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Volume 26. Januar 1889 Nr, 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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nackte Wirklichkeit veröffentlicht zu haben, die sich den Blicken 
Bieler so lange Zeit hindurch entzog. 
Endlich scheint es sich aber auch im Westen gewaltig zu regen 
und der „Zug nach dem Westen" hat nicht nur Bedeutung für die 
Besucher des Grunewalds und für die Sommerfrischler in Schmargen 
dorf, sondern auch für die Bewohner der Westvorstadt und des 
Potsdamer Viertels. Während in der Goltz-, Schwerin-, Luther-, 
Eisenacher-, Nürnberger- und allen angrenzenden Straßen eine 
ffcberhaste Bauthätigkeit herrscht, so daß innerhalb eines halben 
Jahres ganze Straßenfronten entstehen und Häusermassen wie die 
Pilze nach dem Regen aus dem Boden emportauchen, belebt die 
neue Dampfstraßenbahn der Linie Zwölfapostelkirche-Wilmers- 
dorf-Schmargendorf im Sommer '/§ stündlich, im Winter alle 
24 Minuten die vorher todte Gegend. Den Dennewitzplatz soll 
eine neue Kirche schmücken und der wohlgepslcgte Nollendorfplatz 
wird allmählich von geschmackvollen Neubauten völlig eingeschlossen. 
Nur dem Lützowplatz hat noch nicht die Stunde der Erlösung 
geschlagen. 
Während der botanische Garten früher nur in einer Tagereise 
von gewöhnlichen Sterblichen erreicht wurde, die im Centrum 
wohnten und bei Prüfer, oder in Neu- und Alt-Schöneberg bei 
Sarre oder im schwarzen Adler sich niederließen, wo „Familien 
Kaffee kochen" konnten, gelangt man für 10 Pf. vom Spittelmarkt 
per Omnibus oder mit der Wilmersdorfer „Arche", wie dies all 
gemein beliebte, stets überfüllte und Abends besonders stark von 
Heimkehrenden benutzte Gefährt im Volksmunde genannt wird, 
leicht und bequem bis jenseit der promenadenartig angelegten, ur- 
sprünglich als „Ringstraße" projektirten Bülowstraße und fährt 
bis zur Weichbildgrenzc Berlins. 
Roch fehlt neben der Aorkstraße eine zweite Verbindung des 
Westens mit dem Südwesten nach der Teltowcrstraßc. Noch ist 
eine Haltestelle der Potsdamer- und der Anhalter-Eisenbahn an der 
Porkstraße für die Westvorstadt nicht-genehmigt, noch sind manche 
Vorschläge bei der Gr. Berliner Pfcrdeeisenbahn Gesellschaft unberück 
sichtigt geblieben, noch wird der gewaltige Briefverkehr von einem 
einzigen größeren Postamte W. 57 aus besorgt, noch ist die Linie der 
DampfstraßcnbahnBerlin-Schöncberg-Steglitz nicht eingebürgert, noch 
bedarf ein Theil der Westvorstadt der Wasserleitungsfflter, welche 
Herr Rolo Wagner den Bewohnern als eine unbegreifliche Steuer 
auferlegt — aber in einem Punkte sorgte die Stadt Berlin wieder 
in echt mütterlicher Weise für die allernächsten Bedürfnisse des all 
täglichen Lebens, indem sie den Hausfrauen zuvörderst entgegen 
kam und zwar durch Errichtung der Markthalle Nr. 5 auf dem 
Magdeburgerplatz, die wir im „Bär" Nr. 6 unseren Lesern in 
Wort und Bild vorführten. 
Um aber beim Scheiden von den alten Gewohnheiten noch 
einmal die Bilder des ehemaligen Lebens und Treibens auf dem 
Magdeburgerplatze festzuhalten, geben wir heute eine Szene nach 
Schluß des Wochenmarktes die uns ein anschauliches Bild aus 
damaliger Zeit darbietet. 
Die Stunde des „Abräumens", 1 Uhr, hat geschlagen. 
Einige glückliche größere Verkäufer haben längst vor der festgesetzten 
Zeit das Feld geräumt, andere sind im Begriff mit den Trümmern 
und Resten den Rückzug anzutreten. Sobald die Polizei den Platz 
verläßt, aber bevor noch die fleißige Garde der Reinigungsmann- 
fchafren niit „Besen und Schippe" an ihr Werk geht, beeilt sich 
eine ernst und trüb blickende Schaar armer Leute, Männer und 
Frauen, auch Kinder, die von verwöhnten Hausfrauen verschmähten 
oder sonst zurückgelassenen Eemüscrcste und Kartoffeln zu sammeln. 
Hier liegt nock ein schönes Kohlblatt für das Kaninchen zu Hause, 
dort eine Mohrrübe, geschabt für den Bewohner des Vogelbauers 
verwendbar; gierig fallen Dogge und Mops über Knochen und 
Fleischreste her und die „allesfreffenden".Spatzen machen durch ihre 
Gefräßigkeit und das starke Kontingent, welches sie zu dieser Klaffe 
von Sammlern und Naturforschern stellen, allen Theilnchmern den 
Vorrang streitig. Die Fahne der Marktpolizei wird Heruntergelaffen, 
das „Möblement" auf Wagen geladen und innerhalb einer Stunde 
der Platz in seinen früheren Zustand versetzt. 
Don Miguel de Cervantes-Saavedra und die 
märkische Sage. 
Vo» Oskar Schwebe!. 
Eosmar erzählt in seinen „Sagen und Miscellen" aus Berlins 
Vorzeit die folgende Geschichte: 
„In Berlin hat einst ein reicher Bäcker gelebt, der aber sein 
Geschäft aufgegeben hatte und mit dem gesparten Gelde Wuchcr- 
! geschäftc trieb. Zuletzt gingen aber dieselben nicht mehr so recht, 
weil er gar zu hohe Zinsen nahm und wer einmal in seine Hände 
siel, sicher nicht zum zweiten Mal zu ihm borgen kam. Er beschloß, 
auf andere Weise Geld zu verdienen, selbst als Borger aufzutreten 
und alle, die ihm vertrauten, um ihr Geld zu bringen. Zuerst 
ging er also zu seinem früheren Gesellen und jetzigen Nachfolger 
> im Geschäft, welches er an ihn verkauft hatte, und bat ihn, er 
möge ihm doch auf drei Tage mit 50 Dukaten aushelfen, da er 
: sich gerade selbst ausgegeben und eine bedeutende Zahlung zu machen 
j habe. Sein früherer Geselle hatte auch kein Arg, er wußte, daß 
sein früherer Meister selbst Geld vollauf habe und ihm ein sicherer 
Schuldner sei; er gab ihm also die verlangten 50 Dukaten sofort, 
ohne einen Schuldschein zu verlangen. Jener aber lachte sich in's 
! Fäustchen und nahm sich vor, seinem vertrauensvollen Geschäfts- 
nachfolgcr auch nicht einen Heller tviederzugcbcn. Es vergingen 
! also drei Tage und kein Schuldner ließ sich bei dem Darleiher 
! sehen; derselbe wartete geduldig nock ganze acht Tage, als dann 
sein alter Meister immer noch nicht erschien, da ging er zu ihm 
und bat sich sein Geld aus. Allein wie ward ihm, als jener zwar 
nicht in Abrede stellte, die 50 Dukaten geliehen zu haben, aber 
hoch und theuer versicherte, sie ihm am bestimmten Tage wieder 
gebracht zu haben. Vergebens stellte er seinem früheren Meister 
vor, daß er sich irre und ihm seine Schuld nicht bezahlt habe; 
derselbe ward grob und beschuldigte ihn geradezu, er wolle das 
Geld zweimal bezahlt haben und ihn betrügen, nicht er ihn. Gleich 
wohl ließ der junge Bäcker sich dadurch nicht irre machen, sondern 
ging hin vor Gericht und brachte seine Sache an. Nun wurden 
aber zu der Zeit, wo dies geschehen ist, noch nicht so lange Prozesse 
j geführt, als dies jetzt der Fall ist, sondern die Händel zwischen 
! Kläger und Beklagten wurden einfach nach mündlicher Verhandlung 
beider Theile durch den Richter geschlichtet. Es wurde also dem 
alten Wucherer ein Tag anberaumt, wo er vor Gericht zu erscheinen 
und sich zu verantworten hatte. Wie vorher schon räumte er auch 
hier das Faktum des Darleihens ein, behauptete aber, die geliehene 
j Summe zu rechter Zeit zurückgegeben zu haben und erbot sich, die 
Wahrheit seiner Aussage eidlich erhärten zu wollen. Sein Gegner 
nahm auch sein Anerbieten an, weil er glaubte, der Wucherer werde 
! zuletzt doch wegen einer für ihn so geringfügigen Summe keinen 
Meineid schwören, allein er irrte sich; als der zum Schwur ange 
setzte Tag erschien, da war auch der alte Wucherer da und erbot 
sich, den von dem Richter formulirtcn Eid, daß er nämlich dein 
jungen Bäcker richtig und gewissenhaft die geliehenen 50 Stück 
Dukaten zurückgegeben habe, zu leisten. Er reichte seinem herzu 
getretenen Gegner seinen Hut und Stock mit den Worten hin: 
j „Haltet doch Eurem alten Meister aus Gefälligkeit einen Augenblick 
; sein spanisches Rohr" und sprach dann, nachdem derselbe, er wußte 
i selbst nicht warum, seinen Wunsch erfüllt und Hut und Stock in 
seine Hände genommen hatte, ohne Bedenken die vorgeschriebene 
Eidesformel. Kaum hatte er dieselbe aber vollends ausgesprochen, 
so entstand unter den Anwesenden ein lautes Murren, weil Jeder 
mann überzeugt tvar, daß eben ein Meineid geschworen worden sei.
	        
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