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Periodical volume 23. Februar 1889 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Jürgen Arndt war neben Wedigen niedergekniet; ver 
gebens versuchte er das Haupt des Erstochenen noch einmal 
aufzurichten. „Jn's Herz getroffen!" sprach er leise. „Ruhe 
in Frieden, vielgetreuer Mann!" 
Paul Matthias hatte unterdessen den Arni des Todt- 
schlägers erfaßt. Hake hatte das Antlitz von seinem Opfer 
abgewendet. Er machte auch nicht den mindesten Versuch, zu 
entfliehen. „Ich bleibe!", sprach er vielmehr. „Der Herr 
von Rochow muß in wenigen Minuten hier sein. Führet mich 
nicht durch Eure Straßen; — weiset mir hier ein Oertlein an, 
darin ich weilen mag, und kündet meiner Gattin, daß ich an 
dem Verleumder meiner Ehre Rache mir gesucht, und daß ich 
dafür gern mein Leben lasse." 
Die Beiden wichen indessen nicht von ihm. Fast lautlos, 
die wen'gen bitteren Worte abgerechnet, hatte das Furchtbare 
sich zugetragen. Paul Matthias schellte nach einem Raths- 
dicner; er befahl ihm, den Edelmann in sichern Gewahrsam 
zu bringen; dann aber sprach er zu Jürgen Arndt: 
„Es ist eine Aufgabe leidvollstcr Art, — allein ich kann 
sic Euch nicht ersparen: gehet zu Frau Wedigen hin und 
tröstet sie! Ich bleibe hier, bis daß der Herr von Rochow 
einzieht." 
Der Sattlermcister wartete, bis Hans Georg von Hake 
in den Kerker des Köllnischen Rathhause abgeführt worden war. 
Erst als die eichene, mit eisernen Bändern beschlagene Thür 
sich hinter dem Mörder geschlossen hatte, trat er den schweren 
Gang nach der nahen Brüdcrstraße an. — 
Schon nach wenigen Minuten klangen die Hufschlage der 
Roffe von Rochows einziehenden Reitern dem am Orte der 
That zurückgebliebenen Bürgern zu; die Dragoner nahmen 
Quartiere auch in Kölln. Paul Matthias sendete einen der 
Reiter zum Obristen von Rochow, einen andern aber zu dem 
Geheimen Rathe Thomas von dem Knesebeck. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Berlin und die Berliner in den Jahren 1799 und 1809. 
Von Ferdinand Meyer. 
Verstreut in einzelnen Zeit- und Flugschriften, geben uns die 
nachfolgenden Schilderungen' einen interessanten Einblick in die 
städtischen Verhältnisse, in das Leben und Treiben der Berliner an 
der Scheide des vorigen und zu Beginn unseres Jahrhunderts. 
Manches hat sich seitdem geändert, vieles herrlicher sich gestaltet; 
aber gleichwohl brauchte schon das damalige „architektonische 
Universum", wie Jean Paul unser Berlin nannte, trotz un 
verkennbarer Mängel, einen Vergleich mit den anderen europäischen 
Großstädten nicht zu scheuen. 
So lautet ein Urtheil aus dem Jahre 1799: 
„Berlin ist, seinem Flächenraum nach, eine der größten Städte 
Europa's. Die meisten Straßen sind geräumig, breit, und die 
Häuser selten über vier Etagen hoch. Man empfindet daher das 
Drückende der Luft nicht, wie in Hamburg und Wien, wo Men 
schen und Häuser dermaßen auf einen kleinen Raum zusammenge 
drängt sind, daß das Athmen beschwerlich fällt. 
Dagegen hat es eine andere Unbequemlichkeit an dem häu 
figen und feinen Sandstaub, den im Sommer jedes Lüftchen auf 
den Straßen erregt und der deshalb nicht zu verbannen ist, weil 
der ganze Boden in und um Berlin aus diesem Sande besteht. 
Die Promenade unter den Linden wäre vortrefflich, wenn eben nicht 
der ungeheure Staub sie fast ganz ungenießbar inachte. Man muß 
sie in der Frühe besuchen, um frei athmen zu können. Vor einigen 
Tagen interessirte mich das Gespräch zweier Damen, die, ihr« 
Kleidung nach zu urtheilen, nicht der geringen Klaffe der Ber 
linerinnen angehörten. Sie sprachen über den unerträglichen Staub, 
und die Eine bezeigte in moquantem Ton ihre Verwunderung übn 
die Dummheit der Menschen, weil dieselben jederzeit 
nur dann am zahlreichsten unter den Linden prome- 
nirten, wenn der Staub am ärgsten sei. Um die Ver 
anlassung des Staubes kümmerte sie sich nicht, sondern schloß 
von seiner Wirkung. 
Die breiten Straßen und die im Ganzen schöne Bauart der 
meisten Häuser geben Berlin ein äußeres Ansehen, wie es wenige 
große Städte besitzen. Die Wilhelmstraße, fast ganz mit Palästen 
bebaut, die Leipzigerstraße, die Linden re. und die vortrefflichen 
Plätze: der am Opernhause, der Gensdarmenmarkt, der Lustgarten, 
der Wilhelms- und Dönhofsplatz erregen die Bewunderung der 
Fremden." 
Nur bezüglich des erstgenannten Platzes wird es gerügt, daß 
auf demselben seit Jahr und Tag eine elende Bretterbude 
sich erhalten, ringsum behängen mit grellen Abbildungen wilder 
und zahmer Thiere, die gegen ein Eintrittsgeld in Augenschein ge 
nommen werden konnten. Der Besitzer dieser Menagerie'war ein 
„hagerer Franzos", welcher seinen kärglichen Unterhalt hauptsäch 
lich zwei kleinen Affen verdankte, die auf sein Kommando nach 
dem Schall einer erbärmlichen Janitscharenmusik auf dem Seile 
tanzten oder vor der Bude durch ihre Sprünge die Vorübergehen 
den herbeilocken sollten. Der witzige Franzos scheute sich nicht, wie 
der patriotische Berichterstatter anführt, seine beiden Virtuosen eine 
Zeit lang mit einer preußischen Uniform zu bekleiden und, gleich 
dem wirklichen Grenadier, exerziren zu lassen. So lange nun dies 
Gaukelspiel dauerte, wurde der zahlreich versammelte Pöbel nicht 
müde, bei jeder Fratze, die der Affe schnitt, ein gellendes Gelächter 
in die Luft zu schicken. 
Das schlechte Straßenpflaster gab damals Veranlassung 
zu vielfachen Klagen. Zwar heißt es, der „jetzige" König 
(Friedrich Wilhelm III.) scheine diesem Mangel abhelfen zu wollen 
und habe zu diesem Zweck beträchtliche Summen verwendet, aber 
das neue Pflaster, mit dem der ganze Schloßplatz, die Königstraße 
und die Linden versehen worden, drohe ebenso schlecht zu werden, 
als das alte es war. Ohne Bedenken habe man neben schuhbrciten 
Steinen solche von der Größe eines Eies gelegt. Die Folge da 
von war, daß die kleinen Steinchen in den lockeren Sandboden 
eingedrückt wurden, während ihr „großer Nachbar" seine Lage be 
hielt, so daß man im Dunkeln Gefahr lief, über die hervorragen 
den Koloffe sich die Füße zu brechen. 
Nicht minder schlimm war es mit den Rinnsteinen be 
schaffen. Hatte es geregnet, so mußte man sich an den Häusern 
wegdrängen, und auch dieser Gang war oft durch die sich vor 
schiebenden Kellerhälse, Treppen und Buden so schmal, daß das 
Passiren nur mit der größten Vorsicht bewerkstelligt werden konnte. 
Hierzu kam noch, daß die schmalen hölzernen Brücken vor den 
Häusern in der Dunkelzeit den Passanten oft nicht dagegen schützten, 
mit dem „abscheulichsten Schlamm" in nähere Berührung z" 
kommen. 
Ein beträchtlicher Theil der Straßen befand sich noch ohne 
ausreichende Beleuchtung, und auch in den „schöneren Theilen" 
der Stadt wird dieselbe als sehr mangelhaft geschildert. Zwar gab 
es schon „kostbare" kugel- oder cylinderförmige Laternen von weißen: 
Glase, die Mehrzahl der übrigens nur sparsam aufgestellten hatt! 
dagegen grünes Glas, das, verwittert im Wechsel des Regens und 
Sonnenscheins, mehr blendete als Licht gewährte. 
Im Jahre 1799 erfolgte die Straßenbezeichnung auf großen, 
blau angestrichenen Blechen, die an den Eckhäusern befestigt wur 
den. Man verhieß für diese „äußerst bequeme Einrichtung" dem 
Stadtpräsidenten Herrn v. Eisenberg den Dank eines jeden
        
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