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Periodical volume 23. Februar 1889 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Fremden und fügte noch den Wunsch hinzu, daß diese Bequemlich 
keit durch das in Vorschlag gebrachte Numeriren der Häuser 
recht bald vergrößert werden möge. Die Ausführung ließ denn 
auch nicht lange auf sich warten, und die einfache Hausnummer 
machte allen Orientirungsweitschweisigkeiten ein Ende. Von den 
Letzteren hier nur einige Proben: „In des Bäckermeisters Schrö 
ders Hause, so vor dem Königsthore, in der Kurzen- und Baum- 
Gasse (seit 1825 Elisabcthstraße) belegen." — „In des Herrn 
Schcffers Hause in der Heiligen Geist-Straße, neben den Herrn 
Hof-Sattler Mappes an." — „In der Juden-Straße im König 
von Schweden, dem Weißen Schwan gegen über." — „Im Jo 
hann Christoph Hähling'schen Hause, der rothe Adler genannt, auf 
dem Friedrichs-Werder in der Leipziger- und Friedrichs-Straße am 
Eck." — „In der Frau Bezinen Hauß in der Jüden-Straße, 
zwischen Hr. Treuen und der Frau Stadtbergen, gegen dem 
großen Juden Hof über, gelegen." 
Eine Menge oft der seltsamsten Ueberschriften zeigten die 
„Kaufgewölbe" und Buden auf. Neben den „Königlich Preußischen 
privilegirten" Butter- oder Weinessig-Läden paradirtc bald ein 
„EnglischesStuhlmacher-Magazin", eine„Weinessig-Fabriken-Nieder- 
lage" oder eine „Italiener-Handlung und Niederlage". Die 
Kürschner führten über ihren Buden gar die Bezeichnung „Rauch 
handlung" oder „Niederlage von Rauchwaaren" anstatt Nauh- 
waaren. Der Berolinismus, das ei als ee auszusprcchen, brachte 
sogar die Kuriosität zuwege, daß die Bezeichnung eines Gasthauses 
„zum Feigenbaum" sich in einen „Fegenbaum" umwandelte. 
Von den mancherlei Aushängeschildern anderer Art sei hier 
nur zweier erwähnt, auf denen zu lesen war: „Hier wird Unter 
richt im Christenthum ertheilt," und „Au noble jeu de Billard.“ 
Aus dem Tagebuche eines Fremden, welcher im Mai des 
Jahres 1799 in Berlin verweilte, entnehmen wir folgende Auf 
zeichnung: 
„Da in diesem Monat die große Frühlings-Revue stattfinden 
wird, so sieht man täglich das Militär üben, und dies giebt allen 
öffentlichen Plätzen eine außerordentliche Lebhaftigkeit. Namentlich 
gilt dies von dem sogenannten Lustgarten. Dieser schöne Platz 
ist mit einer Allee von Kastanien und Pappeln eingefaßt. Eines 
Morgens lehnte ich mich an eine der Kastanien und schaute den 
Uebungen eines Regimentes zu. Es wurde Mittag, das Regiment 
zog ab und der Platz wurde leer. Schon im Begriff, ebenfalls 
quer über denselben den Heimweg anzutreten, rief mir eine Schild 
wache mit donnernder Stimme zu: „Wohin da? Will Er zurück!" 
-Erschrocken sah ich mich um und erfuhr nun von Vorübergehenden, 
-daß keine Civilperson aus der Allee heraus auf den 
sPlatz treten, noch weniger denselben überschreiten 
ib ür f e. Uebertretung dieses Verbots habe das Arretiren nach der 
-Wache zur Folge, wo der Contravenient mit fünf Thalern Strafe 
sich loskaufen müsse. (Dem Verbote lag eigentlich die Absicht zu 
Grunde, das Austreten einzelner Fußsteige zu verhindern, wodurch 
ber mit Rasen bewachsene Platz gelitten hätte.) 
Einen auffälligen Kontrast mit den „prächtigen" Straßen und 
ihre» schönen Häusern bildete der Mangel an Luxus. Equipagen 
na- man nur selten an, und die wenigen waren nichts weniger als 
!glanzend. Als eine Verirrung des Geschmacks aber muß es be- 
kSch'-llznet werden, wenn man erfährt, daß an einzelnen Wagen Band- 
Isireifen sich ^befanden, die mit Baumalleen und Spaziergängern, 
pi: Tabak rauchenden und Bier trinkenden Personen, mit Löwen- 
jtmc Tigerjagden bemalt waren. Herrschaften von höchstem Range 
«kündigten sich durch einen oder zwei Jäger auf dem Trittbrett ihrer 
»Equipage an, Fiaker, deren Berlin im Jahre 1772 bereits 34 be- 
»wß, gab es nicht mehr; sie waren in Folge ihrer Verschlechterung 
»und der „fast beständig besoffenen" Kutscher sowie durch den Um- 
istand, daß sie zum Transport von Kranken, ja selbst von Misse- 
pharern nach der Gerichtsstätte sich benutzen ließen, vollständig in 
Mißkredit gerathen und verschwanden endlich 1794 von der Bild 
fläche. So ging denn die Mehrzahl der Einwohner — und Berlin 
zählte im Jahre 1799 bereits 150 000 Seelen — zu Fuß. — 
Den heutigen Luxus der Zimmereinrichtungen kannten unsere 
Voreltern nicht. Da gab es keine Antichambres mit galonirten 
Bedienten; da fanden keine Festlichkeiten statt, welche Tausende 
von Thalern an einem Abend erforderten. Ebenso wenig 
existirten Parquet-Fußböden oder feine Teppiche, lind doch 
wurde in Berlin eine große Menge von Luxusgegcnständen für das 
Ausland fabricirt, die selbst bis nach Ostindien ihren Weg nahmen. 
So verfertigte u. A. ein gewisser Mollinger die größte Anzahl 
der damals so beliebten „Flötenuhren", die ebenfalls zumeist, im 
Preise bis zu 3000 Thalern, in das Ausland gingen. Den 
hauptsächlichsten Wandschmuck bildeten die, in ihrer Ausführunb 
allerdings ganz vorzüglichen englischen Kupferstiche, deren Sujets 
hauptsächlich landschaftliche Ansichten und ländliche Beschäftigungen, 
das Familienleben von seiner heiteren Seite und allgemein be 
kannte Kriegsthaten sowie Illustrationen zu Dichterwerken dar 
stellten, das Meublement zeigte Jahrzehnte hindurch dasselbe simple 
Sopha, denselben Stuhl auf; nichts von prunkendem Schein! 
Was die damaligen Vergnügungen und Lustbarkeiten anbetrifft, 
so sind in erster Reihe die Ressourcen anzuführen, von denen 
diejenige im „George'schen Garten" (in der heutigen Bellevuestraße) 
am meisten frequentirt wurde. Während des ganzen Sommers 
fanden hier Versammlungen und Soupers statt, zu denen mehrere 
Hunderte von Theilnahmern sich vereinigten. 
Pickenicks und Familienbälle bildeten die hauptsächlichsten der 
Wintervergnügungen, von denen jedoch, wie es heißt, der Nachbar 
im zweiten Hause nichts gewahr wurde. 
Ein hoher Grad geselliger Bildung zeichnete die feineren 
Cirkel aus, wo der stete Wechsel der Ideen in der mannigfaltigen 
Zusammensetzung aus allen Ländern und Nationen, als einem 
Mittelpunkt der neuesten Literatur zusammenfloß. Eine interessante 
Seite gab diesen Cirkeln das weibliche Geschlecht durch seine Re 
präsentantinnen von der feinsten Ausbildung. 
Es möchte sich, so lautet ein Urtheil, außer Paris nicht leicht 
! eine Stadt finden, die mehr helle Köpfe, Philosophen, Schriftsteller 
und Künstler in sich vereinigte, — in der mehr Urbanität, Feinheit 
und Ungezwungenheit sich gebildet hätte, als in Berlin. Dabei 
hat kein anderer Ort in Deutschland — Hamburg etwa ausge 
nommen — einer größeren Denk-, Preß-, und Lesefreiheit sich zu 
rühmen! 
Die älteste und angesehenste unter den literarischen Gesell 
schaften war die „Montags-Gesellschaft". Sie ließ einen 
eigenen Kalender für ihre Mitglieder drucken, dem manche die Ge 
sellschaft betreffende Notizen beigefügt waren. 
Eine der größten Sehenswürdigkeiten bildete der B ouche'sche 
Blumengarten in der damaligen „Lchmgasse", die einen der 
ältesten Feldwege bildete und erst im Jahre 1816 ihren heutigen 
Namen Blumenstraße erhielt. Unter blühenden Bäumen, 
zwischen Blumen der mannigfachsten Art wandelten hier die Be 
sucher mitten im strengsten Winter und labten sich an einer Tasse 
wohlschmeckenden Kaffees. 
„Ich sah", so äußerte ein Bewunderer dieses Gartens, „manche 
von Europens prachtvollsten Städten, aber nirgends fand ich eine 
Anstalt wie diese —: eine kleine Welt voll Mädchen und Blumen, 
während draußen das Schneegestöber um die Fenster wirbelt und 
der Nordwind heult." Jnmittm des Gartens stand ein hohes 
Treibhaus, in mehrere Zimmer eingetheilt, die mit Tischen, Stühlen 
und Spiegeln ausgestattet waren. Granat-, Zitronen- und 
Pommeranzenbäume breiteten ihre mit Blüthen und Früchten be 
ladenen Zweige über die unter ihnen Sitzenden aus; zwischen den 
hohen Stämmen blühte und duftete eine Welt voll der farben 
prächtigsten Hyacinthen und Rosen, Krokus und ausländischer Ge-
        
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