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Volume 26. Januar 1889 Nr, 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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„Der Herr Adjutant ist hier gewesen und hat Alle? an 
geordnet, die Blumen da im Tisch lind an den Fenstern hat 
er auch gebracht," meldete in dienstlicher Haltung der Bursche. 
„Hübsch, hübsch, solche kleine Aufmerksamkeiten berühren 
doch angenehm, nicht wahr Lori?" 
„Gewiß," sagte sie, Hut und Mantel ablegend. Der 
Bursche trug die Sachen hinaus. 
„Mein Herzens-Tancred!" rief die junge Frau plötzlich, 
lind warf sich wahrhaft stürmisch an die Brust des Majors, der 
sie innig küßte. Nlin umfaßte er sie und führte sic durch die 
Wohnung. 
„Sieh, das ist Dciil 
Ziminer." 
„Allerliebst, und wo 
ist Dcins?" 
„Hier nebenan." 
„Nun, dann werde 
ich wohl meist dort sein." 
Hera von Ohlefeld 
lächelte. „Wenn Du ganz 
still sein willst. Du weißt, 
ich habe viel zu thun." 
„Vielleicht kaun ich 
Dir bei Deiner Arbeit 
helfen." 
„Wir wollen sehen." 
Die Thür zum * 
Herrenzimmer öffnend, 
trat er mit Lori ein. Den 
Kops ein wenig geseilkt, 
führte er sie an seinen 
Schreibtisch, dann hob 
er langsam die Augen, 
blickte nach obeil und 
deutete auf drei Oelge- 
nrälde, welche dort an 
der Wand hingen. 
„Meine verstorbene 
Frau und meine beiden 
Kinder," sagte er leise und 
konnte es nicht verhindern, 
dabei aufzuschluchzen. 
„Mein liebcrMann," 
flüsterteLvri, ihn sanft um 
schlingend, „ich werde 
versuchen, Dir die liebe 
Entschlafene zu ersetzen." 
Tancred nickte und wandte keinen Blick voll deni Bilde seiner 
ersten Gattin. 
„Sie war ein Engel, ach und die beiden süßen Knaben." 
Kein Laut im Zimmer. Noch immer ruhte sein Auge auf 
dem Gemälde, wie im Gebet versunken stand er davor, scheinbar 
die Gegenwart der jungen Frau ganz vergessend. 
„Komm," sagte sie sanft und zog ihn mit.sich in das 
Speisezimmer. 
„Verzeih, meine süße, verständnißvolle Seele, aber die 
alten Erinnerungen drängten sich mir jetzt geradeso mächtig auf." 
(Fortsetzung folgt.) 
i4) Johannes Wedigcil. 
Eine Berliner Geschichte von Oskar Schwebet. 
Nach wenigen Augenblicken schon schritten sie über die 
lange Brücke hin. Die freudige Erregung, welche die Stadt 
durchlvogt hatte, war wiederum geschwunden; düster lag das 
nächtige Berlin vor ihnen; die einzelnen Lichter spiegelten sich 
nur trübe in dem Flusse wieder. Der greise Schloßdiener 
ging, ein Körblein und eine Fackel tragend, ihnen voran. 
Es, war eine tiefe Erregung, welche sich der Gräfin be 
mächtigt hatte. Allein es war nicht die Siegesfreude, welche 
ihre Seele bewegte, — 
nicht der vaterländische 
Zorn und die Begeisterung; 
— es war vielmehr ein 
frauenhaftes Bangen. Der 
Offizier, welcher ihr den 
Arm geboten hatte, glaubte 
das Pochen ihres Herzens 
zu vernehmen. 
„Wenn diese Angriffe 
sich öfter wiederholen?" 
fragte sie ihn jetzt. „Wenn 
Graf Banner es wirklich 
wollte, daß das alte Haus 
der Hohenzollern das 
Flmdament seiner Große, 
die Mark, verlöre, — 
ivcnn Lilich oek und Buttler 
nur die Avant-Garden 
einer Streitmacht gewesen 
wären, welcher mir nicht 
zu widerstehen vermögen? 
— Wenn Hermann Wran- 
gel sich init Graf Banner 
verbindet? — Mir schwin 
den die Gedanken, mein 
Herr Obrist, wenn ich 
diese Möglichkeiten alle 
mir vergegenwärtige! — 
Wenn diese kühnen Schwe 
denkrieger unser Branden 
burg für alle Zeit ver 
nichten wollen, — waS 
kümmert sie die Pest? -- 
Sie werden kommen, um 
selbst über Leichenhügeln 
ihre Banner aufzupflanzen. Was dann, mein Herr von Rochow? 
— Ja, meine Seele jauchzte, als ich heute die Trophäen sah; — 
jetzt aber bangt mir ivieder. Ich bin ein schwaches Weib ja nur!"— 
„Fürchtet nichts, gnädige Gräfin!" sprach Rochow fest 
und entschieden. „Ihr habt mein Wort, — und, wie der 
Herr von Knesebeck es sagte, — wir wollen treu sein bis zum 
Tode! Allein n o ch such' ich Rettung. Ihr habet mein Gelübde 
wohl gehört: .Wir wollen und wir werden Deutsche bleiben!' 
— Das will ich halten! Und darum habe ich beschlossen, 
einen Schritt zu thun von ernstester Bedeutung." 
„Ihr wollt Euch an das Volk der Marken wenden, 
j Obrist Rochow?" fragte die Gräfin hocherfreut.
	        
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