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Periodical volume 5. Januar 1889 Nr, 14

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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sprechend, so tiefblau wie Veilchen, dabei ein wahrer Spiegel 
reinster Herzensgute! 
„Du liebes Kind, ich dachte es wohl. Aber Du hast ja 
Nichts anzuziehen." 
„Freilich", flüsterte Lori und senkte die Lider. Es war, 
als ob sich ein seidenweicher Schleier niederließ. 
„Aber wir sind fleißig gewesen, das Konto bei Fuchs 
& Frankel steht für uns günstig. Wie wäre cs, wenn wir 
einen Theil dazu verwendeten, meiner kleinen Lori ein Ballkleid 
zu kaufen?" 
„Mama!" Der Schleier hob sich und eitel Wonne war 
es, was der Mutter jetzt aus den Augen ihres Kindes ent- 
gcgenstrahlte. 
„Nun, dann versuche es einmal. Ich werde dem Rcgi- 
mente indessen eine Zusage schicken." 
„Mutter, Mutter, süße einzige Mutter!" Lori erstickte sie 
säst unter ihren Küssen. Die gütige Dame entsann sich seit 
Langem nicht, einen so glücklichen Augenblick erlebt zu habe». 
Lori packte die fertigen Stickereien zusammen und kleidete sich 
an, um sich in das Geschäftslokal von Fuchs & Frankel zu 
begeben. Sie sah entzückend aus: Ein kleiner Filzhnt saß keck 
auf dem leichtgewellten blonden Haar, das schlichte schwarze 
Wollkleid mit der kurzen Pelzjacke, einfach, aber zierlich und 
chic, stand ihr vorzüglich. 
„Und Alles hat das gute Kiud ihrer Hände Arbeit zu 
verdanken", dachte Asta zärtlichen Sinnes, als sie ihr niedliches 
Töchterchen betrachtete. 
Lori schritt bald darauf durch das Gewirr der heller- 
leuchteten Straßen, sich weder nach rechts noch nach links um 
sehend, nur zuweilen einige Worte an die alte Ausgeherin 
Christiane richtend, welche sie begleitete. Endlich war sie unter 
den Linden angekommen und trat in einen der bevorzugtesten 
Läden. 
„Guten Abend, gnädiges Fräulein", empfing sie die 
Geschäftsvorstcherin, ihr freundlich die Hand reichend. „Nun 
schon wieder so fleißig gewesen und schon fertig? Ich habe 
hier schon etwas Neues hingelegt, etwas ganz Apartes, was 
Ihnen gewiß Freude machen wird zu arbeiten." 
„Ach wie entzückend!" rief Lori, als sie das Mister zu 
einer ganz modernen Stickerei erblickte. 
„Wir möchten gern einige Exeinplare recht bald haben." 
Lori nickte ein wenig verlegen. „Ich werde es versuchen, 
aber — nun werden Sie staunen, Fräulein Marie — etwas 
Geduld müssen Sie haben, denn ich will in den nächsten Tagen 
einen Ball besuchen." 
„Das ist ja allerliebst, wir haben ganz wunderhübsche 
leichte Stoffe." 
„Wenn sie nicht zu theuer wären." 
„Für Sie machen wir Extrapreise", dabei stellte sie Schachtel 
auf Schachtel vor das Fräulein hin, welche wehinüthigen Blickes 
die reizenden Stoffe betrachtete. 
„Ach nein, das ist zu elegant für mich und gewiß viel 
zu theuer." 
In diesem Augenblicke trat Herr Fränkel hinzu und be 
grüßte die junge Dame auf das Artigste. 
„Soll es für Sie selbst sein, gnädiges Fräulein?" 
„Allerdings", antwortete Lori schüchtern. 
„Wenn Sie mir gestatten wollten. Ihnen als unserer 
liebsten und bewährtesten Mitarbeiterin, diese Ballrobe zu ver 
ehren, so soll es mir zu einem besonderen Vergnügen gereichen. 
Ich muß gestehen, daß ich nur auf eine Gelegenheit gctvartet 
habe, um mich Ihnen gegenüber einmal erkenntlich 511 zeigen." 
Lori schoß das Blut in die Wangen. „Nein, nein, Herr 
Fränkel, auf keinen Fall." Aber sie nahm es gern an, daß 
er ihr einen besonders billigen Preis berechnete. 
Als trüge sie den kostbarsten Schatz bei sich, ging sie mit 
Christiane freudigen Herzens nach Hause und besorgte sich 
unterwegs Dieses und Jenes, tvas ihr noch zu dem Ballstäate 
fehlte. 
Wie fast jeden Abend nach Tisch, setzte sich Lori auch 
heute an das Klavier. Vertvob sic auch, wie gewöhnlich die 
Weisen ihrer Lieblingskomponisten zu einem anmuthigen Ganzen, 
so stahlen sich doch heute Walzerklänge und Polkatakte da 
zwischen. Still hörte die Mutter zu. „Die glückliche Jugend", 
lächelte die gütige Seele, mit stiller Wehmuth ferner Zeiten 
gedenkend, wo sie selbst noch jung und froh iills Leben blickte. 
Für die nächsten Tage hatte sich die kleine Wohnung in 
eine Schneider-Handwerksstätte verwandelt. Frau von Rohde- 
wald rmd Lori arbeiteten fleißig, auch Christiane mußte helfen, 
bald war das duftige, Weiße Ballkleid fertig gestellt. 
Nun war der 9. Januar herangerückt. War es nur 
möglich, Lori sollte hellte tanzen und zwar zum ersteil Male 
in ihrem Leben? Jetzt ballschten sich die lveißc» Röcke mit der 
zarten Frisur mn ihre hochgelvachsene Gestalt, ein anspruchs 
loser Kranz von Schneeglöckchen flocht sich durch ihr gold 
blondes Haar, und Rosen der Erregung glühten auf ihren 
Wangen. Bald verkündete Christiane, die init wahrhafter 
Scheu um ihr jlinges, schönes Fräulein herumging, daß die 
Droschke vor der Thür harre, lind der Kutscher schon drei Mal 
ungeduldig mit der Peitsche geknallt habe. 
Mit klopfenden Herzen fuhr Lori an der Seite ihrer Mutter 
durch die erleuchteten Straßen der Hauptstadt. Beide schwiegen. 
Lori von Unruhe, in bangem Zweifel, ob sie wohl tanzen 
würde, und ob der Lieutenant voll Ring die Einladung sandle; 
die Wittwe aber in dem schmerzlichen Gedanken, nach so langer, 
langer Zeit wieder die Räume zu betreten, in denen sie früher 
so oft mit ihrein verstorbenen Gatten so uilendlich glücklich 
geweseir war. 
In dem Offizier - Kasino des xten Garde - Regiments 
ging es während des ganzen Tages lebhaft zu. Das Lese 
zimmer, der Speisesaal wurden ausgeräumt, und alle Vor 
bereitungen zum Empfange zahlreicher Gäste getroffen. Der 
Lieutenant Buffo von Ring hatte alle Hände voll zu thun, 
denn ihm waren die Anordnungen des Festes übertragen 
worden. „Die beiden Lorbeerbäume dort rechts in der Ecke 
noch etwas vorwärts rücken. So, so, nicht zu weit, sonst 
nehmen sie zuviel Platz weg." Er eilte durch den Saal, blieb 
vor der Mittelnischc stehen, wo sich das Brustbild des Königs 
Wilhelins des Ersten, von iinmergrüneil Bäumen, von zahlreichen 
Lichtern umgeben, als vornehmster Schmuck des Kasinos erhob. 
„Die großen silbernen Arnlleuchter müffeil tiefer stehen, 
noch etwas, mm beide ein wenig auseinanderrücken." Jetzt 
gab er ben Ordonnanzen diese und jene Anweisling und ließ 
endlich zwölf Grenadiere, je zwei und zwei in den verschiedenen 
Uniformen gekleidet, welche das Regiment von seiner Errichtung 
an bis auf den heutigen Tag getragen hatte, auf den Treppen 
absätzen antreten. 
Bald ivar es Zeit, die Gäste mußten kommen. Einzelne
        
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