Path:
Periodical volume 23. Februar 1889 Nr, 21

Full text: Der Bär Issue 15.1889

259 
kommen ließe. Wärmn hätte Lori sonst nnr mit Widerstreben > 
den Flügel geöffnet? 
Trotzdem war Etwas in ihm, was ihn zu dem Ohlefeld- 
schen Hause zog! Ans der einen Seite ließ er sich gern von 
seinem gebildeten, gegen ihn geradezu liebenswürdigen Kom 
mandeur gesprächsweise belehren, auf der anderen fühlte er 
eine Art von Verpflichtung, der jungen Frau das in das 
Haus zu tragen, wofür sie besonderes Jntereffe hatte und was 
ihr dort nicht wurde. Wußte er doch, daß ihr Gatte stets 
zurückgezogen gelebt hatte und auch wohl weiter leben würde, 
zudem legte ja die Trauer um die verstorbene Frau von Rohde- 
wald dem geselligen Verkehr, sowie dem Theaterbesuch dein 
jungen Paare noch manche Feffel an. Aber war es das nur 
allein? — War es nicht vielmehr in erster Linie die junge, 
hübsche, liebenswürdige Frau selbst, die ihn anzog? Buffo 
versuchte sich dies auszureden, nrachte es sich jedoch nicht klar, 
daß ihm dieses nicht recht gelingen wollte. 
Als Lori am nächsten Morgen von einem Gang aus der 
Stadt zuttick kam, fand sie in ihren: Zimmer einen entzückenden 
Blumentisch. 
„Oh, wie reizend!" rief sie mit inniger Freude, aber 
plötzlich erschrak sie. Sollte Herr von Ring ihr denselben ge 
schickt haben? Wenn er ihre gestern ausgesprochene Vorliebe 
für die Blumen so aufgefaßt hätte? 
„Hat er Deinen Beifall, Lori?" horte sie jetzt die Stimme 
ihres Mannes, der aus seinem Zimmer kam. 
„Du bist der Geber, Tancred? Ach, ich danke Dir tausend, 
tausend Mal!" 
„Ja, wer sollte es denn sonst sein?" fragte der Major 
lächelnd und sah, da sich Lori eifrig mit den blühenden Rosen 
und Azalien beschäftigte, nicht, in welche Verlegenheit sie durch 
seine Frage gerieth. 
„Ja, ja, ich empfand Ls gestern Abend, als Du Ring 
danktest, wie einen bittern Vorwurf, daß ich Dir iroch gar 
leine Blumen schenkte." 
„Du lieber, prächtiger Mann!" Sie küßte ihn zärtlich. 
„So, mein HeiH, nun komni, ich habe einen Wagen bestellt, ! 
jetzt wollen wir auch unsere Gräber schmücken," sagte Tancred 
init weicher Stimme. 
Lori nickte lies gerührt. Wie gütig war es von ihm, 
ihrer verstorbenen Eltern zu gedenken. Sie bestiegen den 
Wagen, Friedrich legte einige prachtvolle Kränze hinein und 
nun fuhren sie Hand in Hand die Straße entlang. Plötzlich 
durchzuckte ein Gedanke schmerzlichster Art das Herz der jungen 
Frau. Der Kutscher schlug nicht den Weg nach dein Jnvaliden- 
lirchhof ein, sondern den nach dein Gottesacker, wo die ver 
dorbene Frau von Ohlefeld mit ihren beiden Knaben begraben 
lag. War es nicht, als ob Tancred seine Liebesgaben zwischen 
ck'r, der Lebenden, und den Verstorbenen theilen wollte? 
(Fortsetzung folgt.) 
■8) Johannes Wedigen. 
Eine Berliner Geschichte von Oskar Schwebe!. 
IX. 
„Was sollen inir die Ketten und dieSpangen, Bürgermeister? 
<nn über die Jahre der Thorheit nun schon längst hinaus; — 
dergleichen Firlefanz paßt weder nach Küstrin noch nach Haus 
Machenow! — Mag gutes Gold und edeles Gestein ja sein; 
— allein 's ist uiweräußerlich in dieser schweren Zeit. Und 
wenn ich's einem schmucken KriegSmann wirklich gegen baares 
Geld verkaufe, so ist's dahin — für Knesebeck und für die 
Gräfin. So? — Die Bedingung also auch noch, daß ich's 
ilicht veräußern soll? — Mein Herr, — ich bin kein Trödler 
und kein Raritäten-Krämer, — am wenigsten ein Jude, der 
auf Pfänder leiht. Ich gab Euch gut' Getreide. Mit all' 
dem Quark da kann ich inir nicht Nahrung schaffen noch den 
Meinen. Baar Geld, — so ward's verabredet! Schreibt eine 
Schatzung aus; — noch ist es Zeit! Da's aber so steht und 
die beiden Städte die empfang'ne Wohlthat also lohnen, — 
da ich so wenig geben darf auf Wort und Handschlag, so 
muß ich Euch schon bitten, Ihr wollet jetzt die ganze Schuld 
von l.440 Thalern mir noch heute zahlen. Ich werde bis zu 
Mittag warten. Hab' eine ,Salva - Guardia‘ mir bei'm 
Feldmarschall erwirkt. Um 2 Uhr Nachmittags zieht Gallas 
nach Bernau und ich nach Straußberg. Ich bin der festen 
Zuversicht, Ihr werdet Mittel finden, Eurem Worte zu 
genügen." — 
Hans Jürgen von Hake war's, der im „schwarzen Bären" 
auf der Spandauerstraße dem Bürgermeister Wedigen diese 
harte Antwort zu Theil werden ließ. Wedigen konnte sich 
freilich nicht verbergen, daß in deni, was der Edelmann ihm 
sagte, allerdings ein Fünklein von Wahrheit enthalten war. 
Es war offenbar, daß dem Herrn von Hake mit baarein Gelde 
am besten gedient war; der Wirth vom „Bären" hatte dem 
Köllner Stadthaupte indessen gesagt, daß der Junker an guten 
Groschen und Thalern, die damals hoch im .Kurse standen, 
keinen Mangel hätte. Es war also Ungefälligkeit, — nein, 
es war mehr: es war Härte, mit welcher Hake auf seinem 
Scheine bestand. 
„Ein letztes Wort denn, Herr von Hake!" sprach Wedigen 
sehr ernst. „Dann habe ich nichts mehr zu sagen. Unser branden- 
burgisches Vaterland und Volk gleicht jetzund einer Familie, 
— gleicht einer Schaar von Geschwistern, die — nur in ge 
rechtem, heil'geni Zorne kann ich's sagen, — von ihrem Eltern 
paar verlaffen sind. In solcher Lage knüpfen sich die Bande 
fester; da muß ein Glied Handreichung thun dem andern! 
Erbarmet euch; — wir sind ja Brüder! Gott weiß allein, was 
uns die Zukunft bringen wird. ,Graf Gallas hat kein Glück; 
er war von jeher nur ein Heerverderber!‘ Drücket uns nicht; 
— wir wollen's Euch in Treuem immer dauken, edler Herr!" 
Hake kreuzte die Arme über die Brust und sprach endlich 
düster: „So bleibe es denn bei der alten Festsetzung! Die 
Tausend bleiben stehen; 440 Thaler aber muß ich haben, denn, 
— Bürgerineister, — noch aus alten Tagen schulde ich sie 
Herrn von Kracht. Und damit Basta! Das Zeug's hier nehmt 
indessen wieder mit Euch. Ich könnt' es in den Kasematten 
von Küstrin doch nur — vermauern." — 
In tiefer Niedergeschlagenheit begab sich Wedigen von: 
„schwarzen Bären" aus nunmehr nach dem Schlosse. Er mußte 
die ihm überlaffenen Kleinodien wieder zurückgeben. Was aber 
nun? — Es war nichts Anderes mehr zu thun, als einen 
Stadtknecht mit der Trommel herumzusenden und durch den 
Ausrufer der Räthe von Berlin und Kölln es verkündigen zu 
lassen, daß die Magisttäte beider Städte die Bürger bäten, 
durch fteiwillige Beiträge die geringe Summe zusammenzu 
bringen. 
Der Herr von dem Knesebeck war empört über das Ver-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.