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Periodical volume 12. Januar 1889 Nr, 15

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Ja, ja, vier Treppen hoch zu steigen, das ist keine Kleinigkeit," 
empfing ihn Asta. 
„Allerdings," erwiderte der Major, „aber nun bin ich 
oben und fühle mich reich belohnt." 
„Sie sind sehr gütig, Herr von Ohlefeld." 
„Glauben Sie es mir, gnädige Frau, seit dem neulichen 
Balle hat es mich innner hierher gezogen, ich hatte nur zu viele 
Abhaltungen, sonst würde ich schon ftüher gekommen sein." 
„Sie glauben nicht, wie Wohl es mir thut, einmal wieder 
mit einem so alten, guten Bekannten plaudern zu können." 
„Ich würde Ihnen übrigens auch nicht vorübergegangen 
sein, wenn wir uns neulich nicht gesehen hätten." Sein Blick 
überflog die Einrichtung des Zimmers. „Lauter liebe, bekannte 
Sachen." 
„Aeußerlich ist es dasselbe geblieben, und doch ist Alles so 
anders geworden." 
„Das ist ein sehr gutes Bild Ihres Herrn Vaters, 
Fräulein Lori. Sie glauben nicht, was für ein braver, 
prächtiger Mann es war." 
Lori fand keine Antwort, aber ein unabweisbares Etwas 
ließ sie die Hand des Majors ergreifen und sie auf das Innigste 
drücken. Ihr Herz schlug dem Manne, der so liebevoll von 
ihrem Vater sprach, stürmisch entgegen. Wie weich, wie schön 
geformt diese Hand war. Herr von Ohlefeld mußte sie wider 
Willeir betrachten. Wie eigen er ihren strimmen Druck, der 
mehr sagte, als Worte vermocht hätten, empfand. 
Sie nahmen Platz, und die Damen erzählten umständlich, 
wie es ihnen im Laufe der Zeiten so traurig gegangen und 
wie ihnen das Leben so manche hoffnungsvolle Blüthe ge 
brochen hatte. 
„Auch niein Schicksal ist ein hartes gewesen, mein Pfad 
war dornenvoll. Vor zehn Jahren verheirathete ich mich," be 
richtete Herr von Ohlefeld. 
„Sie sind verheirathet?" fiel die Baronin erstaunt ein. 
„Ich war es. Ach und meine Ehe war eine so sonnige, 
ich hatte ein schönes, liebes Weib, zwei blühende Kinder. Vier 
Wochen genügten, um mein ganzes Lebensglück zu zerstören 
und mich als gebrochenen Mann allein zurückzulassen." 
„Sie armer, lieber Major, das ist das Erste, was ich höre." 
„Wie traurig!" 
Frau von Rohdewald drückte ihm theilnehmend die Hand, 
und von Ohlefeld sah, wie an Loris Wimper eine Thräne hing. 
„Das Leben ist für mich freude- und liebeleer, und 
mehr als einmal hab' ich den Himmel gefragt, zu welchem 
Zwecke er mich allein auf der Welt zuriickgelaffen?" Da traf 
'ein Blick das bekümmerte Auge Loris, welches voller Mitleid 
auf ihn ruhte, und ihm war es, als hätte er ein Unrecht ge- 
ihan, das eben Gesagte auszusprechen. 
„Sie sind ein Mann," fuhr Frau Asta fort, „haben 
Ihren Wirkungskreis, schaffen Gutes, füllen den Platz aus, 
auf den Sie der liebe Gott gestellt hat, und vielleicht übt der 
Himmel noch einmal Gnade und schenkt Ihnen wieder ein Herz, 
welches volles Verständniß für Sie hat." 
Herr von Ohlefeld lächelte trübe, und da war es wieder 
Lori, auf welche sein Auge fiel. Erröthete sie nicht ein wenig? 
Lag nicht eine eigenthümliche Hast in ihren Bewegungen, mit 
denen sie die Theetaffen ordnete und den Keffel bediente, 
welchen die Aufwärterin hereingebracht hatte? Welche Anmuth 
kennzeichnete dabei ihr Thun, welcher Liebreiz lag auf dieser 
schlanken Gestalt, und wie theilnehmend bat sie ihn jetzt, ihr 
von seiner Frau und von seinen Kindern zu erzählen. 
„Ich danke Ihnen, Fräulein Lori, wenn Sie wüßten, 
wie es mein Herz erquickt, meinen lange verschlossenen Kummer 
in eine verständnißvolle Seele auszuschütten." 
Wieder vergoldete die untergehende Sonne die gegenüber 
liegenden Dächer, die Spatzen pickte» ans Fenster und be 
gehrten ihr Futter. Lori streute es ihnen sanfter Hand. Nun 
senkte sich das Dämmerlicht auf das traute Zimmer, und dem 
Major war es, während er erzählte, als wäre ihm plötzlich 
hier eine Heimath erstanden. 
Nach und nach lenkte er das Gespräch auf den verstorbenen 
Hauptmann, und Lori erschien jedes Wort, was über ihren 
Vater aus dem Munde des Majors kam, wie ein Evangelium. 
Mit wahrer Inbrunst lauschte sie denselben. 
Christiane hatte schon längst die altinodische, messingene 
Schiebelampe, in welcher sonst Oel gebrannt wurde, die aber 
jetzt für Petroleum umgeändert war, gebracht, als sich Herr 
von Ohlefeld mit dem Versprechen, bald einmal wiederzukommen, 
verabschiedete. Mutter und Tochter saßen noch lange zusammen. 
„Ein liebenswürdiger, braver Mann," wandte sich die 
Erstere an Lori. 
„Wie sehr muß er seine Frau geliebt haben," bemerkte 
diese, „das ist ein ebenso beredtes Zeugniß für die Heimge 
gangenen, wie für ihn selbst. Und wie reizend er von Papa sprach." 
„Dein Vater mochte ihn sehr gern." 
„Aber ein wenig heiterer und zuversichtlicher müßte er 
doch ins Leben blicken," sagte Lori, und so sehr sie sich auch 
freute, daß Herr von Ohlefeld sic wieder besuchen wollte, so 
fürchtete sie doch, daß es für ihre Mutter nachtheilig sein 
könne, oft mit ihm zusammenzukommen. Schon so wie so zum 
Grübeln geneigt, sprach sie mit ihm mehr von der Vergangenheit, 
als ihr dienlich war. 
Herr von Ring ließ sich nicht sehen. Die Saison war 
in der Hochfluth, der Dienst stellte seine Anforderungen an ihn, 
fcie freien Stunden der Malerei und der Musik widmend, 
mochte er die beiden Damen vergessen haben. 
Es war heute ein herrlicher Tag, Sonntag noch dazu, die 
Baronin Rohdewald und ihre Tochter kamen eben aus der Kirche. 
„Ach Mama, jetzt laß uns Unter den Linden spazieren 
gehen," bat Lori. Auch ihre Mutter verspürte Lust dazu, aber 
ihr Blick streifte den altmodischen, schon etwas abgetragenen 
Mantel, und der Gedanke, sich hellte gerade, unl diese Stunde 
dort unter den vieleil geputzten Menschen sehen zu lassen, war 
ihr peinlich. 
„Mein Herzensrillldding, wenn Du auch nicht elegant 
aussiehst, so merkt man Dir doch bei jedem Schritte die vor 
nehme Dame an, komm nur." 
„Du hast Recht, mein Kind, man muß in meinen Jahren 
nicht mehr eitel sein." 
Welches Leben und Treiben vor dem Königlichen Schlöffe, 
die Wache zog auf,-Tausende von Menschen, in der Hoffnung, 
den geliebten König ain historischen Eckfenster zu sehen, halten 
sich hier aufgestellt, und jetzt, gerade in dein Augenblicke, als 
die beiden Damen vorüberkamen, zeigte sich der Monarch. 
Brausender Jubel, in den Lori aus vollem Herzen mit ein 
stimmte, erscholl. (Fortsetzung folgt.)
        
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