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Periodical volume 9. Februar 1889 Nr, 19

Full text: Der Bär Issue 15.1889

"'•'Stirtit 
Unter Mitwirkung 
Dr. R. Beringuier, K. Ludczics, Theodor Fontane, Stadtrath L. Friedel, 
Gymnastaldirektor Dr. w. Schwartz, Pastor Gscar Schwebe! und Ernst von Wildenbruch 
herausgegeben von 
K. Schon's Merkagsliuchhandkung, Merlin. 
XV. 
Jahrgang. 
Nr.'19. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitung-speditionen und Post 
anstalten für 2 Mll. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. — Im postzeitungs-^atalog eingetragen unter TTr. 683a. 
9. Februar 
1889. 
5) Drei Menschen. 
Novelle von E. von Wald-Zedtwib. 
„Ich fiitde es begreiflich," sagte Lori, und Beide ließen 
sich jetzt vor dein gedeckten Tische nieder. Die junge Frau 
bereitete den Thee, reichte ihrem Gatten eine Tasse, legte 
ihm kaltes Fleisch vor und sprach ihre Bewunderung 
über das reizende Tafelgeschirr, sowie das schöne, schwere 
Silber aus. 
„Das ist noch aus meiner ersten Ehe," antwortete der 
Major. Doch fast that es ihm leid, ihm wollte es scheinen, 
als lege es sich bei seinen Worten wie eine Wolke über Loris 
Stirn. Doch er mußte sich getäuscht haben, jetzt war sie 
wieder so sonnenklar wie vorher. 
Lori hatte Tanereds Worte wirklich eilt wenig schnterzlich 
empfunden. Sie hatte so gut wie Nichts in die Ehe gebracht. 
— — Aber nein, daran konnte er ja nicht denken, das wäre 
seiner edlen Gesinnung ganz unähnlich gewesen. Aber es be 
rührte sie nun einmal peinlich, daß er jetzt gerade der Ver 
storbenen wieder erwähnte. Aber war es denn nicht natürlich, 
nillßte das Bild der Entschlafenen nicht gerade heute, wo er 
an ihrer Statt eine Airdere in sein Haus führte, deutlicher 
vor seiner Seele auftauchen, denn je? Flinker Hand strich sie 
das Brot, schob Tancred von dem Salat zu, lobte die Koch 
kunst der Köchin und Plauderte harmlos wie ein Kind. So 
rückte die elfte Stunde des Abends heran, und sie betrat zagenden 
Schrittes das gerneinsame Schlasziinmer. 
Einige Tage waren vergangen, die Dienstgeschäfte nahnrerr 
Herrn von Ohlefeld wieder in Anspruch, und Lori fand Muße 
genug, in der Wohnung diese und jene kleine Veränderungerr 
vorzunehmen, welche ihr nothwendig dünkten. Ihre geringe 
Habe war inzwischen angekommen. Die alten Möbel ihrer 
verstorbenen Mutter waren zum größten Theil verkauft worden, 
nur die liebsten Gegenstände, wie ihr Schreibtisch, Bilder uird 
jene Unnützlichkeiten, welche zum Schmuck der Zimnier dienen, 
und an denen das Herz gewöhnlich am meisten hängt, hatte 
man zurückbehalten. Der Major kanl aus dem Dienst nach 
Hause. Lori begrüßte ihn ein wenig zaghaft. 
„Du wirst doch nicht böse sein, mein Schatz, weitn ich 
meinen Schreibtisch an Stelle des anderen setze, er ist mir lieb 
von Jugend auf und ich komme mir mehr wie zu Hause vor, 
wenn ich an ihm sitze." 
Sie führte ihn dorthin. 
„Wie Du es willst, mein Herz," sagte Tancred, den Blick 
auf dieses Möbel gerichtet, welches Lori mit den Vasen und 
Figuren bestellt hatte, die es früher zierten, während sie die, 
welche auf dein alten standen, in den verschiedenen Zimmern 
vertheilt hatte. , „Nun fragt es sich nur, Tancred, wo wir 
den anderen Schreibtisch unterbringen? Für den wird kein 
anderer Platz sein, wie auf den Boden." 
„Tancred, Dir ist cs nicht recht, was ich gethan habe?" 
„Aber Lori." 
„Doch, doch, ich sehe es Dir an." 
„Er stainmt von nteiner verstorbenen.Frau", cittgegnete 
der Major. 
„Und Du wünschest, daß ich ihn behalte", antwortete Lori, 
worauf Herr von Ohlefeld nichts erwiderte und in sein Zimmer 
ging. Bald daratif hörte er, wie in der anderen Stube Möbel 
hin- und hergetragen wurden, wie . man bald Dieses, bald 
Jenes rückte und als er wieder erschien, fand er den Schreib 
tisch seiner ersten Gattin sammt seines Schmttckes auf der ge 
wohnten Stelle,, während der Lori's auf den Boden getragen 
worden war. 
„Aber Lori!" ries er vorwurfsvoll, „so hatte ich's nicht 
gemeint." 
„Aber es ist Dir so lieber, einziger Mann", entgegitete 
sie zärtlich, worauf er, sie. uinschließend, zustimmend nickte. 
Nun saß Frau von Ohlefeld an dem Tische ihrer Vor 
gängerin, sie wollte an eine Freundin schreiben, um ihr zu
        
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