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Periodical volume 5. Januar 1889 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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ich schon. Da giebt es Jnstruincntc in Birncnform und mit drei 
Beinen und mit einem Transponirpedal und mit einein kleinen 
Schreibpult drin, mit vier Saiten und mit einer Saite, Giraffen- und 
Tascheninstrumentc; schwarze, Weiße und grüne — Du wirst die 
Qual haben, denn Du wirst die Wahl haben." 
Im folgenden Briefe giebt Mendelssohn Auskunft über die 
Wahl des Hotels — er empfiehlt das „Hotel de Rome" — und 
über die Reiseroute von Hamburg nach Berlin. Ueberaus charakte 
ristisch für den damaligen Schneckengang im Reisen ist diese Mit 
theilung vom 2. Oktober 1836: „Den ersten Tag in Villahn ein 
sehr gutes Wirthshaus, 2'/- Meilen weiter als Boitzenburg; den 
zweiten Tag bis Kyritz, den dritten Tag in Berlin; bis Boitzen 
burg wohl vier Pferde zu nehmen, von Boitzenburg weiter drei 
Pferde. Jeden Morgen um 6 Uhr ausfahren, zwölf ü dreizehn 
Stunden täglich gefahren. Mein Vater, der den Weg auswendig 
kennt und sehr oft die Reise gemacht hat, läßt Dir sagen, wenn 
Du um 8 Uhr Morgens von Hamburg ausführest und Dich vier 
Stunden aufhieltest, die Nacht dazu nähmest, könntest Du 
durchaus nicht später, als um neun des folgenden Abends in 
Berlin sein." 
Nach 35stündiger Fahrt traf Moscheles am 7. Oktober in Berlin 
ein. Sein Konzert fiel glänzend aus; der dritte Theil seiner Ein 
nahme betrug 301 Thaler — und die beiden Freunde verlebten 
zwölf herrliche Tage. 
Nach Moscheles Abreise war es Mendelssohn recht einsam in 
Berlin. Er ist überhaupt in jener Zeit auf Berlin und die Berliner 
sowie auf das dortige Musikleben garnicht gut zu sprechen. So 
schreibt er am 17. Januar 1833: „Gebe ich doch übermorgen mein 
drittes Konzert, also weiß ich, was es auf sich hat, ein großer 
Berliner Mann zu sein. Nachdem sie sich mit Mühe entschlossen 
hatten, sich die Einnahme von mir schenken zu lassen, war es im 
ersten Konzert, wo ich meine Symphonie aus d., mein Konzert, 
meine Klaviersonate von Beethoven, den Sommernachtstraum ec. 
gab, sehr voll und die Leute hatten Berliner Enthusiasmus d. h. 
göttlich und himmlisch war so viel, wie sonst passabel.... Vorher 
hätte mich ein Entgegenkommen gefreut, nun war es mir fatal, wie 
überhaupt das ganze Nest mit seinem Strohfeuer." Mehrere Mo 
nate später schreibt Mendelssohn: „Neulich hörte ich einen Berliner 
Klavierspieler, der spielte die schlechteste Variation auf „God save 
the queen“, die ich in meinem Leben gehört habe, und das will 
ungemein viel sagen, und der Mann hatte viel Fertigkeit und viel 
Finger und doch war es so leer und todt und klapprig und mir 
wurde jämmerlich dabei zu Muth —, wo steckt denn unser guter 
Berliner Geschmack? .... Man merkt, daß jeder Einzelne sein 
Möglichstes thut, daß sie Alle die Musik persönlich lieb haben; nur 
ein Ganzes fehlt und so lange der Sand Sand bleibt und die Spree 
wässrig, so lange, fürchte ich, wird es auch nach Berlin nicht 
kommen." 
Auch auf die Berlinerinnen ist Mendelssohn nicht gut zu 
sprechen. Ja, er ist so ungalant, einmal an Frau Moscheles zu 
schreiben: „Freilich ist mein Pferd hübscher als alle Mädchen, die 
ich in Berlin gekannt habe; es ist so glatt und braun und sieht 
so gesund aus, auch sehr gutmüthig (woran die Berlinerinnen be 
kanntlich keinen Ueberfluß haben), aber dennoch verschwöre ich das 
Heirathen nicht, seitdem mir mein Vater prophezeiht hat, ich werde 
es gewiß nicht thun." 
Im Oktober 1835 waren Moscheles und Mendelssohn-Bartholdy 
wieder drei Tage in Berlin zusammen. Am Abend vor der Abreise 
Phantasirten beide vierhändig. Die Zeit der Abreise rückte heran, 
da fällt Felix plötzlich mit dem Schnellpostsignal ein; Moscheles 
antwortet mit einem feierlichen Abschiedsandante, wieder unterbricht 
ihn das Postsignal und führt nun beide zuin Schlußakkord. 
Die folgenden Jahre verlebte Mendelssohn-Bartholdy fern 
von Berlin in Düffeldorf und Leipzig. Von da aus berichtet er 
dem Freunde einmal am 15. Juni 1841 folgende Neuigkeit: 
„Wie Du wohl schon gehört haben wirst, gehe ich auf ein Jahr 
nach Berlin, ich kann es nicht abschlagen und vermeiden, denke 
aber bestimmt, nach Ablauf dieser Zeit wieder hieher zu kommen. 
Es gefällt mir hier besser als dort. Zwar soll ich Kapellmeister 
heißen, viel Geld bekommen und gar keine Verpflichtungen dafür 
weder beim Theater, noch sonst wo haben, also ganz ftei sein. — 
Aber dennoch habe ich keine rechte Fiduz." Und einige Monate 
später schreibt er über dieselbe Angelegenheit: „Ich habe mir eine 
Audienz beim König ausgebeten, um zu versuchen, ob er mich in 
Gnaden wieder fortziehen lassen will. Vor lauter Vermählungen, 
Reisen rc. habe ich sie diese Woche noch nicht bekommen können. 
Erfüllt er aber in der nächsten meinen Wunsch, so hoffe ich in 
vierzehn Tagen wieder im wohlbekannten Leipziger Quartier zu 
sitzen. Aber freundlich muß er mich ziehen lassen; dazu habe ich 
ihn zu lieb und bin ihm zu viel Dank schuldig." 
Während dieser Zeit ist Moscheles in Hamburg und Mendels 
sohn-Bartholdy schreibt ihm dahin folgenden Einladungsbrief: 
„Herr Felix Mendelssohn-Bartholdy präsentirt Komplimente an 
Herrn und Madame Moscheles nebst Familie und ist sehr happig 
danach, Herrn und Madame Moscheles auf vierzehn Tage 
wenigstens in Berlin zu sehen. Gegend, Musik und dergleichen 
kann er in Berlin zwar nicht zum Besten vorsetzen, aber wenn 
ein allerherzlichstes Willkommen den Sand urbar und die Musiker 
feurig machen könnten, so sollte es auch darin besser bestellt sein; 
die ganze Bevölkerung der Leipzigerstraße Nr. 3 schließt sich dieser 
ergebensten Einladung an." 
Mit Begeisterung nimmt Mendelssohn-Bartholdy später den 
Plan auf, den ihm Moscheles mittheilt, nach Preußen zu über 
siedeln. Sein Augenmerk fällt dabei zunächst natürlich auf Berlin. 
Er meint, daß Bunsen der rechte Mann wäre, um beim König 
Friedrich Wilhelm IV. diesen Plan durchzusetzen und fährt dann 
fort: „Ich glaube, mit wenig Worten wäre die Sache abgethan 
und er würde gewiß alles aufbieten, um dem König und Berlin 
eine solche Ehre zu verschaffen. — Denn dazu, zur Ehre wird es 
sich eine jede Stadt Deutschland rechnen, die Du bei Deiner Wahl 
vorziehst. Eine eigentliche Stelle, d. h. eine bestimmte Anzahl 
öffentlicher musikalischer Arbeiten, Dirigiren rc. rc., wüßte ich 
freilich für dich in Berlin ebensowenig, wie für mich, wie für 
irgend einen Musiker, dem es Ernst um die Kunst ist — und 
darum kann durch mein mögliches Abgehen von Berlin, wie du 
schreibst, kein Platz entstehen, den ein anderer einnehmen könnte; 
denn eben daß ein solcher Platz, eine solche öffentliche Stellung in 
Berlin nicht existiren, war ja der Grund meines langen Zögerns. 
Nun es aber entschieden ist, daß ich fürs erste nichts mit dem 
öffentlichen Berlin, nur einzig und allein mit dem König zu thun 
haben will und da ich dessen Geist und dessen Gemüth so hoch 
schätze, daß es nur allein einige Dutzend Publikumnier leicht auf 
wiegt, so sehe ich daß gerade auch für dich, ich mag dort wohnen 
oder nicht, ein schöner ehrenvoller Platz stets offen sein und bleiben 
wird. Und wie schön es nun wäre, wenn ich wieder dort wohnte, 
wenn wir an demselben Orte lebten und unsere alten, für un 
erreichbar gehaltenen Träume in Erfüllung gehen sähen, das will 
ich im heutigen Briefe garnicht ausmalen." 
Es sollte aber bald anders kommen. Nicht in Berlin, sondern 
in Leipzig erfüllten sich die „alten, für unerreichbar gehaltenen 
Träume" eines Zusammenlebens der beiden Freunde. Leider war 
aber auch dieser schöne Traum nur von kurzer Dauer. Denn nur 
ein Jahr erfteuten sich die beiden edlen Menschen dieses Zu 
sammenlebens — am 4. November 1847 war Mendelssohn- 
Bartholdy todt!
        
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