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Periodical volume 12. Januar 1889 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Vogt in seinen „Straßennamen Berlins" folgende drastische 
Schilderung. 
Um den Stadtältesten Keibel, den Besitzer des Hauses Nr. 7 
(woselbst der „Paddenthurm" gestanden), zu ehren, schlug der Bezirks 
vorsteher 1857 den Namen „Keibel-Gasse" vor. Gleichzeitig erbot 
sich der Lederfabrikant Droge, an die Armenkasse 100 Thaler zu 
zahlen, wenn der alte Name geändert würde. In Folge dessen 
schlug der Magistrat den Namen „Stralauer-Gasse" oder „Kleine 
Stralauerstraße" vor, wurde aber vom Polizei-Präsidium abgewiesen, 
weil sich „historische Erinnerungen an den Namen der 
Paddengasse knüpfen, die aufrecht erhalten bleiben 
müßten". Erst aus erneute Vorstellungen des Magistrats wurde 
durch Allerhöchste Kabinets-Ordre vom Mai 1862 der heutige Name 
„Kleine Stralauerstraße" genehmigt. 
berliner Briefe aus dem Jahre 1817. 
Mitgetheilt von Professor Dr. Ludwig Geiger. 
Für den Literaturfreund giebt cs nichts Interessanteres und 
Erfreulicheres, als in alten Briefen zu blättern. Was die Urkunden 
für die politische Geschichte, das sind fast die Briefe für die Literatur 
geschichte, die Geistesentwicklung. Denn — ganz abgesehen von 
dem Dichter, der vermöge seiner Phantasie 
doch immer nur ein willkürliches Bild der 
Vergangenheit gestaltet — der Geschichts 
schreiber, sobald er sich seiner eigenen Worte 
bedient, kann sich doch nur mit Anstrengung in 
Vergangenes versetzen und trotz aller Kunst 
nur seine Auffassung eines entschwundenen 
Lebens und einer entschwundenen Zeit darlegen. 
Briefe dagegen geben uns die unmittelbaren 
Zeugniste Verstorbener; sie können, wenn sie 
auch nicht eine ganze Persönlichkeit uns vor 
zuzaubern vermögen, doch jedenfalls die Stim 
mung einer gewisten Zeit oder einer gewissen 
Klasse auf's Trefflichste wiedergeben. — 
Ein glücklicher Zufall hat drei Briese, 
alle drei aus Berlin, aus demselben Jahre 
1817, in meinen Besitz gebracht. Die Mit 
theilung der interessantesten Stücke aus den 
selben soll und kann selbstverständlich den 
Lesern kein erschöpfendes Bild von dem 
literarischen Zustande Berlins in jenem Jahre geben, aber sie kann 
Bescheid ertheilen über mancherlei Stimmungen und mancherlei 
Vorkommnisse, zumal die drei Briefschreiber gar verschiedenartige 
Menschen sind. 
Derjenige, welcher zuerst das Wort erhalten soll, ist J oh. 
Friedr. Schink (1755—1835), ein gar vielseitiger und nicht 
immer glücklicher Schriftsteller, dessen Ausfälle gegen das genialische 
Treiben der Stürmer und Dränger vielleicht mehr beachtet sind, 
als sie verdienen und dessen höchst eigenartige Faustdichtung durch 
aus unter ihrer Bedeutung abgefertigt zu werden pflegt. Er ist 
kein Berliner, aber er war 1817 in Berlin und läßt sich in einem 
ausführlichen Briefe an Tiedge über Mancherlei vernehmen. Was 
cr über den Adressaten und dessen Begleitung die h. Elise (E. v. d. 
Recke) sagt, bleibt hier unerwähnt; auch Manches, was er in 
ziemlich selbstgefälliger Weise über seine Arbeiten vorträgt. Er 
berichtet: 
„Stägcmanns intercstante Bekanntschaft habe ich gemacht. Er 
hat mich recht fteundlich und achtend ausgenommen. Ich weiß nun 
aus seinem Munde, daß Hardenberg mir auftichtig wohl will, daß 
ar schon im April des vorigen Jahres durch St. mit Brühl über 
uieine Wünsche, beim Theater angestellt zu werden, unterhandelte; 
baß seine Hochgeboren aber, wiewohl mit günstigen Aeußerungen 
über mich, ablehnten. Von meiner neuen Ansuchung hierüber bei 
dem Fürsten wußt' er nichts, auch nicht, daß der Graf sich bereit 
williger bezeugt habe. Er schien aber meine Wünsche zu unter 
stützen und versprach mir, mit dem Staatskanzlcr darüber zu reden." 
Sodann spricht er von seinen Reformationsgesängcn, in denen 
er die Union verherrlicht und fährt dann fort: 
„Wie ich höre, sträubt sich der mystische Schleicrmacher gegen 
diese Vereinigung. Er soll sagen: Der König wolle hier etwas, 
das ihm nicht zukomme, die weltliche Macht müste nicht in die 
geistliche greifen. Wenn das wahr ist, klingt das nicht rein 
papistisch? und niöchte man nicht ausrufen: gesunde Vernunft, 
vergieb ihm, cr weiß nicht was er spricht! 
Von Böttiger hab' ich einen recht freundschaftlichen Brief er 
halten. Er fordert mich recht dringend auf: über Schröder und 
seine Darstellungen zu schreiben. Auch ihm hab' ich für meine 
religiösen Gesänge Jntereste einzuflößen mich bemüht. 
Müllners neues Trauerspiel ist aufgeführt und sehr kalt auf 
genommen worden. Es spielte in der ersten Vorstellung von 6 Uhr 
bis 11. Das war denn doch den Leuten zu viel. Man hat es 
nun abgekürzt, und es dauert nun bis zehn Uhr. Dagegen hat 
nun aber der Verfasser sehr heftig protestirt im Morgenblatte. 
Noch hab' ich dies neue Meisterwerk nicht gesehen. Es soll der 
Träume, der Visionen und des Schicksalsspuks 
darin gar kein Ende seyn, und, troz einzler 
genialer Situazionen, gar sehr langweilen. 
Nächstens will ich selbst sehen und hören. 
Zelter hat zu den Gesängen in meinen 
Fügungen herrliche Melodien gemacht und 
komponirt jezt auch ein paar meiner Choräle, 
die keine Kirchenmelodie haben. Von ihm hab' 
ich die wunderliche Neuigkeit, daß der Prolog- 
und Epilogmacher, Herklott, ein reiner Vers- 
macher und sonst nichts, ein Oratorium für 
die Reformazionsfeier macht, und der katho 
lische Weber die Musik dazu.» Das sind 
wahre Kuriosa! 
Einen recht wunderlichen Schriftsteller hab 
ich in dem Verfasser der Phantasiestücke in 
Callots Manier kennen lernen. Hilf Himmel, 
wie abenteuerlich und Sinnlos sind da Phan 
tasie und Talent vergeudet worden! Aber über 
alle Beschreibung, Gemüth und Verstand 
empörend, sind seine Nachtstücke. Was für Teufel und Höllen 
greuel werden da aufgetischt! Durch was für Regionen einer boden 
losen Phantasie wird man da gejagt! Der Teufel, der überall darin 
sein Spiel treibt, scheint wahrhaft in diesen Verfasser gefahren zu 
seyn. Wie ein besessener führt er ihn um, mit rollenden Augen 
und verrenkten Gliedern. Man greift, wenn man ihn so sieht, ängstlich 
nach seinem Kopf und denkt sich mit Schaudern hinter den Gittern eines 
Tollhauses. Und so was findet seine Leser, ergezt und unterhält." 
Die in dem Briefe genannten Personen bedürfen wohl 
kaum der Erklärung. Der letzterwähnte ist selbstverständlich 
E. T. A. Hoffmann. Das Urtheil, das Schink über ihn fällt, 
war weder damals allgemein, noch ist es heute vollständig an 
genommen. Die religiösen Gesänge Schinks im Einzelnen aufzu 
zählen und zu beurtheilen kann hier unsere Sache nicht sein. 
Stägemann ist als Dichter bekannt, aber seine Hauptbedeutung 
besteht in seiner staatsmännischen Thätigkeit. Böttiger, der hier 
und in einem der folgenden Briefe erwähnt wird, ist der bekannte 
Alterthumsforscher und vielseitige Schriftsteller, der ehemals in 
Weimar gelebt und sich dort die Feindschaft Goethes und Schillers 
zugezogen hatte, damals in hervorragender Stellung in Dresden 
lebte und von dort ebenso wie von Weimar als Berichterstatter für 
die verschiedensten Zeitungen und als Allerweltsmensch thätig war. 
Sophie Charlotte. 
Gründerin der Berliner Akademie.
        
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