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Periodical volume 9. Februar 1889 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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berichten, wie glücklich sie in ihrer jungen Ehe sei. Sie hielt 
inne, das Schreiben an diesem Tisch war ihr ungewohnt. Die 
Gegenstände, welche sie umgaben, dünkten ihr so fremd, fast schien 
cs ihr, als ob sic erstaunt auf sie, den Eindringling, nieder 
schauten. In Nachdenken versunken, saß sie da, ach es war 
doch schwer, die Nachfolgerin einer Frau zu sein, welche das 
Dasein ihres Gatten so ganz ausgefüllt hatte. Die Hände in 
den Schoß gelegt, saß Lori da und der feste Vorsatz, sich die 
Liebe ihres Mannes mehr und mehr zu erringen, damit sie 
ihm die Verstorbene ersetze, stieg wieder in ihr auf, wie schon 
so oft. War es nicht ihre heilige Pflicht, gebot es ihr nicht 
die Dankbarkeit? Pflicht? Dankbarkeit? Sie trat ans Fenster 
und drückte die heiße Stirn gegen die kalten Scheiben. Sie 
haßte in diesem Augenblicke diese beiden Worte, hätte sie heraus- 
rcißen mögen aus ihrer Brust, um dort in Flammenschrist 
„aus Liebe" erstehen zu lassen. Sie stand noch immer auf 
demselben Platze und die Wogen, welche ihr Inneres durch- 
flutheten, glätteten sich nach und nach. Würde ihr das möglich 
werden, ihm Alles zu sein?! Sic achtete, ehrte den Mann, war 
ihm von Herzen gilt und erkannte seine vortrefflichen Eigen- 
schaftcn, die stürmische Liebe zwar, welche, ihre eigene Kraft 
nicht kennend, bcn Geliebten unauflöslich umfaßt, von der Lori 
in ihren Jugendträumen geträumt, fühlte sie noch nicht für 
Tancrcd. Aber sie mußte bei gutem Willen ja kommen. Bei 
gutem Willen? Bedurfte wahre Liebe dessen erst? — Quälende 
Zweifel beschlichen wieder ihr Herz und in diesen eilte sie zur 
Thür ihres Gatten und klopfte. 
„Tancrcd!" 
„Meine Lori, was wünschest Du?" 
„Nichts, ich ivolltc nur Deine Stimme hören." 
„War es Dir einsam?" 
„Ein wenig. Darf ich eintreten?" 
„Ja, natürlich." 
Jetzt war sie bei ihm, er saß am Schreibtisch, hatte die 
Feder ans der Hand gelegt und sah sich nach ihr um. 
„Siehst Du, ich störe Dich, was machst Du denn da?" 
„Ich lese Korrekturen. Es ist ein entsetzlich langweiliges 
Geschäft, auf jeden J-pnnkt achten zu müssen." 
„Und da ist es Dir lieber, Du bist allein, nicht wahr?" 
„O nein, mein Herzcnsschatz, aber —", dabei küßte er 
sie, wie zum Abschied, auf die Stirn. Lori sah, daß er un 
gestörter arbeite ohne sie, aber deniioch fühlte sie sich gekränkt, 
die verstorbene Frau hatte ihm helfen dürfen. Waruni über 
trug er ihr nicht auch einen Theil seiner Arbeit? — War 
jene klüger, war sic aufmcrksanier gewesen, wie sie? — Wenn 
er das Zutrauen zu ihr noch nicht hatte, warum versuchte er's 
nicht wenigstens einmal? 
Nun setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und ver 
suchte weiter zu schreiben. Er war ihr unbequem, kaum daß 
sic einen Satz auf das Papier geworfen hatte, strich sie ihn 
iviedcr aus. Da oben die kleine Schäferin aus Porcellan 
grinste sie so sonderbar an, ihre Füßchen und ihre Hände 
schienen in zappelnde Bewegung zu gerathen. 
„Nein ich kann nicht schreiben!" Damit warf sic die Feder 
bei Seite. 
„Riefst Du?" ließ sich jetzt Tancred's Stimme aus denr 
Nebenziinmer hören. 
Sie riß die Thür auf und flog ihm eirtgegen. 
„Ja, laß mich nicht allein, lege die dumme Arbeit fort. 
mir ist hier Alles noch so ungewohnt, ich fürchte mich ohne 
Dich." 
„Närrchen!" sagte Tancred lächelnd, nahm sie in die 
Arme und scherzte mit ihr, wie mit einem Kinde. „Komm, 
laß uns ins Freie gehen." 
„Ja, ja", jubelte Lori, kleidete sich an und ein Viertel 
stündchen darauf wandelte sie an seinem Arme die von Menschen 
bewegten Linden entlang. Ein frohes Gefühl, sich als die 
Gattin dieses stattlichen Offiziers zeigen zu können, überkam sie. 
Ans der andern Seite der Straße ging Buffo von Ring. Er 
grüßte herüber. Ein unüberwindliches Etwas ließ Lori nach 
einigen Schritten den Kopf nach ihm umwenden, erschrocken fuhr 
sie jedoch zusanimen, als sie bemerkte, daß er dasselbe that. 
„Brauchtest Du nicht ein Paar Handschuhe?" fragte 
Tancred jetzt. 
„Ich hätte sie wohl nöthig", war ihre Antwort. 
Beide traten in einen Laden. Lori suchte sich ein Paar 
dänischlederne Handschuhe aus und Tancred bezahlte sie. 
„Das Neueste in Pariser Rüschen ist angekommen, ich 
könnte dem Herrn Major für Fräulein Tochter etwas ganz 
Vortreffliches empfehlen", sagte die Verkäuferin. 
Frau von Ohlefeld dankte und sie verließen den Laden. 
„Seh' ich denn so alt aus, Lori?" fragte Tancred im 
Weitergehe». 
„Gott bewahre", entgegnete sie, wobei ihr Blick prüfend 
über sein Gesicht flog. 
Er sah wirklich so aus, als ob er ihr Vater wäre. Da 
wieder auf der andern Seite Buffo von Ring. Wie stattlich, 
wie elastisch er dahinging. 
Noch hatte Lori, seitdenr sie als junge Frau nach Berlin 
zurückgekehrt war, außer dem Adjutanten ihres Mannes keinen 
Bekannten gesprochen, Tancred wollte von den nothwendigen 
Besuchen bei den Regimentskameraden noch nichts wissen. Es 
war zur Mittagszeit, Herr von Ohlefeld noch in der Kaserne 
und Lori saß allein in ihren: Ziinnier. Die Thüre zu der 
Stube ihres Mannes ivar geöffnet, aber sie schloß sie, denn 
ihr war es, als blickten die großen dunklen Augen der ver 
storbenen Gattin und die der beiden Kinder über ihre Schulteri: 
mit in das Buch, worin sie las. Das war ihr unbehaglich, 
cii: Schnei: nach Menscheilstimmcn überkan: sie und sie fühlte 
sich grenzenlos allein. 
Es klingelte. Lori fuhr zusammen, draußen sprach Herr 
von Ring und fragte, ob er den Herrschafteil seine Aufwartung 
machen könne, worauf der Bursche erschien und ihn meldete. 
Das verwirrte Lori, sie war allein und lehnte seinen Besuch 
ab. Die Flnrthür wurde geschloffen, der Bursche brachte zwei 
Karten herein und Lori hörte die sporenklirrenden Tritte des 
Offiziers nach und ilach auf der Treppe verhallen. Eine 
Uilrlihe hatte sie erfaßt, bald ging sie in dieses, bald in jenes 
Ziminer, setzte sich hier, setzte sich dort nieder, um nach kurzer 
Zeit tvieder aufzustehen. Gott sei Dank, jetzt kam ihr Mann. 
„Ich bin lange ausgeblieben, inein Schatz, Du wirst 
mir böse sein, das Mttagsessen ist doch nicht etwa verdorben?" 
„Das hoffe ich nicht." 
Der Major sah die beide,: Karten auf dem Tische liegen. 
„Ah, Ring war hier? Nun, was hat er Dir Neues 
erzählt?" 
Loris Wangen färbte ein leichtes Roth. „Gar ilichts, 
ich habe ihn nicht angenonunen."
        
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