Path:
Volume 9. Februar 1889 Nr, 19

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

239 
verpönte altfranzösische Armeegebrauch in Uebung, einem unge 
lehrigen oder unfolgsamen Gemeinen mittelst des eiligst vom Fuß 
gezogenen Schuhes von Seiten des Corporals Fayon beizubringen. 
Sabot, eigentlich — Holzschuh, dann auch — hölzerner Hacken am 
Schuh, war in der That ein stets handliches Züchtigungswerkzeug. 
Der Kunstausdruck „(6) flachplempen", d. i. mit der flachen 
Klinge schlagen, erklärt sich selbst. Wie sehr er selbst und die 
durch ihn bezeichnete Thatsache in unsere Volksanschauung einge 
drungen ist, trat 1866 beispielsweise bei der Mobilmachung der 
Neumärkischen schwarzen Dragoner zu Tage, bei denen ein sehr 
beliebter Landwehrofficier einem weniger freundlich von den Leuten 
angesehenen im Casino die wohlgemeinte Warnung zurief: „Du, 
flachplempen gilt bei der Landwehr nicht mehr!" 
Auch der spöttische Ausdruck „(7) Tractement" sowie der bei 
älteren gedienten Leuten in das Civilleben hinübergenommene 
„(8) einwettern", bez. „(9) durchwettern" entstammt wohl der 
Soldateska, bei der es manch liebes Mal hieß: Euch soll ja gleich 
das Donnerwetter in die Kaldaune schlagen! Ebenso kommt ver 
muthlich „(10) die Beine hochbringen" vom Exercierplatz, ob auch 
die sehr beliebten Wörter „(10a) auf den Schwung bringen" 
sowie „(11) verfuxen" d. i. sich behende machen, mag dahin 
gestellt bleiben. lieblich ist dort auch „(11a) mit de Fünfe (Finger) 
in de Zehne — (Zähne) dividiren", desgl. „mit de Pioniere 
(civiliter „Maschinenbauers kommen". 
II. Das Gebiet der Schule. 
Aus dem Stande der schlageifrigen Unterofsiciere recrutirte 
sich vor einer noch immer im Gedächtniß der jetzt Lebenden er 
reichbaren Zeit der Stand der Volksschulmeister. Und eigenartig 
— eine pädagogisch überaus beklagenswerthe Erscheinung! — noch 
immer können Eltern, namentlich über die Unarten ihrer holden 
Kleinen verzweifelnde Mütter der sog. niederen Volksschichten nicht 
davon lassen, die Volksschullehrer als Stockmeister schlimmster Art 
sich und den Kindern vorzumalen. Wie unsäglich verderblich wirkt 
die allzu übliche, unbedachte Redewendung: „Warte man, du Racker, 
komm du man bloß erst in die Schule, da wird dich der Lehrer 
— meist heißt es „Küster" — „schön kriegen (12)". Oder die 
andere: „Da, sieh dir den Herrn an, bei dem giebt es „(12a) 
Hopse auf den Kittel, Feuer auf die Jacke", der wird dich „richtig 
(13) gängeln", das soll heißen — auf den richtigen Weg und Gang 
aus deiner Ungezogenheit heraus mittelst reichlicher, zur rechten Zeit 
angebrachter Schläge bringen. Meistens sind zudem diejenigen 
Mütter, welche so ihre Kinder vorzeitig gegen den Lehrer-Stock 
meister einnehmen, der Art, daß, wenn einmal der geplagte Lehrer 
ihre Range den Stock fühlen läßt, sie alle Welt überflüssiger Weise 
mit ihrem Geschrei erfüllen über Mißhandlung der zarten Kleinen 
durch den „Prügeljungen" — wie der Volksausdruck rechts und 
links von der mittleren Oder junge Lehrer zu bezeichnen beliebt 
resp. „scharfen Mann" — wie etwas gelinder alte Lehrer um 
schrieben werden. — 
Im Großen und Ganzen halten sich die volksthümlichen Kunst 
ausdrücke für Schläge, in der Schule verabfolgt, im allgemeinen 
Gebiet. Wie auf der Straße und bei alltäglicher Lebensverrichtung 
giebt es in der Schule „(14) Schläge, (15) Prügel, resp. Stock 
prügel, (16) Haue, Holze, (17) Hiebe, (18) Keile, (19) Wichse, Bimse, 
^enge, (20) Kloppe auf die von der Natur für die Erziehung aus 
ersehenen Körpertheile benamset. Eine untergeordnete Rolle spielen, in 
-chreib- und Zeichenstunden namentlich, die „(20) Handpatschen", 
d- i. Schläge mit Stock oder Lineal auf den Handrücken, sowie 
„20 b) Dreier," d. i. Schlag auf die innere Handfläche, den Hand- 
leller. Das biblische Wort „(20c) Stäupe, mittelbar bewahrt in 
„Osterstimpe", und stäupen" für Schläge mit einer Reisigruthe ist 
)ur Zeit gänzlich verschwunden. Desgleichen „Ohren lang" und „auf 
mutzen" sehr selten geworden. 
Der Lehrer steht beim Unterrichten vor und neben den Bänken, 
die Schüler, dämelig oder siech, sitzen mit ihren Köpfen ihm gerade 
„handgerecht". Was Wunder, daß da bald einmal das Unwetter 
losbricht und es giebt dann „(21) Alle Hagel". Richt bloß, wenn 
ein zerrissenes oder beschmutztes Buch den kleinen Sünder um die 
Ohren geschlagen wird, auch aus anderer Veranlasiung „hagelt" 
es „(22) Knallschotcn, (23) Kopfstücke, (24) Kopfnüsse, (25) Back 
pfeifen, (25 a) Handschrift ins Gesicht". Da werden „(26) die 
Löffel gestrichen," Löffel entlehnt der Jägersprache — Ohren, 
wenn nämlich der unaufmerksame Schüler die Ohren fürs Schwatzen 
seiner Nachbarn oder für Geräusch auf der Straße spitzt. Dem 
neugierig hin und her guckenden Jungen fliegt „(27) eine Schwalbe" 
an den Hinterkopf, ihn zu fixiren; oder ein „Bax (28) — Backen 
streich, Schlag an den Vorderkopf, veranlaßt ihn zum Stillsitzen. 
Will sein Denkvermögen der Belehrung nicht folgen, so klärt „eine 
(29) Dachtel" Gedanken und Verstand auf und hilft dem Ge 
dächtniß nach, eine „(29a) Verwendtc"-Schlag mit dem Handrücken, 
„öffnet die Augen". 
(30) Ohrfeigen, (31) Maulschellen und (32) Streiche, d. i. 
Schläge, die zu empfangen der Schuldige aus der Bank auf den 
Ruf: „Komm mal vor!" heraustreten muß, gelten als entehrende 
Strafen für gemeine Ungezogenheiten. In gleichem Range steht 
„(33) oberlendern", d. i. das Verfahren, über Lende oder Kniee 
legen, damit dem Züchtling mittelst des Rohrstocks, genannt 
„Süßholz, eigenes Gewächs, Hebel, Spanischer Gesandter, Gelber 
Friedrich", sowie des Kantschuh, genannt „Fritz" oder „Russischer 
Rath" recht seßhafte Schläge beigebracht werden können. Als 
ganz besonders entehrend galt „(34) schulfuchsen", d. i. die vordem 
übliche Weise, ganz besonders gemein sich betragende Schüler durch 
den Schuldiener auf höheren Schulen, durch den Gemcindediener 
bei Elementarschulen „ausgehauen" zu sehen. 
Log ein Bengel, so traf ihn die Strafe unter der Bezeichnung 
„(35) Jesum Christum beibringen". Sollte bei einem Schüler 
Trägheit abgestellt werden, so galt es, mittelst Schläge ihn „(36) 
auf den Schwung bringen", auf den Schub bringen", ihn 
„(37) verfimfen — vielleicht entstellt aus „verfehmen", sowie „(37a) 
verjumfen" — eine unerklärbare Bezeichnungsweise. Verfimfen 
wird auch erklärt: „mittelst der fünf Finger aufklären;" also die 
Berliner Sprechweise i — ü. 
Die Marterwerkzeuge Rohrstock und Kantel — ein jetzt vor 
dem eleganteren Lineal zurückgetretenes, früher wegen des 
gleichmäßigen Umkippens beim Linienziehen sehr beliebtes Schul- 
geräth — in den schnell zugreifenden Händen gereizter Lehrer 
gaben Veranlassung zu den beiden Kunstausdrücken für Schläge 
in der Schule „(38) ausiohren" und (39) durchkantern (l und r 
als Liquiden vertauscht), wiewohl letzterer Ausdruck „durchkantern" 
auch von den „Kantoren" als auf dem Lande namentlich für erste 
Lehrer übliche Bezeichnung hergeleitet wird. Namentlich in solchen 
Schulen und Gemeinden war und ist in diesem Sinne die Aus 
drucksweise „durchkantern" üblich, in denen eine vorsichtig sein 
wollende Schulordnung den jüngeren Lehrern und Unterlehrern 
das Schlagen gänzlich verbietet und entzieht und derartige Mani- 
pulation erst aus Meldung des erzürnten Unterlehrers von dem 
künstlich sich erregenden, regierenden „Herrn Kantor" nachträglich 
in oft erst recht erbarmungsloser Weise vollzogen wird. Ein 
pädagogisch höchst bedenkliches Verfahren! (Fortsetzung folgt.) 
Etwas vom Tabakrauchen. 
Erinnerungen eines alten Berliners. (Schluß.) 
Als im Spätsommer 1831 die asiatische Cholera zum ersten 
Mal in Berlin ihre Schrecken verbreitete und schon vor dem Aus 
bruche derselben weitläufige Verhaltungsregeln zum möglichen 
Schutze vor dieser bösm Seuche von Obrigkeitswegen bekannt gemacht
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.