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Volume 26. Januar 1889 Nr, 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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Als er jedoch natürlich von dem Richter freigesprochen und der 
junge Bäcker mit seiner Klage abgewiesen ward, da drängten sich 
Letzterer und seine Freunde hinter dem alten Wucherer her, und 
dieser, Mißhandelungen fürchtend, blieb auf der hölzemen Treppe 
vor der Thür der Rathssiube in dem alten Thurme des Berliner 
Rathhauses plötzlich stehen, indem er sein gewichtiges spanisches 
Rohr drohend gegen seine Verfolger aufhob und rief: „Ihr sollt 
mich nicht ungestraft um meine Ehre und guten Ruf gebracht haben, 
denn wer selbst betrügen will, traut Andem dasielbe zu!" Dies 
war aber doch dem jungen Bäcker und seinen Freunden zu arg, sie 
stürzten auf ihn los, um ihn wenigstens die Treppe hinunter zu 
werfen, allein der alte Wucherer hielt festen Stand und ließ seinen 
Stock wacker auf den Rücken und Köpfen seiner Widersacher tanzen. 
Da auf einmal, o Wunder! sprang der Stock bei einem gewaltigen 
Schlage mitten auseinander und eine Menge Goldstücke rollten aus 
dem Innern desielben die Treppenstufen hinab. Der alte Bösewicht 
hatte einen hohlen Stock gehabt, in denselben die 50 Dukaten ge 
than und beim Schwörungstermine buchstäblich die 50 Dukaten, 
ehe er schwur, dem Kläger in die Hand gegeben, also dem Wort 
laut nach keinen Meineid geschworen. Allein das Volk war anderer 
Meinung über diesen jesuitischen Kunstgriff, es fehlte wenig, er wäre 
der allgemeinen Entrüstung auf der Stelle zum Opfer gefallen, 
wäre nicht sein Gegner selbst zu seiner Vertheidigung und Schutze 
aufgetreten. Das Gericht aber verurtheilte den meineidigen Wucherer 
nicht blos zu reichlicher Wiedererstattung, sondem auch Zeit seines 
Lebens eine seidene Schnur uni den Hals zu tragen, welche die 
Stelle eines Stricks vertrat und nach der der Scharfrichter von 
Berlin jährlich einmal von Amtswegen sehen mußte, für welchen 
Dienst ihm aber der Bäcker jedesmal fünfzig Gulden auszuzahlen hatte." 
Mit geringfügigen Abweichungen findet sich dieselbe Sage auch 
zu Salzwedel. Sie lautet ort also: 
„In der Stadt Salzwedel lebte einst ein Mann, der 100 Du 
katen geborgt hatte. Als nun die Zeit des Wiederbezahlens kam 
und sein Gläubiger ihn mahnte, da leugnete er frech es ab, über 
haupt von ihm auch nur einen rothen Heller erhalten zu haben. 
Er wurde deshalb von Letzterem verklagt und natürlich von dem 
Rath vorgefordert, und ihm ein Eid auferlegt, daß er überhaupt 
kein Geld erhalten oder es doch seinem Gläubiger zurückgegeben 
habe. Der böse Schuldner hatte das vorhergesehen und daher 
listigerweise die 100 Dukaten in seinen Spazierstock eingespundet. 
Diesen nahm er so mit auf's Rathhaus; und weil er nicht falsch 
schwören wollte, sondern sein Gewissen dadurch zu retten glaubte, 
so bat er seinen Gläubiger, ihm während des Eides seinen Stock 
zu halten. Darauf schwur er mit großer Frechheit, daß er das 
Geld ehrlich zurückgegeben habe, und sein Gegner wurde mit seiner 
Klage abgewiesen. Aber die Strafe ereilte den Meineidigen aus 
der Stelle. Denn wie er nun zu seinem Hause zurückkehrte, da 
begegnete ihm ein Müllerwagen, vor dem die Pferde scheu geworden 
waren. Der überfuhr ihn, daß ihm die Räder über den Leib gingen 
und er ofort starb. Auch sein Stock wurde bei dieser Gelegenheit 
durch das Ueberfahren mit zerbrochen, und als aus demselben die 
Dukaten herausfielen, da wurde der Betrug offenbar, und ein 
Jeder erkannte die Strafe des Himmels an dem Meineidigen. In 
der Katharinenkirche zu Salzwedel hängt ein Bild, worauf die 
Begebenheit abgebildet ist." 
Schon diese Wiederholung genügt, um Zweifel an der That- 
sächlichkeit des in Rede stehenden Vorganges in uns zu erregen. 
Wie aber werden dieselben noch bestärkt, wenn wir dieselbe Ge 
schichte bereits im zweiten Theile von Don Miguel Cervantes un 
sterblichem „Don Quijote von der Mancha" wiederfinden! — 
(Schluß folgt.) 
Kleine Mittheilungen. 
Friedrichs des (-roßen Antwort auf KeiratKsgesnche seiner 
chfsiziere. 
1. „Mein lieber Rittmeister! Ich kann Euch auf Euer Schreiben vom 
21. Juni nicht anders bescheiden, als Ich bereits gethan. Daß Ich ' 
nämlich nicht gern sehe, wenn ein braver Husaren-Offizier sich verheirathet, 
weil solcher seinen Umständen, so ein freies Herz erfordern, nicht conve- 
nable ist und er sich anstatt des hoffenden Vortheils nur viel Sorgen 
auf den Hals zieht. Ich bin re. F." 
2. „Ich habe aus Eurem Schreiben ersehen, wie Ihr um permissiv» 
Euch verheirathen zu dürfen anhalten wollt. Ich gebe aber nicht zu, daß 
die Offiziers sich mit Kaufmannstöchtern heirathen und also wird von 
Eurer Heirath nichts. Ihr müsset dennoch warten, bis Ihr eine Com- 
vagnie bekommt, dann könnt Ihr Euch um dergleichen permission melde». 
Ich bin re. F." 
3. „Ich habe Euer Schreiben wegen des Lieutenants von Buttberg 
vorhabenden niederträchtigen Heirath mit des Haidereuters Thiele 
Tochter erhalten, werde aber nimmermehr Meine Oonsens dazu ertheilen 
und sollt Ihr denselben davon abhalten, und wenn er sich nicht daran 
kehrt, ihn in Arrest zu setzen. Ich bin re. F." 
4. „Nachdem Ich aus Eurem Schreiben ersehen, wie daß Ihr durch 
Eure vorhabende Heirath Eure Umstände verbessern könnt, so accordire Ich 
Euch dazu hierdurch Meine Permission und bin re. F." 
Ein alles Werliner Ikäthsek aus der Zeit, wo es mit den Droschken 
noch schlecht bestellt war. Frage: Was ist schneller als ein Gedanke? — 
Antwort: Ein Droschkengaul! Denn wenn man denkt, er fällt, — da 
liegt er schon! — W. S. 
Eier-Sögek. Seitens der verdienten Schriftstellerin Fräulein Elisa 
beth Lemke ist der kulturgeschichtlichen Abtheilung unsers Märkischen 
Museums ein primitiver Zimmerschmuck aus ostpreußischen Bauer- 
häusern in der Gegend von Gilgenburg zum Geschenk gemacht 
worden. Es sind dies ausgeblasene weiße Hühner-Eier, an sechs Stellen 
durchbohrt, so zwar, daß das Ei den Rumpf eines Vogels bildet. Hinten 
sn geknifftes blaues Papier den Schwanz darstellend, auf der Seite ent- 
sbsschend je ein Papier-Flügel, vorn ein papierner Kopf angebracht. Die 
Füße sind durch Goldflitterdraht dargestellt; endlich geht aus dem Rücken 
nn ebensolcher Draht in Schleifenforni in die Höhe. Da Schwanz und 
rstügel ausgespreitet sind, so macht es den Eindruck, als schwebe der Eier- 
Ewgel in der Luft. Dergleichen sonderbare Segler der Lüfte werden an 
den niedrigen Balkendecken der Bauerstuben, neben weißen getünchten 
Decken befestigt. Ob diese Vögel bloße Zierrathe sind oder symbolische 
Bedeutung haben, ist nicht aufgeklärt. Sammler von Sitten und Gebräuchen, 
wie Prediger Handtmann u. a. werden freundlichst gebeten, sich darüber 
zu äußern, ob ihnen Aehnliches aus anderen Theilen Deutschlands, 
namentlich aus der Provinz Brandenburg, bekannt geworden ist. — 
E. Friedet. 
Die Templer von Tenipelhos. Vaterländischer Roman von Oskar 
Schwebet. Verlag von I. S. Bruns in Minden i. W. 204 S. 
Der Verfasser eröffnet mit dem vorliegenden Werke als dem ersten 
Bändchen der „Alt-Berliner Stadtgeschichten" ein Unternehmen, 
welches auf das Interesse und die Theilnahme jedes Gebildeten in der 
Reichshauptstadt rechnet. Er will die tragischen Konflikte novellistisch dar 
stellen, welche den Verlauf der Entwickelung Berlins von den Anfängen 
der Stadt an bis zu jenem Augenblicke begleiten, in welchem der große 
Kurfürst Berlin zur bleibenden Residenz der Hohenzollern erkor. Jeder 
einzelnen Stadtgeschichte soll eine treffend gewählte Begebenheit zu 
Grunde gelegt werden. So soll die Gründungsepoche der Stadt Berlin 
durch „die Templer von Tempelhof" durch einen geschichtlichen vater 
ländischen Roman dargestellt! werden, den die Leser abschnittweise im „Bär" 
1887 kennen gelernt haben. Der Roman hat jene ernste Zeit zum Hinter 
gründe, in welcher die Ritter des Templerordens ihre ersten Niederlassungen 
auf unserm Boden begründeten, wo einstmals die Markgrafen aus dem 
Hause Ballenstedt festen Fuß in der Mark zu fassen verinochten, um deutsche 
Art und Sitte, deutsches Weben und Leben an die Stelle des untergehenden 
Wendenthumes zu setzen. In belehrender und volksthümlicher Erzählung 
schildert Schwebet den Zustand der Mark Brandenburg, führt uns die 
Ortschaften der Umgebung Berlins mit ihren alten Namen, deren Be 
wohnern und Sitten vor, und spinnt den Faden emsig fort bis zu dem 
Punkte, wo es dem Muthe tapferer Männer gelang, nach Täuschung des 
Nikolaus to Berlin und Colne einen Uebergang beim Mühlendamm in 
wenigen Stunden herzustellen, dadurch in das Dörfchen Berlin ein 
zudringen und auf dem Platze vor der Nikolaikirche das Kreuz des 
Tempelherrnordens aufzupflanzen. _ Dr. Br. 
Inhalt: Kaiser Wilhelm II. zum 27. Januar 1889, von I. Trojan 
(mit Abb.); Drei Menschen, Novelle von E. von Wald-Zedtwitz 
(Fortsetzung); Johannes Wedigen, eine Berliner Geschichte von Oskar 
Schwebet (Fortsetzung); Aus Alt-Berliner Kreisen, von Walter 
Schwarz (Schluß); Zur Entwicklung der Westvorstadt Berlins, 
von Dr. H. Brendicke (mit zwei Abb.); Don Miguel de Cervantes- 
Saavedra und die märkische Sage, von Oskar Schwebet. — 
Kleine Mittheilungen: Friedrichs des Großen Antwort auf Heiraths- 
gesuche seiner Offiziere; Ein altes Berliner Räthsel; Eier-Vögel; Die 
Templer vom Tempelhof. — Anzeigen.
	        
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