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Periodical volume 12. Januar 1889 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Meine Mittheilungen 
SekSstrairzionirte von Jena und Auerstädt. Wie furchtbar das 
Elend' in der tapfern, nur so erbärmlich geführten preußischen Armee nach 
der Katastrophe von Jena und Auerstädt gewesen ist, davon giebt unsere 
heutige Abbildung einen traurigen Beweis, welche einer gleichzeitigen, 
von dem späteren Professor Gubitz zu F. von Cölln Werke „Wien und 
Berlin 1808" gefertigten Illustration nachgebildet ist. Zur Erklärung der 
selben mögen die folgenden Worte des Verfassers hier angeführt sein: 
„Das Verhängnis; war von niederschmetternder Gewalt; das Volk 
mußte cutmuthigt werden. Die zurückgekehrten Sslbstranzionirten, d. h. 
die Leute, welche das Lösegeld selbst für sich bezahlt hatten, und besonders 
diejenigen, welche zum Jsenburgischen Korps gehörten, hatten ein Aeußeres, 
das; jedem, der ihnen begegnete, ein Grauen anging. Roch schändlicher 
aber sahen sie aus, alS man ihnen Gewehre gab, ehe sie noch eingekleidet 
waren. So sah ich in Berlin, vor der Kaserne in der Kommandanten- 
Ztraße, einst zwei Jsenburgische Rekruten, — die dargestellten, — welche 
von. Exercieren kamen. Der Anblick erfüllte mich mit tiefste Trauer. Es 
in doch ein unüberwindliches Gefühl, das für das Vaterland, — und der, 
dein es die Brust nicht hebt, ist in meinen Augen ein Verworfener." — 
So der Verfasser jenes Werkes. Wie ergreifend aber verkündet das 
liefe Elend, welches aus diesen beiden Gestalten zu uns spricht, die Noth 
wendigkeit alles dessen, was nachmals geschah, um jenes herrliche Heer 
zu schaffen, welches in den Befreiungskämpfen so unverwelkliche Lorbeer,; 
errungen hat! — x. 
teilte „tehronili der Residenzstadt teiiarkottcutiurg, ein Stadt- 
und Kulturbild von Dr. Ferd. Schultz, Direktor des Königlichen 
Kaiserin Augusts - Gymnasiums" ist in zweiter Allflage jüngst in; 
Verlage von Bodo Grundmann in Charlottenburg erschienen, vom Ver 
fasser Sr. Hoheit dem Erbprinzen Bernhard von Sachscn-Mciningen- 
Hildburghausen gewidmet. Bei dem gänzlichen Mangel an älteren 
Stadt- und Pfarrakten war der Verfasser auf eine nur sehr kleine Zahl 
von mehr oder minder geschichtlich authentischen Urkunden angewiesen, 
wie z. B. einer Pfarrchronik des Oberpredigers Dressel, einer Zusammen 
stellung von Nachrichten desselben Verfassers, der Beschreibung des Kreises 
Teltow von Joh. Chr. Jeckel und der Schätze aus dem Geheimen Staats 
archiv. Bei einer künftigen Neuauflage des Buches werden demselben 
vielleicht mündliche Ueberlieferung und noch manche Aufzeichnungen, die 
sich in älteren und besser situirten Familien vorzufinden pflegen, zu 
Statten kommen. Die uns vorliegende Ausgabe behandelt in 
7 Abschnitten die Entwickelung des Dorfes Lietzow — wendisch „Kiehn- 
spahnleuchte" oder „Busch", auch „Sumpf" —, dann der Lietzenburg als 
Sitz der Kurfürstin Sophie Charlotte von 1695—1703 mit den in 
sranzösischem Stil errichteten Anlagen, ferner die Anfänge Charlottcn- 
burgs 1705—1713, das „Stätlein" 1713—1770 und Charlottenburg als 
Sommerfrische 1770—1840, als Großstadt 1840—1876 und als Villen- 
und Musenstadt. Der Verfasser hebt hervor, daß Charlottenburg die erste 
Pserdeeisenbahn in Deutschland gesehen hat, seit dem 1. Januar 1877 
einen eigenen Stadtkreis bildet und in jeder Beziehung die Einrichtungen 
der nahen Hauptstadt sich zum Vorbild zu nehnten bemüht war. In der 
vorzugsweise „patriotischen" Stadt, welche das „theuerste Vermächtniß 
des Kaisers Wilhelm I., das Grab seiner Eltern", zu bewahren hat, 
wurde auch die Kaiserin Augusta-Stiftung und die Prinz Karl-Stiftung 
errichtet und die neueste Zeit, in welcher der sieche Kaiser Friedrich nach 
seiner Rückkehr aus San Nemo seinen Aufenthalt hier nahm, erweist, 
wie innig das Band ist, das zwischen der Stadt und unserem Herrscher 
hause besteht. Die erste Schätzerin und Pflegerin dieser „Perle im 
Stcwtekranz der HohenzollerN" war die schöne und geistreiche Kurfürstin 
Zophic Charlotte, die Gemahlin des letzten Kurfürsten und ersten Königs 
von Preußen, des prachtlicbenden Friedrich I. Sie verweilte vorzugs 
weise gern in Charlottenburg. Es ist allgemein bekannt, daß sie die erste 
Anregung zur Pflege von Kunst und Wissenschaft in Brandenburg und 
Preußen gab und als Stifteriu der Berliner Akademie der Wissen 
schaften sich das Land zu großem Danke verpflichtet hat. Unser bei 
gefügtes Porträt der ersten Königin von Preußen, der Großmutter 
Friedrichs des Großen, ist die Reproduktion eines Originalstiches aus 
ihrer Zeit und zeigt uns die stattliche Erscheinung der begabten Frau. 
Varnhagen v. Ense hat uns bekanntlich geschildert, was die geistvolle 
hannoverische Prinzessin aus ihrem Lieblingssitze, dem Dorfe Lietzen, ge 
schaffen hat und was sie für das Land unter der Führung eines Schlüter 
und Leibnitz geleistet. Br. 
Aktes und Weites. Einige Kabinetsordres Friedrichs des 
Großen. 
1. Der Chemiker L. übersendet ein Mittel gegen das Podagra. „Ich 
danke vohr die Cuhr und laße die Natur walten." — 
2. Ein Franzose bittet tim eine Anstellung, „ich Will keine Franzosen 
wehr,, sie seindt zu liderlich und machen lauter liderliche Sachen." — 
3. Der General von R. bittet um eine Präbende für seine Tochter. 
»Er soll hübsch Jungens schaffen, die kann ich alle unterbringen, mit die 
Madam weiß ich nicht wohin." — 
4. Ein Jude bittet um christliche Rechte. „Was wegen des Handels 
behält er. Aber das sie ganze Fölkerschaften von Juden in Breslau an 
bringen und ein gantzes Jerusalem daraus machen, das kann nicht seindt." — 
5. Der Weinhändler K. in Berlin bittet um Entschädigung für den 
bei der Invasion der Russen erlittenen Schaden an Wein. „Warum < 
auch Was er bei der Sündfluth gelitten. Wo seine Keller auch unter 1 
©atier standen." — 
6. Der Hofprediger C. in Potsdam bittet um eine Stelle am Dom 
in Berlin. „Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. So müssen 
die Prediger auch denken, dann predigen sie nach Ihrem Tode in dem 
Dohm vom neuen Jerusalem." — 
7. Der päpstliche General Graf A. trägt seine Dienste an. „Da er 
päpstlicher General ist, so ivürde er nicht in Ketzerdienste gehn." — 
8. Der Buchhändler K. bittet um den Titel eines Kommerzienraths. 
„Buchhändler das ist ein honetter Titel." — 
9. Der Landrath von W. bittet um Vergütigung des Schadens, den 
er bei dem Bombardement von Küstrin erlitten. „Am jüngsten Tag Krigt 
ein jeder alles Wider, was er in diesem Leben verlohren hat." — 
10. Der Prediger P. in Bernau bittet um 150 Thaler Zulage, da 
er von 180 Thaler nicht leben könne. „Die aposteln seindt nicht gewinn 
süchtig gewesen, sie haben umsonst gepredigt. Der Herr P. hat keine 
apostolische Seele, und dencket nicht, daß er alle güther in der Welt vohr 
nichts ansehen mus." — 
11. Der Graf S. bittet um ein Darlehn von 30,000 Thaler. „DaS 
kan nicht Sein, ich bin der große Mogul nicht." — 
12. Der Oberauditeur G. zu Berlin beschwert sich, daß ihm, der schon 
sehr lange dient, ein jüngerer Mann vorgezogen sei. „ich habe einen 
Haufen alte Maulesels im Stall, die lange den Dienst machen, und werden 
doch keine Stallmeisters." — 
13. Der Cornet von O. bittet wegen Herstellung seines Gehörs um 
Urlaub nach Karlsbad. „Das Carelsbadt Kan nichts vohr die Ohren." — 
14. Der gewesene Major du M. bittet um die Stelle eines Kriegs 
raths. „Das wäre den Bock zum Gärtner gemacht." — 
15. Der Forstmeister von P. bittet, seinen Sohn nicht mit Gewalt 
zum Militärdienst weg zu nehmen, „er Wirdt bei dein Regiment besser 
erzogen als auf einem Dorf." — 
16. Die Frau vou H. bittet um eine Präbcnde für ihren Sohn, 
„ich habe keine Präbenden für Müssiggängers zu vergeben." ■— 
17. Der Fürstbischof zu Breslau bittet, daß ihm ein Theil seiner 
bischöflichen Revenuen zum Unterhalt überlassen werden möge, „er mus 
Seine Schulden bezahlen. Ein Bischof mus ohnsträflich seindt." 
18. Die Bäcker in Potsdam bitten um Bewilligung wohlfeilen Korns 
aus dem königlichen Magazin, „es seindt Canaillen, der Magistrat mus 
Sie vor Kriegen." Dr. Th. Unruh. 
Inhalt: Drei Menschen, Novelle von E. von Wald-Zedtwitz 
(Fortsetzung); Johannes Wcdigen, eine Berliner Geschichte von Oskar 
Schwebet (Fortsetzung); Karl Ludwig Hencke, von O. F. Gensichen 
(Schluß); Ein altberlinisches Schlachthaus in der ehemaligen 
Paddengasse, von Ferdinand Meyer (mit Abb.); Berliner Briefe 
aus dem Jahre 1817, mitgetheilt von Professor Dr. Ludwig Geiger. — 
Kleine Mittheilungen: Selbftranzionirte von Jena und Auerstädt (mit 
Abb.); Chronik von Charlottenburg; Altes und Neues; Sophie Charlotte 
(Abb.); — Anzeigen. 
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