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Periodical volume 9. Februar 1889 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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habe Euch zu danken, daß Ihr die Bürger von Berlin und 
Kölln an ihre Pflicht erinnert habt, dem Feldmarschallc Sr. 
Majestät des Kaisers die pflichtschuldige Verehrung darzubringen. 
Und dennoch, — ich kann aus diesem Horst der Eulen au 
dem trüben, trägen Flusse hier*) nicht eher weichen, 
ehe ich nicht höre, daß der Proviant von Spandau für die 
Krieger da sei. Reitet d'rum schnell und kommet schnell zurück! 
Je eher, — desto lieber mir! Es drängt mich zu dem Kampfe 
mit iden Schweden; — allein auch meine Truppen wollen 
leben. Und womit soll ich meine Offiziere wohl befriedigen? 
— Ich bitte Euch: eilt Euch, daß ich noch auf des Kampfes 
Beute sie verweisen kann, die lins dort winkt, eh' Meuterei 
hier ausbricht." — 
Rochvw verbeugte sich und ging. Im Hofe des Schlosses 
brannten die Wachtfeuer der Kaiserlichen. Dort aber, zurück 
gedrängt von den Kürassieren mit den schwarz und gelben 
Federn auf den Eisenkappen, lagen seine Krieger, — die 
Dragoner mit dem schwarz und weißen Feldzeichen der Hohen- 
zollcrn, — einer Bandschleife auf der linken Schulter. Der 
alte „Lustgarten", welchen der wälscheGartenkünstlerCorbinianus 
einst angelegt hatte, — jetzt eine Wildniß voller Unkraut und 
Gestrüpp, — war's wo sie ihr Feuer sich abseilen von den 
Kaiserlichen angefacht. „Lustgarten!" — Rochow wollte höhnisch- 
bitter lachen, als er der alten Bezeichnung dieser Stätte ge 
dachte. „Lustgarten! — Als wenn noch eine Lust im 
Brandenburger Lande zu geuießcu, — als wenn es überhaupt 
Lust wäre, noch zu leben!" — 
Da erinnerte er sich drüben des Kirchleins zum heiligen 
Geiste und der reinen, hochsinnigen Frau, welche in dem edelsten 
Dienste unter den Tvdtkrauken dort weilte. „Es kann nicht 
sein, daß wir untergehen!" sprach er leise. „Alles für sie und mein 
Brandenburg! — Je größer die Noth, desto näher uns Gott!"— 
„Der Herr Obrist befehlen?" fragte der Ordonanz-Offizier, 
auf den Kommandanten zueilend. 
„Sechs der bestberittenen Brandenburger Krieger, — 
gleichviel ob Kürassiere oder Dragoner! Mir aber ja mein 
Leibroß! — Das Spandauer Thor bleibt mir geöffnet! Ich 
komme bald zurück, — so bald ich irgend kann! — Vertragt 
Euch mit dcu Kaiserlichen! — Duldet! Jedweder Marodeur 
jedoch wird inhaftirt! Ich habe des Feldmarschalls Wort, 
daß er in Ehren hier im Schlosse walten will!" — 
Ueber die Schloßfreiheit, den Schloßplatz, die heilige Geist- 
straße und den Winkel bei der „Klause" sprengte Rochoiv mit 
seinen Reitern dem Spandauer Thore zu, — Erleichterung bei 
Schwartzenberg zu suchen für die Last, die für Berlin und 
Kölln bestimmt war. Septembcrnächte sind in unseren 
Graden stets die schönsten. Ueber der Haide und über der 
Spreeniederung lag der Silbcrschein des Mondes, und in 
märchenhafter Pracht entstieg jedwed' Gebüsch dem Anger. Wie 
friedlich zogen die iveißen, — die zarten Wölkchen dort am 
tiefblauen Firmamente dahin! Als gäbe es nicht Leid und 
Streit, nicht Krieg und Pest, nicht Elend und Bezweiflung 
hier unten auf der bräutlich schönen, so lieblich geschmückten 
Erde! Und wie sie hell und klar den Reitern nachklangen, die 
Glockentöne von Berlin und Kölln! Als herrschte tiefster 
Friede in den beiden Städten; — als wäre alles Weh mit 
dem Geräusche des Tages spurlos dahingegangen! — Doch Obrist 
*) Urkundliche Worte über das derzeitige Schloß, von einem 
Diplomaten seinem Hofe gesendet. 
Rochow seufzte. Er dachte seines Abnenschlosses Golzow. 
Dort war ihm oft die Mondennacht grade so wundermächtig, 
so wunderprächtig aufgestiegen wie an diesem Tage. Wie selig 
ist der Friede doch der Kindheit; — wie drangvoll aber jedes 
Mannes Leben! Doch aber hob sich seine Brust mit Stolz 
und Muth lind Hoffnung. „Ein großes Glück ivard mir zu 
Theil; — noch aber muß ich's mir verdienen! Durch Arbeit 
für nietn Vaterland allein und für's Haus Hohenzollern 
vermag ich sie mir zu erwerben, — sie, die niir über Alles 
lieb und theuer ist." — 
Ein leiser Klang zitterte durch die reine Luft. Rochow 
kannte die Stimme dieses Glöckleins wohl, — es war das 
jenige vom heiligen Geiste. Allein auch nicht eine Besorgniß, 
geschweige denn ein Gedanke der Furcht stieg in seiner Seele 
auf. „Wer so auf Gott vertraut, dem naht sich das Ver 
derben nicht!" sprach er für sich. Die Seele wunderbar er 
hoben, — gestählt an jeder Kraft, — geweiht durch eine tiefe, 
leidenschaftliche und doch sich klar bewllßte Liebe, zog er des 
Weges weiter. — 
In den beiden Schlvesterstädten an der Spree hatte die 
wundervolle Herbstnacht unterdcß' ein abenteuerliches Leben 
lvachgerufen. Was kümmerte cs die kühnen Schaaren des 
Grafen Gallas, welche dem Tode in Hunderten von Schlachten 
und Gefechten und auf unzähligen, einsamen Feldwachten in's 
Angesicht geschaut hatten, daß die Geister des Verderbens 
Berlin und Kölln durchschritten, — daß ein wallendes Linnen, 
an einein Fenster ausgesteckt, dieses oder jenes Haus als ein 
von der Seuche heimgesuchtes bezeichnete? — Es ruht sich 
unter Dach und Fach doch besser als im Mondenscheine 
drallsten auf der breiten Haide! — Nicht allein im Schloßhofe, 
sondern anch auf fast allen freien Plätzen Berlins und Köllns, 
zwischen den wurmstichigen, morsch sich zur Erde neigenden 
Scharren der Märkte und über beit Gräbern der Friedhöfe 
brannten Feuer. Die Böhmen, Ungarn und Kumanen des 
Grafen Gallas sangen, ivürfelten und — fluchten. Des 
Rathes Bier war freilief; gar zu dünn und gar zu spärlich zu 
gemessen, als daß es große Wirkung hätte üben können; allein 
manch' Marketender hatte einen stürkern Tropfen noch auf 
Lager. Grell beleuchtete dort der Feuerschein eine Gruppe von 
rothinänt'ligen Slavoniern, denen die ihrem Volksstamme eigen 
thümliche Findigkeit zu einem Ferkelchen verholfen hatte. Sie 
brieten's mit ersichtlichem Behagen. Und welch' ein Singen, 
Klingen überall! Dort ertönte ein melodisches Lied von 
melancholischer Klangfarbe; hier aber sang die Geige schrille 
Weisen. Was aber war das? — Dort aus einem finstern 
Seitengäßchen des Molkenmarktes erklang der jähe Ruf einer 
Frauenstimme; allein es galt schon damals das so frohe Wort: 
„Von einem Kuß kommt man nicht um!" — Hier endlich 
schlang der Tanz den Reigen, doch die sich in ihm drehten, 
— es waren die verlorenen Töchter nur des Lagers, die 
freien Frauen, welche jeden Tag den Liebsten wechselten. 
Graf Gallas aber hielt sein Wort; er wahrte, wie es 
einem edlen Krieger ziemt, die Mannszucht. Die Frauenwaibel 
und Profoße schritten wachsam durch die Straßen, und auf 
dem „Neuen Markte," grad' in seiner Mtte, dort bei dem 
Soldatengalgen, hatte der gefürchtete „Generalgewaltige," der 
Obervogt und Richter, sein Hauptquartier aufgeschlagen. Allein 
er hatte nur ein einziges Mal einzuschreiten. — 
(Fortsetzung folgt.)
        
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