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Volume 2. Februar 1889 Nr, 18

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

Unter Mitwirkung 
Dr. R. Bcringuier, F. Ludczies, Theodor Fontane, Stadtrath L. Friedet, 
Gpmnasialdirektor Dr. w. Schwartz, Pastor Gscar Schwebet und Lrnst von Wildenbruch 
herausgegeben von 
<&. Schon's Bcrkaqsöuchljandkung, Berlin. 
XV. 
Jabraang. 
Nr. 18. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Post 
anstalten für 2 JXlh. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. — Dm postzeitungs-^ratalog eingetragen unter llr. 683a. 
2. Februar 
1880. 
iS) Johannes 
Eine Berliner Geschichte 
Herr von Rochow erwiderte ihr anders, als sie gedacht hatte. 
„Gräfin," sprach er stolz, „aus diese Weise kommen wir zu einem 
herzlichen Verständniß nicht. Ihr erblickt in mir nur den kühl- 
denkenden Mann, — den Mann der Berechnung und des Ver 
standes. Ein solcher bin ich nicht! — Je höher aber die Ziele 
sind, welche ich mir gesteckt habe, um so mehr bin ich verpflichtet, 
mit Allem, was ich habe, — nicht allein mit meiner Bc- 
geisterung, sondern auch init ernster, stiller Thatkraft, — danach 
zu ringen, daß sie auch verwirklicht iverden. O ich kenne ihn 
sehr wohl, den schönen, lichten und so heiligen Enthusiasmus, 
der Euch beeseelt, mein gnädig' Fräulein! Bewahrt ihn Euch! 
— Männern aber, die von hohen Plänen beseelt sind, — 
Männern, die eine wahre, eine unvergängliche Liebe im Herzen 
tragen, — mag sie dem Vaterlande, 'mag sie einer edlen Frauen 
seele geweiht sein, — ihnen ist nicht verstattet, der Begeistening, 
dem Schwärmen in beglückenden Gefühlen sich hinzligeben. 
Klar muß ihr Geist sein, fest das Herz und stark die Hand! 
— Denn das allein, das sichert ihnen den Erfolg. — Ich 
weiß, was Ihr entgegnen wollt; — des Herzens schöne Wärme 
leide d'runter! O nein, — mein gnädig' Fräulein, das ist nicht 
also! — Jedwede wahre Liebe aber treibt zu ernster That!" 
„Ich gebe zu, — es mag wohl recht sein, was Ihr mir 
gesagt, Herr Obrist!" erwiderte die Gräfin zögernd. „Allein 
wohin hat unser Reden uns verschlagen? — Seht: dort glänzt 
mattes Licht durch Kirchenfenster! Vergeßt, was wir gesprochen, 
Herr von Rochow, und handelt, wie Ihr sagtet, — männlich, 
klar und fest! Erhaltet nur dies theure Brandenburg dem 
Hause Hohenzollern!" 
„Gnädigste Herrin, — mit bem schwarz und weißen Banner 
steh' und falle ich!" — 
Sie traten über die Schwelle des alterthümlichen Kirchleins, 
welches zu einem Pestlazarethe umgeschaffen worden war. 
Unter den Stemgewölben lagerte tiefes Dunkel, — nur auf 
Wcdigen. 
von Oskar Schwebet. 
i den nächsten Raum warfen die Wachskerzen des Altares ihr 
feierliches, aber spärliches Licht. Es war kein Todesröcheln, 
kein die Seele zerschneidendes Klagen, welches ihnen entgcgen- 
klang; das Pestfieber schlägt den Körper ja in unabschüttelbare 
Fesseln und läßt, mit entsetzlicher Schnelligkeit dem letzten Ziele 
zuschreitend, Aeußerungen des Schmerzes und der Verzweiflung 
nicht zu. Und sie, die auf Stroh in dem Schifflcin der Kirche 
hier gebettet waren, — dem Tode entgegenblickend, — was 
sollten sie auch klagen? — Nach jenen bitteren Leiden, deren 
Kelch sie allzumal getrunken hatten, erschien der Tod ihnen ja 
nur als ein Freund, als Retter und Befreier. 
Dort aber, mitten unter den Kranken stehend, waltete 
der Magister Rösner seines Amtes. Das Gestühl des Gottes 
hauses war aus seine Anordnung hinausgeschafft worden; er 
vermochte unbehindert zu jedem der Erkrankten sich hinzubegeben. 
Jetzt aber kniete er zu einem von ihnen nieder; — er träufelte 
aus einem Becher Waffer auf die dürren, dürstenden Lippen 
hinab; er legte dann die Hand auf die brennende Stirn und 
sprach den heil'gen Wunsch zur letzten Fahrt der matten, müden 
Seele zu: die Worte des hohenpriesterlichen Segens. 
Erst als das Wort: „Und gebe dir seinen Frieden!" ver 
klungen war, wagte die Gräfin von Hohenzollern näher an 
ihn heranzutreten. „Vermögt Ihr eine Hülfe zu gebrauchen, 
hochwürd'ger Herr?" so fragte sie. 
Erstaunt richtete der Geistliche sich auf. „Jedwede Kraft," 
so sprach er dann, „die helfen will, ist hochwillkommen. — 
Nicht allzu schwer," fügte er in seiner friedlichen Weise hin 
zu, „ist unser Dienst. Nur eine letzte leibliche und geistliche 
Erquickung gilt es hier;u spenden, — ein wenig Wasser und 
ein wenig Trost aus Gottes reicheni Wort, — das ist das 
Ganze!" 
„Erwartet mich dann morgen früh, Magister! Hier ist ein 
wenig Gold und hier ein wenig Wein!"
	        
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