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Periodical volume 2. Februar 1889 Nr, 18

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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festzuhalten, mit der Unterschrift: „Niesschandeller, Sie jammem 
mir!" Nächtlichen Rauchern gegenüber Pflegte man ein Auge zu 
zudrücken, da die Nachtwächter, wenn sie ihr Revier abpatrouillirt 
hatten und in den Thür-Nischen aus den Treppenstufen saßen, das 
verstohlene Privilegium hatten, sich durch die Tabakspfeiie munter 
zu halten. Auch vor den Thoren der Stadt, am den Landstraßen, 
insoweit dieselben, wie z. B. schon damals vor dem Oranienburger 
Thor, nicht regelmäßig mit Häusern bebaut waren, durfte geraucht 
werden. Reisenden war es, wenn sie durch Dörfer kamen, „wegen 
der Feuergefährlichkeit" verboten, aber auch hier ging man mit der 
polizeilichen Strenge zuweilen zu weit. So begegnete es einst 
einem Bischof der evangelischen Landeskirche, welcher in seiner Extra 
postchaise beim Passiren eines Dorfes ahnungslos aus seiner wohl 
verschlossenen Preise sortgeraucht halte, von einem Gendarmen an 
gehalten und als Contravenient notirt zu werden; was dem ge 
müthlichen alten Herrn natürlich sehr unangenehm sein mußte, aber 
alle guten Worte galten nichts bei dem strengen Wächter des 
Gesetzes. 
Inzwischen hatte sich nach dem Aufhören der Continentalsperre 
die deutsche Tabaksfabrikation sehr gehoben. Als der erste, noch 
reich beflaggte, große Hamburger Elbkahn mit Colonialwaaren, von 
der Kaufmannschaft feierlich empfangen, am Lustgarten hinter der (da 
maligen) Börse vor Anker ging, wurde er von den Berlinern mit 
allgemeinem Jubel begrüßt, und die Hamburger Firma „Friedrich 
Justus" versorgte Berlin mit vorzüglichen Rauchtabaken: Louisiana, 
Rothsiegel, Muffkanaster, das Pfund von 12 Sgr. bis 2 Thlr., 
aber auch in Berlin selbst wurden von Ermeler (in der Breiten- 
straßc), von Praetorius und Brunzlow und anderen (in der Königs 
straße) beliebte Tabake fabrizirt mit den Etiketten: Cubakanaster, 
Holländischer Kanaster und als fünfte Sorte Maracaibokanaster, 
welcher 2% Thlr. das Pfund kostete. Geringe Sorten waren 
Kraustabak, das Pfund zu 2 Sgr., ff. Jagdkanaster mit der De 
vise: „Gut auf hohen Bergen und in freier Lust zu rauchen. Dieser 
Tabak lobt sich selber — (stinkt also) —, brennt, schmeckt und beißt 
auch nicht." Alle diese Tabake waren geschnitten und in Palleten 
verpackt, viele Raucher der besseren Stände zogen jedoch vor, Por- 
torico oder Varinas in Rollen zu gebrauchen, während das ge 
meine Volk sich mit von den einheimischen Tabaksspinnern verfer 
tigten Stangentabaken begnügten, deren geringste Sorte mit dem 
Spottnamen „Für einen Sechser dreimal um den Leib" belegt war. 
Die Cigarren, mit deren Fabrikation man in Hamburg im letzten 
Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts den Anfang gemacht hatte, 
verbreiteten sich indeß nur sehr allmählich und zunächst nur unter 
der goldenen Jugend der Kaufmannschaft. In den feineren Garten 
lokalen des Thiergartens (unter den Zelten, im Schulgarten am 
Potsdamer Thor, in der Bellevue- und Thiergartenstraße, bei George, 
Kemper und beim Hofjäger (unweit des jetzigen zoologischen Gartens), 
wurden die ältern rauchenden Stammgäste von den grünbeschürzten 
gravitätischen Marqueurs mit gestopften, langen holländischen Thon 
pfeifen (st 6 Dreier-) bedient, während jüngere Herren sich bereits 
der Cigarren bedienten und dadurch das Rauchen aus Pfeifen nach 
und nach in Mißkredit brachten. In den Wintergärten („von Faust" 
an den Königskolonnaden, George in der großen Frankfurterstraße 
und bei Teichmann im Thiergarten), die damals an Konzerttagen 
und bei Blumenverlosungen stark besucht wurden, war für die 
langen Thonpfeifen kein Raum und hier bedienten die ersten 
schwarz beftackten und leichtfüßigeren Kellner die Gäste auf Ver 
langen auch mit Cigarren. Bald gehörte das Cigarrenrauchen 
nunmehr zum guten Ton und das mit sich Führen einer, wenn 
auch noch so eleganten, kurzen Pfeife galt um so mehr für 
philiströs und knotig, als man auf Spaziergängen nur noch bei 
ehrsamen Handwerkern bemerkte, daß ihnen, was zu ihrem Sonn 
tagsstaate gehörte, die Pfeiienspitze mit grüner Quaste aus der 
hinteren Rocktasche hervorsah. In häuslichen Kreisen dagegen be 
hauptete sich die Pfeife noch lange. Bei festlichen Gelegenheiten, 
bei Hochzeiten, Kindtaufen, auch bei Leichenbegängnissen stand in 
den Bürgerhäusern auf dem Tische ein Teller mit Rauchtabak, der 
häusig mit Rosenblättern geinischt war, und daneben lagen lange 
Thonpfeifen*) zum beliebigen Gebrauch für die Anwesenden. 
Aber auch in höheren Gesellschaftskreisen bediente man sich 
noch in den dreißiger Jahren in Herrengesellschaften sehr gewöhnlich 
der Pfeifen, die bereits gestopft von dem Hausherrn in Bereitschaft 
gehalten wurden, welches den geehrtcsten seiner Gäste kostbare, mit 
Silber beschlagene Meerschamnpfeisen zu Präsentiren beeifert war, 
während die übrigen mit geringeren Exemplaren aus seinem Pfeifen 
magazin oder auch selbst mit Thonpfeifen vorlieb zu nehmen hatten. — 
*) Die ersten besten Thonpfeifen wurden aus Holland bezogen, 
waren geglättet und bestanden aus gelblicher Masse, mußten jedoch beim 
Rauchen stets aufmerksam gehalten werden, da die Köpfe im stumpfen 
Winkel an die Röhre gesetzt waren. Berlin hatte auch Thonpfeifen 
fabriken, welche die Köpfe der aus weicherer und weißer Maffe geformten 
Pfeifen praktischer im rechten Winkel an die Röhre setzten und auch 
8 förmige, kurze sogenannte Nachtwächterpfeifen lieferten. Der Verbrauch 
dieser zerbrechlichen Waaren war ein so bedeutender, daß man auf den 
belebteren Straßen nicht zehn Schritte gehen konnte, ohne auf dem Stein 
pflaster Bruchstücke zu finden, die als „Pfeifenstiele" von den Knaben eifrig 
gesucht und als praktische Bolzen beim Armbrustschießen benutzt wurden. 
(Schluß folgt.) 
Kleine Mittheilungen. 
Der Aeickis- und Staatsdienll nevll verwandten Kächern. 
Praktischer Ratbgeber- für die Berufswahl in denselben. Enthält das 
Wissenswertbeste aus den Vorschriften über Annahme, Ausbildung, 
Prüfung und Anstellung für sämmtliche Dienst- und Berusszweige auf 
Grund amtlichen Materials systematisch zusammengestellt und erläuternd 
bearbeitet von H. Bünne che in Arolsen. Leipzig. Verlag von Wilhelm | 
Violet. 1888. In der ersten, sehr umfangreichen Abtheilung A Civil- j 
Verwaltung wird in 9 Abschnitten behandelt: I. Allgemeine Staats- j 
Verwaltung, II. Justizverwaltung, III. Bau- und Maschinenfach, 
IV. Bergfach, V. Forstfach, VH. Geistliche und Unterrichtsverwaltung. i 
(Heft I, 1,50 Mk.) ATI. Medizinal-, VIII. Separations- und Vermessungs 
wesen, IX. Steuerverwaltung, X. Verkehrswesen, XI. Polizeiverwaltung. 
(Heft II, 1,80 Mk.) In dem 3. und 4. Hefte (Abtheilung L) ist I. die . 
Militärverwaltung, II. die Marineverlvaltung enthalten (1,50 Mk. bezw. j 
1,20 Mk.) Bei der Schwierigkeit der Berufswahl und der Verschiedenheit ; 
der Anforderungen ist eine übeffichtliche Zusammenstellung der gesetzlichen 
Vorschriften geradezu nothwendig und nicht nur Eltern und Vornüindern j 
erwünscht, sondern auch den im Beruf bereits Befindlichen behufs orien- 
tirender Vergleichung der Prüfungs- und Anstellungsverhältnifse in anderen 
Dienst- und Berusszweigen interessant und lehrreich. 
Denkmal des S. E. Derb an des auf der Dudelsburg. Manche 
große Epoche der Geschichte redet noch heute durch monumentale Zeugen 
zu uns und was uns diese ehenien. steinernen Reininiscenzen in stummer j 
und doch so beredter Sprache erzählen, das wirkt oft stärker auf unsere 
Phantasie als das überlieferte Wort, ja selbst als der Zauber der 
Dichtung; plastisch greifbar überbrücken sie die trennende Zeit und ver 
setzen uns lebendig in die Vergangenheit. 
Wenn je ein geschichtliches Ereigniß sich sein Andenken auf diese 
Weise gesichert hat, so ist es der Kampf Deutschlands gegen Frankreich, 
die Errichtung des geeinten deutschen Reiches. Vom Siegesdenkmal in 
der Reichshauptstadt hernieder bis zur bescheidenen Friedenseiche im ärm 
lichen Gebirgsdorfe wird es noch späteren Geschlechtern von jenen großen 
Tagen zeugen, die wir erlebt, und die Hülle, die erst kürzlich vom herr 
lichen Leipziger Kriegerdenkmal sank, wird noch nicht der letzte Schleier 
sein, der ein jener Zeit geweihtes Kunstwerk barg. 
Eins unter diesen vielen Denkmälern hat noch ein besonderes Inter 
esse, da es als erstes den Reigen eröffnete. Es ist das weithin be 
kannte Rudelsburg - Denkmal, das bereits im Jahre 1872 vom Kösener 
S. C. Verbände den Manen seiner gefallenen Kommilitonen gewidmet 
wurde. Der Aufruf zu demselben fand begeisterten Widerhall in den 
Herzen der Korpsstudenten und die herbeiströmenden fteiwilligen Gaben 
ermöglichten schon ein Jahr nach dem Kriege die Errichtung des Denkmals, 
das nun unweit Kösen an romantischer Stelle in's liebliche Saalethal 
herniederblickt. Da wo die malerischen Ruinen der Rudelsburg sich am 
steilen Felsabhang lagern, strebt nachbarlich die Denksäule in die Lüste, 
den Voriiberziehenden aus dem Grün ihrer waldigen Umrahmung grüßend.
        
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