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Periodical volume 13. October 1888 Nr, 2

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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„Verhüt' c-J Gott der Herr, daß ei» Verrath die Wappen 
schilde von Berlin und Kölln beflecke! — Doch ganz ungastlich, 
edler Herr, sollt Ihr mein armes Haus nicht finden. Ihr 
seid die Nacht geritten; nehmet einen warmen Trunk! Bis 
die Berliner Rathsherren sich zu uns sammeln, geht wohl noch 
ein Weilchen Zeit dahin!" 
Der Bürgermeister führte den schwedischen Offizier in ein 
Gemach, welches dem tiefen Hofe seines altererbten Grundstückes 
zugekehrt war. Hier harrten zwei Frauen in der einfachen, 
schwarzen Tracht jenes Zeitalters ihres ritterlichen Gastes: 
Mutter und Tochter. Es überraschte den Herrn von Pfucl, 
init welcher Airmuth der labeirde Trank heißen, gewürzten 
Bieres ihm von der Tochter dargeboten wurde. Allein der 
Edelmanir wendete sich der Mutter zu: 
„Fröhlich, Frau Bürgermeisterin", so sprach er, „bin ich 
eingeritten in die Stadt! Ich glaubte, ein gutes Werk zu 
thun, wenn ich die Greuel des Krieges abhielte von der Um 
gebung von Berlin und Kölln uird von den beiden Städten 
selbst. Herr Wedigen jedoch ivill uns nicht Herberg' gönnen 
in den Städten! O bittet Ihr bannn, daß er uns eine Rast 
verstatte hier! Sollte die Freude mir bcschieden sein, mich 
Euren Hausgenossen nennen zu dürfen, so verspreche ich Euch, 
getreu darüber zu wachen, daß der Frieden dieses gastlichen 
Heims gewahrt und geheiligt bleibe. 
„Wir haben Furchtbares erduldet, edler Herr, — von 
Freund und Feind!" erwiderte die Bürgermeisterin. „Wie ich 
Euch kommen sah, schien's mir jedoch, als könntet Ihr nichts 
Böses bringen! Froh und frisch und freudig erschienet Ihr mir, 
wie mein eigner Sohn, der bei den Burgsdorf'schen Reitern 
Körnet geworden ist! O Herr, — gerne begrüßte ich Euch als 
meinen Gast; — wie aber mein Gemahl sich auch entscheide: 
glaubet es mir: Nichts leitet ihn als seine Pflicht gegen das 
Vaterland und gegen das heilige Evangelium, welches tvir doch 
wohl gemeinschaftlich bekennen." 
„Gewiß! Und, — ehr- und tugendsame Frau: ich danke 
Euch für Eure holde Güte! Ihr spracht das rechte Wort: 
Wir Schweden kommen nicht als Feinde, obwohl die branden- 
burgischen Banner denen der drei Kronen noch im Felde 
gegenüberstehen. Es wird einst anders werden! ,Friedrich 
Wilhelm und Christina!‘ Wir hoffen, daß dies Bündniß allen 
Ztvist dereinst vergessen machen wird!" 
Die Frau Bürgermeisterin aber schüttelte, Thränen in den 
Augen, ihr noch immer schönes Haupt, das battistene Tüchlein 
an das Kinn anlegend. „Herr Offizier", sprach sie, „Ihr seid 
sehr gütig und ein edler Mann; doch allzuviel ist über uns ge 
kommen, als daß wir Frohes noch zu hoffen wagten." 
Da rief ein Knecht in das Gemach hinein: „Die Herren 
beider Räthe sind versammelt! Der Herr Stadthauptmann 
aber weilt in Spandau!" 
Es zuckte in den ernsten Zügen des Bürgermeisters Wedigen. 
Der schwedische Rittnieister aber leerte seinen Becher. „Gehen 
ivir, mein Herr Bürgermeister! Ich hoffe, von Euren Genoffen 
eine freundlichere Antwort zu erhalten als von Euch!" 
In der feierlich gemessenen Weise, welche die Sitte jener 
Tage vorschrieb, grüßte der Offizier die beiden Frauen. Die 
Herren schritten die Brüderstraße hinunter. Berlin und Kölln 
waren erwacht; es hatte sich viel Volkes eingefunden, sowohl 
drüben bei der Domdechanei wie auf dein freien Platze bei 
St. Petri. Der fröhliche Sinn des Herrn Heino von Pfuel 
aber regte sich wieder, als er die gespannt und angstvoll auf 
ihn gerichteten Blicke der Köllner Bürger bemerkte. 
„Wäre ich eitel," sprach er zu dem Bürgermeister, „so 
könnt' ich wohl hochmüthig werden! Man blickt auf mich, 
als hinge von mir die Zukunft ab! Und bin doch nur 
ein schlichter Kriegsmann, dem die Kugel lange schon vielleicht 
gegossen ist!" 
„Das wolle Gott nicht!" sprach der Bürgermeister. „Doch 
hier ist das Rathhaus, Herr von Pfuel!" — 
Im Schatten des hohen Chores von St. Peter lag damals 
ein schlichter, aus Fachwerk aufgeführter Bau. Nur ein Glocken- 
thürmchen auf dem Dache und ein laubenähnlicher Vorbau, 
gestützt von hölzernen Säulen, unterschieden ihn von den anderen 
Häusern, welche den Friedhof des malerischen, von dein Schmelze 
der Jahrhunderte grau-violett abgetönten Gotteshauses der 
Stadt Kölln umgaben. 
„Treten wir ein!" sprach der Schwede. „Herr Bürger 
meister, führet die Verhandlungen zu schnellem Ende; denn um 
Mittag muß ich wiederum bei Obrist Buttler sein!" 
Die beiden Männer stiegen die Stufen zum Sitzungssaale 
des Rathes hinauf. In gespannter Erwartung harrte während 
dessen unten auf dem St. Petrikirchhofe eine mehr und mehr 
sich anstauende Menge. In dem stillen Hause des Bürgcr- 
meisters Wedigen aber fragte die wackere Fra>i Euphrosvne 
Margarethe ihre Tochter Anna: 
„Warum erröthetest Du, als der schwedische Herr bei uns 
eintrat?" 
„Lieb' Mütterchen, — er ist kein Schwede!" lautete die 
Antwort. „Denkst Du noch des Jahres 1627, in welchen 
die gnädige Kurfürstin auch uns Bürgerkinder von Berlin und 
Kölln aufforderte, im Schlosse eine Weihnachtskomödie darzu 
stellen? — Da wurde ich mit den buntbemalten Engelsfittichen 
und mit der schönen gold'nen Krone ausgeschmückt; — er aber 
stand mir gegenüber als ein Hirt von Betlehem. Ich habe 
ihn sogleich wiedererkannt! Der Vater hat uns seinen Namen 
nicht genannt: er heißt Heino von Pfuel. Mich aber hat der 
kriegerische Herr wohl nicht beachtet." 
„.Heino von Pfuel! — Ein Hirt st — Man könnt' es 
fast als eine Vorbedeutung auf ein gutes Ende ansehen; 
so lieblich und so friedlich klingt's! — Doch komm', mein 
Kind! Des Rathes Sitzung kann nicht lange währen; — 
die Herren Schweden pflegen eiligen Bescheid zu wünschen, 
und — so schlecht die Zeit auch ist: wir wollen einen edlen 
Gast doch gerne so bewirthen, wie wir's noch vermögen." — 
II. 
Sie waren in banger Sorge allzumal erschienen, die Mit 
glieder der getrennten Rechtskörper der beiden Schwcsterstädte, 
— zwölf Männer aus Berlin, — fünf, init Johannes Wedigen 
sechs, aus Kölln; — es hatte keiner seine Pflicht vergessen, so 
gefahrdrohend die Zeit auch war, — so peinlich und so ver 
antwortungsvoll die Verhandlung mit dein schwedischen Offizier 
sich auch gestalten mußte. Eine düstere Versammlung — für- 
wahr! — an einem düstern Orte! Die Täfelungen des 
Saales waren im Laufe der Zeiten tiefdunkelbraun geworden, 
und diirch das grüne Glas der kleinen Scheiben drang die soeben 
über den Städten Berliir und Kölln strahlend heraufsteigende 
Herbstessonne nicht hindurch. Wohl hing ein mächtiges, in einen 
Frauenrumpf auslaufendes Hirschgeweih als Leuchter von der
        
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