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Volume 2. März 1889 Nr, 22

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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steigenden Thränen zu wehren. Busso schwieg, aber Mitleid 
für die junge Frau erfüllte sein Herz, tvährend er etwas wie 
Abneigung gegen seinen Konnnandeur empfand. „Da kann 
ich nichts dazu sagen," meinte er achselznckcnd und Frau 
von Ohleseld fühlte, daß er diese Rücksichtnahme ihres Mannes 
übertrieben fand. 
„Ein anderes Mal, mein lieber Ring; vergeben Sie die ! 
Billets heute nur," damit kam der Major zurück und der ! 
Adjutant empfahl sich. Der niedergeschlagene Blick Lvris, 
welchen er beim Abschiede aufgefangen hatte, verfolgte ihn j 
während des ganzen Tages und trübte ihni am Abend die 
herrliche Vorstellung. Das Mittagessen der beiden Ehegatten 
verlief fast schweigend, Lori grollte und ihr Gatte — das j 
kränkte sie besonders — schien es noch nicht einmal zu be 
merken, denn seine Gedanken flogen in längst vergangene 
Zeiten zurück, wo dieser Tag festlich begangen wurde. 
Am Nachmittag ging Herr von Ohleseld auf den Kirchhof, 
Lori aber saß thränenden Auges allein zu Hause. Heute 
fühlte sie sich unglücklich, es nagte bitter an ihrem Herzen, 
ihr Gatte liebte die Verstorbene tvcit mehr als sie. Endlich 
hatte sie sich ausgeweint, da stieg es versöhnlich in ihr auf. 
Vielleicht that sie Tancred Unrecht, vielleicht schmerzte es ihn, 
daß sie für die Entschlafene zu wenig Liebe fühlte. Ja, so 
war cs, das mußte ihn kränken und sie beschloß sich darin zu 
ändern. Heute noch sollte er einen Beweis empfangen, welche 
Theilnahme sie für die, tvelchc ihm im Leben so lieb gewesen 
und die er im Tode nicht vergessen konnte, empfand. Schnell 
kleidete sie sich an, kühlte die Veriveintcn Augen, begab sich in 
den nächsten Blumenladen und kaufte dort einen Kranz. Nun 
stand sic vor dem Bilde ihrer Vorgängerin, den Blick zu 
Boden gesenkt, als könne sie sich nicht entschließen 511 ihr auf 
zublicken. Doch sie überwand sich, sah lvie abbittend zu ihr 
empor, trat auf den Stuhl, von da auf den Schreibtisch und 
bekränzte zitternder Hand das Gemälde. Da nahten Schritte, 
Tancred kehrte zurück. Eilig stieg sie herunter, trat fehl und 
stürzte mit einein lauten Aufschrei zu Boden. 
„Lori, 0 mein Gott, was ist geschehen!" rief von Ohle- 
feld mit allen Zeichen der Bestürzung. 
Lori regte sich nicht, sie war ohnmächtig geworden. Ein 
Blick nach dem Bilde belehrte den Major, was vorgefallen 
lvar. In stunnner Verzweiflung trug er sie nach dem Sopha. 
„Lori, Lori!" Die junge Frau hob die Lider und sah ihn 
schmerzlich an. 
„Ich wollte Dir eine Freude bereiten, Tancred, und 
da —' 
Er küßte sie innig. „Du Engel, Du liebes, einziges 
Weib!" Lori dünkten diese Worte wie Sphärenklünge, so 
feurig hatte er noch nie zu ihr gesprochen und voller Wonne 
gab sic sich dein beglückenden Gefühle hin, von ihm geliebt 
zn werden. 
Doch plötzlich war es ihr, als wenn ein Wurm an ihrem 
Herzen nagte. War er nicht deshalb nur so zärtlich gegen sie, 
weil sie der Verstorbenen einen Liebesbeweis gegeben hatte? 
Sich langsam seinem Arm entwindend, stand sie auf. „O, 
mein Fuß," mit einem Schmerzensausruf sank sic auf das 
Lager zurück. 
Ohlefelds Besorgniß steigerte sich mehr und mehr und 
trotz Loris Widerspruch schickte er zum Arzt. Der Fuß hatte 
eine starke Quetschung erlitten; sie mußte liegen, kalte Umschläge 
wurden aufgelegt und sie konnte voraussichtlich längere Zeit 
das Zimmer nicht verlassen. Nun lvar es Abend, das Licht 
war noch nicht entzündet, Tancred saß neben ihr und hielt 
ihre Rechte tu seiner Hand, ihr freundlich Trost zusprechend. 
Lori hörte kaum, lvas er sagte, ihre Gedanken weilten in dem 
glänzend erleuchteten Raume des Opernhauses, welches farben 
prächtig vor ihr auftauchte, um so verführerischer, da, sie es 
noch niemals besucht hatte. Wo hätte ihre liebe Mutter die 
Mittel dazu hernehmen sollen? Sic glaubte die Musik und die 
glockenhellen Stimmen der Sänger und Sängerinnen zu hören; 
die ihr wohlbekannten Melodien zogen schineichelnd an ihrem 
Ohr vorüber. Und sic lag elend an Körper und Seele hier! 
Und Alles, Alles der verstorbenen Louise wegen! Plötzlich 
brach sie in Thränen aus. 
„Schmerzt Dich Dein Fuß, mein armes Herz?" fragte 
Tancred thcilnehmend. 
Sie schwieg, sie lvollte ihren Mann ja nicht belügen 
und sagen konnte sie ihm doch nicht, was sie weinen machte. 
Mit rührender Zärtlichkeit tvar Tancred um sie besorgt. 
Wie reizend sah sic aus, jetzt gerade, wo ihr Gesicht blaß und 
angegriffen auf den weißen Kissen lag. 
„Süße Lori," flüsterte er liebevoll. Da wallte es in 
ihrem Herzen schon wieder für ihn auf. 
„Ich möchte auch ein Oelbild von Dir haben," sagte er 
nach einer Weile, sich zu ihr niederbeugend. 
„Wirklich?" klang es jubelnd aus ihrem Munde. Doch 
plötzlich zuckte es schmerzlich über ihr Gesicht. Hätte er nur 
nicht das kleine Wörtchen „auch" hinzugesetzt. 
„Zlveifelst Du daran, meine Lori?" 
„Nein, nein," gab sie zrirück, ihren Gedanken von eben 
schon bereuend. 
Der Abend verlief in schönster seelischer Uebereinstimmung, 
ein gutes Wort von ihm, und sie lvar getröstet. Sie kain sich 
vor, tvie ein krairkes Kind, das der Vater pflegt. Ach und 
sie ließ sich so gern pflegen, das war so schön. So wandelte 
sich das, lvas ihr int Anfang Kummer bereitete, nun in Freude. 
Am nächsten Morgen kam Busso von Ring, um sich nach 
ihrem Befinden zu erkundigen lind mit seinem Kommandeur 
vor der Parole zu sprechen. Er sagte absichtlich kein Wort 
voil der gestrigen Vorstellung. Wozu der jungen Frau das 
Herz noch schwerer machen? Lori fühlte sich beklommen, hätte 
sie ulir Jemanden ans der weiten Welt gehabt, gegen den sie 
sich einmal aussprechen konnte. Herr von Ohleseld wurde 
einen Augenblick abberufen. Schon setzte sie an, aber das 
Wort erstarb ihr auf den Lippen. Wie konnte sie den jungen 
Offizier zu ihrem Vertrauten machen? Jetzt fragte sie ihn nach 
der gestrigen Oper. Wie verständnißvoll er von der Aufführung 
sprach, lvic die Lust am Schönen, an dem edelsten Genuffe, 
welcheil Gott dem Menschen gab, an der Musik, aus jedem 
Worte klang. 
„Wie schade, meine arine gnädige Frau, daß Sie nicht 
dort sein konnten." 
Das sprach er so innig thcilnehmend. Lori ging es wie 
. denl Kinde, welches inan bedauert, ihre Augen füllten sich mit 
Thränen. Und wie hübsch er aussah, wie frisch, lvie munter, 
lvie tadellos er sich kleidete. 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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