abkühlen oder durch ein Stückchen Kuchen 
„roboriren". Jeder Akt dieses wichtigen Geschäfts kostete unbe- 
schaut 4 Groschen." 
So gestärkt und erquickt begiebt man sich zurück in den Saal, 
wo die Seitenbänke mit ermüdeten Masken dicht besetzt sind. Die 
Vorübergehenden betrachten sic von oben bis unten; man bedient 
sich der „Maskenfreiheit", so still als möglich zu sein. 
Da wird die allgemeine Ruhe noch einmal unterbrochen: der 
Hof hat seine Loge verlassen. Die „schönste Frau", vom König 
geführt, wandelt einigemale den Saal auf und ab. Man sieht 
nur sie, die Freundliche, die unter keiner Kleidung zu verkennen 
ist, selbst wenn sie eine Maske tragen sollte. 
Einer Raffinirtheit beim Besuche der Maskeraden muß hier 
noch Erwähnung geschehen. Nicht selten traten aus den unteren 
Ständen mehrere Genossen zusammen, entliehen auf gemeinsame 
Kosten einen Domino, Maske und Dreimaster, mit denen kostümirt 
der durch das Loos dazu Auserkorene zuerst in den Redoutensaal 
sich begab. Die andern Kumpane wußten gegen ein Trinkgeld sich 
Eingang in den obersten Zuschauerraum zu verschaffen, von wo sie 
dann nach Ablauf einer verabredeten Frist, einer nach dem andern 
in dem gemeinsamen Domino unter die Maskirten sich mischten. 
Als Prinz Heinrich bei festlicher Gelegenheit eine Redoute veran 
staltete, auf der die Erschienenen mit Punsch, Wein und Chokolade 
unentgeltlich traktirt wurden, fiel eine Maske auf, die in kurzer 
Zeit eine so staunenswerthe Leistungsfähigkeit am Büffet entwickelte, 
daß einige Neugierige der Sache nachforschten und so zur Ent 
deckung jener sinnreichen Methode gelangten. 
Sobald der Hof die Redoute verlassen, pflegten auch der 
Adel und die gebildeteren Klassen seinem Beispiel zu folgen. Jetzt 
nahm die Gesellschaft einen so ausgelassenen Charakter an, daß : 
man trotz der Maske sehr Wohl zu erkennen verinochte, tvclch' 
Geistes Kind dieselbe trug. Einige Stunden wurden noch so hin- 
geschwärmt und bis zur Raserei durchtanzt, bis endlich die Lichter 
erloschen. 
Auch an grotesken Aufzügen ivährend der Maskerade fehlte 
es damals nicht. Große Sensation erregten auf einer solchen, 
vom König „zum allgemeinen Vergnügen des Publici" gratis 
veranstalteten Redoute drei „Minne- (Bänkel-) sänger", welche vor 
einem Tableau die „grausame, doch wunderschöne Mord-Historia 
von dem Ritter Blank und seiner Adelgunde" besangen. Eine 
andere Maske erschien mit einem mächtigen Baumkuchen, der zu 
irgend welcher Vorstellung dienen sollte. Alsbald aber fiel die 
Menge über das leckere Backwerk her, das im Nu von der Bild 
fläche verschwand. „Dies Betragen" — so äußerte sich ein Pu- 
blicist — „ist doch gewiß Wider die Maskenfreiheit und also keines 
wegs zu billigen." Wie solche „vorwitzige, dummdreiste" Masken 
aber übel bezahlt wurden, davon erzählt derselbe eine ergötzliche 
Episode. Eine Maske hatte ihren Domino über und über mit 
Macronen benäht, die in wenigen Minuten wie jener Baumkuchen 
"Aufgefressen" waren. Die Maske wiederholte diesen Spaß auf 
der nächsten Redoute, hatte aber eine gewisse Substanz mit dem 
CSonfect verbunden, so daß die muthwilligen Räuber in wenigen 
Minuten hezahlt wurden, wie sich's gebührt. 
In unserer I l l u st r a t i o n (vor. Nr.), „das Maskenrecht" betitelt, 
lluelt Daniel Chodowiecki auf das „unanständige Betragen un 
gezogener und muthwilliger Menschen an, die sich Freiheiten gegen 
unmaskirte Frauen erlauben und sie sogar mißhandeln, indem 
sie glauben, es sei ein Recht, das ihnen erlaubt ist." — 
Im Jahre 1800 wurde Klage darüber geführt, daß auf den 
Maskeraden nur äußerst selten noch Charakter-Masken erschienen, 
der schwarze Domino oder Mäntel dagegen dominirten. Sollten 
diese an sich einförmigen Masken nicht bald Ueberdruß erwecken, so 
müsse wenigstens Eleganz in der Kleidung und Anstand erfordert 
werden. Leider hatte das Publikum dieses aus den Augen gesetzt 
und dadurch den König veranlaßt, die Verordnung in den Zeitungen 
bekannt machen zu lassen: daß künftig keine unanständigen Masken, 
keine Personen mit runden Hüten oder sonst nachlässig gekleidet, 
eingelassen werden sollten. 
Während der Karnevalszeit fand wöchentlich eine Maskerade 
statt, mithin wurden überhaupt deren vier veranstaltet. — 
Die Kleidermode des Jahres 1799 zeitigte recht seltsame 
Blüthen. 
Die jungen Elegants trugen kurz geschorenes Haar und goldene 
Ohrringe, um den Hals ein dickes weißes oder buntes Tuch ge 
schlungen. Das dunkelblaue oder graue Röckchcn war mit schwarzen 
Aufschlägen und gleichem Kragen versehen; eine weiße Weste, Pan- 
talons und Halbstiefeln vervollständigten den Anzug. Letztere be 
saßen die Eigenthümlichkeit, daß sie mit ihrer Spitze sich über die 
Zehe hinauf krümmten — also eine neue Auflage der mittelalter 
lichen Schnabelschube bildeten. — Eine andere Spezies der Stutzer 
ließ im Nacken ein kleines Haarzöpfchen stehen, das mit farbigem 
Band umwickelt wurde. 
Bei den Damen behauptete das griechische Gewand noch immer 
die Herrschaft, nur daß die Berlinerinnen sich bemühten, ihre Taille 
noch kürzer zu machen, als die Natur sie irgend einem Weibe ge 
geben hat; und zwar vermittelst eines Bandstreifens, der sich dicht 
unter den Armen, zwischen den Schultern bis an den Nacken spitz 
in die Höhe zog, und hier in eine gewaltige Bandrose endigte. 
Dazu kam noch die Mode, mit vorgebogenem Kopfe zu gehen, was 
der Gestalt ein „ducknackiges" Aussehen verlieh. Die hohen Absätze 
unter den Schuhen waren in Wegfall gekommen; das um den Fuß 
geschlungene Schuhband vervollständigte in seiner „angenehmen 
Wirkung" die griechische Mode. Von den Haartrachten wollte das 
heutzutage sich wieder einbürgernde „Zottelköpfchen ü la Titus" 
damals kein rechtes Glück machen. Ebenso fanden die Damen an 
den Perrücken keinen rechten Geschmack, und goutirten diese Mode, 
wie es heißt, selten früher, als bis die Noth sic dazu zwang. 
Nachdem der Franzose Blanchard am 27. September 1788 
den Berlinern zum ersten Male das Schauspiel einer Luftfahrt ge 
boten hatte, blieb sein Name noch Jahre lang auf Aller Lippe». 
Seitdem vernehmen wir nur von einigen „aLrostatischen Künstlern", 
welche sogenannte Luftjagden veranstalteten, d. h. Ballons als 
Hirsche, Hunde, Schweine rc. gestaltet, in die Luft steigen ließen. 
Die Anzahl der Zuschauer war dabei ebenfalls „unbeschreiblich 
groß". Es existirt ein komisches Gedicht, das in nicht weniger als 
82 Strophen die am 22. Mai des Jahres 1800 in der Hasenhaide 
„von Berlin gesehene und bewunderte Luft-Jagd" mit köstlichem 
Humor schildert. Einige dieser Strophen mögen hier folgen. 
Es war schon viele Jahre her. 
Das; Blanchard — zum Spektakel 
Berlins, das in dem größten Heer 
Mit Schreien und Gekakel 
Aus allen seinen Thoren zog — 
Ganz dreist in Regionen flog. 
Wo keine Seele wohnet. 
Dies gab auf viele Jahre Stoss 
Zu Kannegießereien 
In Tabagien und bei Hof, 
Für Geistliche und Laien.
        
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