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Volume 19. Januar 1889 Nr, 16

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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weiß, er war in diesem Schloß einstmals Page." — Sie winkte 
auch Johanna Wedigcn, zu folgen. 
Rochow ergriff den Arnileuchter. Sie schritten durch 
lange Gänge der Wasserfeste des Schlosses zu. 
In dem alten Rundthurme, dessen mit edlem, grünem 
Roste geschmücktes Dach die Veranlassung zu der Entstehung 
des Namens „grüner Hut" gegeben hatte, befanden sich die 
Gefängnisse des Schlosses. Berthold öffnete die mit Eisen 
bändern versehene, schwere Eichenthür; — sie traten in ein 
matt erleuchtetes, gewölbtes Gemach ein. Hier hatte man den 
schwedischen Rittmeister gebettet. Der Bader von Kölln und 
zwei der schwedischen Dragoner waren um ihn beschäftigt. 
Der zerschmetterte Arm lag aiff der Brust des Sterbenden; — 
das Blut sickerte durch den Verband; sein Antlitz war bereits 
bleich wie der Tod geworden. Aber der Geist des Schwer- 
verwundeten war noch völlig klar; — ein Wundfieber schien 
nicht vorhanden. Heino Pfuel erkannte die Eintretenden sofort. 
„Gnädige Gräfin," sprach er mit matter Stinnne, „Ihr 
spendet mir den letzten Trost, indem Ihr kommt. Es ist 
vorbei! O kündet meinem Lehnsherrn, daß ich reuig sterbe. 
Es war furchtbare Sünde, daß ich mich von meinem Vaterlande 
wendete, als tiefste Roth die Mark umfing. Die Sucht nach 
Glanz und Ehre trieb mich; — Gott Lob! sie ist gebüßt 
nun und gesühnt. Ich fand nicht Ruhe mehr, seit ich der Schweden 
Farben trug. D'rum trieb mich's nach Berlin; — ich wollte 
aufrichtig den Kampf verhindern; — als ich den Muth der 
Bürger aber sah, da wußt' ich, daß ein neuer Geist der Mark 
gekommen, — mitten in Weh' und Trübsal! Ich sterbe gern, 
wie ich euch, Herr von Rochow, sagte; — es lebt sich schwer j 
nur mit belastetem Gewissen. — Ich habe eine liebe Mutter 
noch in Schloß Garzin; — sendet ihr Nachricht, daß ich Frieden 
jetzt gefunden!" 
Der Obrist ergriff die Linke des Sterbenden, der nun für j 
einige Augenblicke seine Augen schloß. Da trat die Gräfin 
dicht an ihn heran; sie beugte sich zu seinem Haupte nieder 
und sprach: 
„Im Namen Hohcnzo llerns — Gnade euch und 
Vergebung!" 
Jetzt leuchtete es wie Abglanz ew'gen Friedens auf seinen 
Zügen. Aber noch eimnal öffneten sich die matten Lider. Sein 
Blick fiel auf Johanna Wedigen. „O wohl", so flüsterte er, 
„gedenk' ich jenes schönen Christfest's! Die heiligen drei Könige 
und die Engel! Ich höre Glockcnton auch jetzt! — O sprich 
sie noch einmal, Johanna, jene kindlich frommen Worte!" 
Der Tochter des Bürgermeisters versagte fast die Stimme; 
aber endlich begann sie: 
„Er ist auf Erden kommen arm, 
Daß er unser sich erbarm' 
Und führ' uns in das Himmelreich" . . . 
Da zuckte es noch einmal in seinen Zügen, dann entfloh 
nach einem tiefen Aufathmen die Seele. 
„Gesühnt!" sprach leise der Herr von Rochow. Nach 
einem stillen Gebete führte er die Gräfin hinweg. — 
Schweigend schritten sic zurück. Erst im Altanzimmer 
sprach die Gräfin: 
„Friede seiner Seele! — Wieviel hat Brandenburg ver 
loren an den edlen Männern, die unter fremden Fahnen fielen! 
— O daß der Alaun sich nicht gefunden", fügte sic dann 
mit bebender Stimme hinzu, „der das Banner des Vaterlgndes 
entfaltet und die Fremden allzumal, — die Schweden und die 
Franzosen, — von der deutschen Erde vertrieben hätte! Wir 
kämpfen schon lange nicht inehr um das Evangelimn; der 
freuide Ehrgeiz ist es allein, dein wir dienen! Wann wird 
der Retter kommen unsrer Mark? — Am schwersten hat dies 
Brandenburger Laird gelitten! O daß ein heil'ger Zorn er 
wachte gegen diese Fremden!" 
„Er ist erwacht!" sprach Obrist Rochow leise. „Wir 
ivollen und wir iverden Deutsche bleiben! Allein es gilt, mit 
männlich ernster Kraft und mit Besonnenheit zu handeln!" 
„O! Es bedarf nur einer That!" fuhr die Gräfin fort. 
„Und dann mit flanrmendem Worte die Herzen aufgerufen; — 
es giebt ja Männer noch in Brandenburg!" 
„Wir sind an Königsberg gebunden!" erwiderte der 
Obrist düster. 
Die Gräfin seufzte. Dann aber verneigte sie sich gegen 
den Herrn von dem Knesebeck und reichte der Bürgermeister 
tochter die Hand. 
„Geh'," sprach sie, „liebe Freundin, und stehe Deinen 
Eltern bei! Ihr aber, Herr von Rochow, rufet Berthold, daß 
er uns die Fackel trage." 
„Nach solchem Anblick noch?" fragte der Kriegsmann, 
fast verwundert. 
„Ihr sahet, daß der Tod nicht wartet! Kommet!" — 
(Fortsetzung folgt.) 
Äus Alt-Berliner Kreisen. 
Im Frühjahr 1819 waren die beiden Schwestern Karoline 
und Wilhelinine Bardua nach Berlin übersiedelt, uni dort 
dauernd ihren Wohnsitz zu nehmen. Karoline, die uni vieles 
Aeltere, eine Schülerin Gerhardts von Kügelgen, hatte sich 
bereits in Dresden, Halle, Weimar — wo Goethe ihr selber 
zu einem Bilde saß — als Portraitmalerin einen ehrenvollen Ruf 
erworben und fand auch in Berlin bald einen einträglichen 
Wirkungskreis, der sie mit den verschiedenartigsten Kreisen der 
Hallptstadt in Verbinduirg brachte. Auch der Schwester 
Wilhelmine oder „Mine", wie sie kurziveg genannt wurde, 
fehlte es nicht an Anlagen und Talenten. Eilte ungewöhnlich 
schöne und starke Stimme, an deren schulgerechter Ausbildung 
sie mit allem Ernste arbeitete, führte auch sie in angenehmer 
Weise in die Berliner Geselligkeit ein. 
Von vielen Berühintheiten jener Tage zunächst nur aus 
Anlaß einer Portrait - Bestellung aufgesucht, bewiesen die 
Schwestern Bardua so viel feffelnde persönliche Liebenswürdigkeit, 
daß aus intereffanten Annäherungen häufig ein fortgesetzter 
Verkehr, ja in vielen Fällen wahre Freundschaft entstand. 
Mine, welche die Gabe dazu besaß, fühlte auch den Drang in 
sich, noch unmittelbar unter den Eindrücken des Tages nieder 
zuschreiben, was er ihr gebracht, mit welchen Menschen er sie 
zusammengeführt hatte. Ihre Aufzeichnungen, in denen das 
Persönliche allerdings oft einen breiten Raum einnimmt, tragen 
andrerseits den Stempel unbedingter Wahrhaftigkeit, einer voll 
kommen ungeschminkten Eigenart. Da es zu jener Zeit noch 
nicht Brauch war, jede geschriebene Zeile in den Druck zu 
geben, so blieben auch diese Manuskripte meistens Eigenthum 
des Schreibtisches ihrer Verfafferin. Erst lange nach deni 
Tode derselben erschien eine unvollendete Lebensbeschreibung
	        
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