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Periodical volume 19. Januar 1889 Nr, 16

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Unter Mitwirkung 
Dr. R. Leringnicr, L. Ludczics, Theodor Loiitane, Stadtrath L. Lriedel, 
D^mimstaldirektor Dr. w. Schwartz, Pastor Gscar Schwebet und Ernst von Ivildenbruch 
herausgegeben von 
K. Lchon's Werkagsliuchkiandkung, Werkt«. 
xv. 
Hahraang. 
Nr.'16. 
Erscheint ivöchcntlich am Sonnabend und ist durst- alle Buchhandlungen, Zeitungsspcditioncn und Post 
anstalten für 2 Mst. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. - Ihn Postzeitungs-Lratalog eingetragen unter llr. 683a. 
Ist. Januar 
1888. 
3) 
Drei Menschen. 
Novelle von E. von Wald-Zcdtwitz. 
„Unterthänigst, guten Morgen, meine gnädige Baronesse." 
Es war Herr von Ring, welcher sich jur Parole-Ausgabe 
in das Kastanien-Wäldchen begab lind den Lori in ihrer Be- 
geisterling beinahe mit dem Taschentuche berührt hätte. Diese 
Begegnung hatte sich so schnell vollzogen, daß sie nur eben den 
Gruß des jungen Offiziers beantworten konnte, denn er hatte 
es zu eilig, der Pl»tzmajor schritt schon an dem Wachgebälidc 
vorbei. ' ■ 
Beide Damen gingen die Linden einigemal auf und ab, 
Lori schritt leicht, wie beflügelt, unb wie sie sich heimlich ein- 
gestehen mußte, in der stillen Hoffnung dahin, Herrn von Riitg 
noch ein Mal zu begegnen. Ihr Wunsch erfüllte sich ztvar 
nicht, aber ihr Gemüth war doch besonders heiter gestimmt. 
„Ach, Mutter, es ist doch ein herrlicher Tag, welches 
Glück, daß wir unsern lieben König sehen sonnten und die 
schöne Musik und — —" 
Sie schwieg, plötzlich blieb sie stehen uitd deutete auf das 
Blumenfenster der Schuiidt'schen Gärtnerei. „Sieh nur, sieh 
nur, diese Gardenien, diese Rosen, ach und dort der Korb mit 
Stiefmütterchen." 
In Lori stieg der Wunsch auf, auch einmal so kostbare Blumen 
zu besitzen uitd zwar je unerreichbarer für sie, desto lebhafter. 
„Es ist unglatiblich, bis zu welcher Kunstfertigkeit es die 
Gärtner heut zu Tage gebracht haben," meinte Frau von 
Rohdewald und Beide wandten sich nun ihrer Wohnung zu, 
stiegen die vier Treppen zu derselben empor lind verzehrten 
ihr einfaches Mittagsessen, welches ihnen heute die alte Aus- 
geherin bereitet hatte. 
„Sollte sich nicht heute Abend der Major bei uns sehen 
lassen?^ tvarf Frau Asta leicht hin, „er versprach es mir 
neulich, bald einmal wieder zu kommen " 
Lori, welche eben ein Kalbskotelett auf ihren Teller thun 
wollte, legte daffelbe wieder auf die Schüssel. 
„Deshalb willst Du nicht mehr essen, Mama, die Kote 
letten sollten zum Abend bleiben?" 
„Aber wie kannst Du das denken, mein Kind." 
„Doch, doch, Mama, ich habe Dich durchschaut, weiln 
Du nicht mehr zulailgst, esse ich nicht einen Bissen mehr. 
Bitte, bitte, Mama! Ich habe in dieser Woche so vorzügliche 
Geschäfte gemacht, daß wir uns heute zuni Sonntag schon 
etlvas kalteil Ausschnitt gönnen können." 
„Nun denn —Frau von Rohdewald ließ es sich gern 
gefallen, daß Lori ihr den Teller zliin zweiten Male füllte. 
Der Alifschnitt wurde besorgt, und die Ahnung bewahrheitete 
sich, denn gegen Abend erschien Herr von Ohlefeld wirklich und 
ließ sich bewegen, zum Thee zu bleiben. Hatte er bei seinem 
ersten Hierseiir sich mehr mit der Dame des Hauses als mit 
Lori unterhalten, so ioar cs heute umgekehrt der Fall. Er 
nahm lebhaften Antheil an ihren Arbeiten, versprach ihr, einen 
kleinen Theil der Erträge ihres Floßes in der Sparkasse unter 
bringen zu lvollen und theilte ihr Dieses und Jenes aus seinem 
größeren Werke, „Die Taktik der Neuzeit im Vergleiche mit 
der Friedrichs des Großen," welches er linier der Feder hatte, 
mit. Das junge Mädchen staunte ihn wahrhaft an. Wer 
solche Bücher schrieb, mußte doch ein sehr bedeutender Mann 
sein. Ihre Hochachtung vor ihm stieg immer mehr und hellte 
>var er auch heiterer als neulich. 
„Dazu gchöreil gewiß unendliche Borstlidieii," bemerkte 
sie, „Sie müssen ja große BerechnlUlgen a,istellen, oder habeil 
Sie Jemanden, welcher Ihnen die Zahlen lind Daten in den 
Qnellenwerken alifsucht?" 
„Nein, leider hab' ich Nicmandeil, gerade solche mechanische 
Vorarbeiten sind zeitraubend und ermüdend. Früher, als 
meine gute Frau noch lebte, that sie cs, aber jetzt, lvo ich 
allein stehe, bin ich ganz auf mich selhst angelviesen." 
Er sah Lori während des Sprechens an und sie bemerkte.
        
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