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Periodical volume 6. October 1888 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Bremen und Oldenburg zugetheilt worden sind, gehört der Ober- 
Postdircktionsbezirk Hannover noch immer zu den ausgedehntesten. 
Hieran läßt sich die Aufgabe ermessen, welche 1867 dem ersten 
Chef eines neugebildeten Verwaltungsbezirk von so ungewöhnlicher 
Größe zufiel. 
Im Beginn des Jahres 1871 wurde Ober-Postdirektor Schiff 
mann zur Theilnahme an der von der obersten Postbehörde anbe 
raumten Konferenz für die anderweite Regelung der Beamtenver 
hältnisse nach Berlin berufen und 1873, nach erfolgter Verkleinerung 
des Bezirks Hannover, mit der Vertvaltung des Ober-Postdircktions- 
bezirks Posen betraut, welcher damals die ganze Provinz dieses 
Namens umfaßte. Wir können hier auf die erfolgreiche Wirksanikeit 
Schiffmanns in diesen Dienststellungen nicht näher eingehen, müssen 
uns vielmehr darauf beschränken, seinen ferneren äußeren Lebens 
weg noch kurz zu zeichnen. Wir haben hiernach nur anzuführen, 
daß er 1878 auf seinen Wunsch nach Breslau versetzt wurde und, 
wie oben erwähnt, am 1. April 1882 die hiesige Ober-Postdircktor- 
stelle übernommen hat, nachdem inzwischen seine Ernennung zum 
Geheimen Postrath erfolgt war. 
Es ist eine lange, mühe- und ehrenvolle Laufbahn, auf welche 
der Geheinierath Schiffmann am 25. Septeinbcr d. I. zurückblicken 
durfte, an dem Tage, mit welchem er eine fünfzigjährige Amts 
thätigkeit vollendet hatte. Die Auszeichnungen, welche dem Jubilar 
an diesem Ehrentage von Allerhöchster Stelle zu Theil geworden 
sind, und die große, allgemeine Theilnahme, welche die Feier 
dieses Tages in weiten Kreisen gefunden hat, ist unsern Lesern 
aus den Tagesblättcrn bekannt geworden. Die von so vielen 
Seiten ausgegangene Bemühung, dem Jubilar die Feier dieses 
Tages zu verschönen, legte unzweideutiges Zeugniß ab von der 
Wcrthschätzung, welche die amtlichen Leistungen des hochge 
stellten Bezirkschcss gefunden haben und von der Anerkennung, 
tvelchc der persönlichen Liebenswürdigkeit des Mannes zu Theil 
geworden ist. Ein Meister der Rede und von herzgewinnenden 
llmgangsformen, bezaubert er seine Umgebung durch seinen heiteren 
Humor und geistreiche Einfälle, mit welchen er das Gespräch würzt. 
Wenn auch von Amtsgeschäften sehr in Anspruch genommen, blieb 
ihm stets jene Frische und Heiterkeit treu, die den verehrten 
Jubilar im geselligen Verkehr zu einem liebenswürdigen Ge 
sellschafter machen. Den Freuden der Geselligkeit nicht abhold, 
ist er gern fröhlich mit den Fröhlichen und es wohnt ihm die 
glückliche Gabe bei, durch Anregung, Scherz und gute Laune als 
bald zum belebenden Mittelpunkt jedes geselligen Kreises zu werden. 
Seinen Untergebenen ein gütiger Vorgesetzter und Berather, den 
Freunden ein treuer Freund, hochverehrt und geschätzt von Allen, 
die im amtlichen oder privaten Verkehr ihm näher treten dursten, 
beglückt durch ein inniges schönes Familienleben an der Seite der 
treuen Gattin und blühender Kinder, darf der hochverdiente Beamte 
mit Recht sich glücklich preisen. Alle, die ihn näher kennen, 
begleiten ihn mit den aufrichtigsten Wünschen auf seinen ferneren 
Lebensweg. 
Männertreu. 
(Pflanzcn-Legenden und Pflanzen-Symbolik in der Mark Brandenburg.) 
Zu absonderlichen Gedankensprüngen giebt die kleine Gentiane 
„Männertreu", Anagallis officinalis und An. caerulea, vielfach 
„Gauchheil" genannt, da, wo dieselbe in beiderlei Blüthen, ziegelroth 
und himmelblau, zur Erscheinung tritt, dem Märkischen Landvolk 
Vcranlaffung. (In einzelnen Gegenden, namentlich auf schwerem 
Boden, findet sich nur die rothblühende Species, An. officinalis, 
als „Giftkraut" übel berufen.) „Zweierlei Tuch" ist im Volks 
mund ihr Name. 
1. „Zweierlei Tuch"! brummt der ältere Landmann, wenn er 
einen Ackerplan im April von Männertreu durchzogen erblickt, und 
er knurrt vor sich hin: „dat fritt un Tritt de Marw (— Grasnarbe) 
weg, un kümmt't mang't Stroh det Vieh in'm Schlung (— Schlund) 
stickt't (— sticht's) as en Dorn in't Liew (£= im Leibe)." Ihm 
kommt bei solchem Anblick das wohlbegründete: Bedenken, daß dieses 
Pflänzlein in seinem sehr dichten Wüchse den Dioden aussaugt, Nutz 
pflanzen im Wachsthum hindernd, und spätes im Herbst, sei's dem 
Heu, sei's dem Stroh als dünne Faser beigem engt, keine Nährkraft 
fürs Vieh in sich trägt, vielmehr Bauchgrimm en hervorruft. 
„Zweierlei Tuch!" murrt er verdrießlich und denkt hierbei in 
, der Vorväter Weise, daß die Leute in zweierlei Tuch, die Soldaten, 
eigentlich eine rechte Landplage seien, blos tmzu da, daß sie als 
Manöver-Einquartierung wie dem Edelmama den Weinkeller, so 
ihm Heuboden und Speckkammer leer machen und seinen Mädchen 
die Köpfe verdrehen. 
Und so stößt er grimmig mit der Spitze des"StiefeU > 
auf das unschuldige Kräutlein los. Da summt aus dessen Blätter-, 
Stengel- und Blüthengcwirr ein Bienlein heraus: siehe — fort trägt 
das des Ackermanns Zorn! Denn, ist er Imker, um so bester, jeden 
falls ist er ein Bienenfreund. Blitzschnell fährt's ihm durch den 
Sinn: das Kräutlein „Zweierlei Tuch" ist ja nächst dem Weißen 
Hungerblümchen im ansteigenden Jahre die erste vollsaftige Weide 
stätte für die lieben Bienen. Nun hält er den Fuß sorgsam in 
Obacht, daß er kein Pflänzlein zertrete, und gedenkt des dritten 
Schöpfungstages, an welchem Gott der Herr, besten Gedanken höher 
sind als der Menschen Gedanken, über alles Kraut und Gras 
auch das siebenfach heilige „es war gut, sehr gut" kund werden 
ließ. Ebenso ist er mit einem Male, er weiß selber nicht wie, an 
deren Sinnes über die Leute in ztveierlei Tuch, die Soldaten in 
blauer Uniform, mit rothem Kragen, Ausschlägen und Achselklappen 
geworden. Ein Höherer als er, sein König, weiß gewiß, wozu 
„diese Krauters" gut sein mögen. Er selbst trug ja einst des Königs 
Rock, jetzt thut's sein Sohn oder der und der „aus der Freundschaft," 
d. i. Blutsverwandtschaft und — „na, wie jeseggt (— gesagt), se 
bogen (— taugen) nischt, aber: et sind doch jute Jungens!" 
2. „Zweierlei Tuch"! seufzt „das Mächen", d. i. das junge 
Mädchen hinter deni vom Manöver oder vom Urlaub wegziehenden 
Soldaten her, dem cs im Dorfreigen nach dessen Losung „kurz ist 
die Mühe, herrlich der Lohn", „ich gehe morgen fort und kehr.' 
niemals wieder" besondre Gunst zugewandt hat. Spricht's auch, 
indem es im April mit leichtem Hauch der Lippen die Blüthen von 
der Männertreu-Staude abpustet, die loser als andre Blüthen sitzend 
dem Luftzug tvcnig Widerstand gewähren. Wehmüthig, gedanken 
voll zerbeißt die Verlaffene wohl gar den blüthenentleerten Stiel. 
Prrr, das schmeckt bitter, hat kurz stechenden Nachgeschmack. Sie 
möchte losschmähen auf das Pflänzlein wie auf den Durchgänger: 
„ein andres Mal ganz gewiß nicht wieder so gutmüthig, so gut 
willig dumm!" Da fällt ihr entflammtes Auge nieder auf den 
dichten Krauttcppich, von besten grauer gleichförmiger Erdunter 
lage die halbhellen, halbmatten Blüthensterne roth und blau so un 
sagbar treuherzig aufschauen. Und „hübsch war's doch", eine Auf 
frischung in dem ewigen, langweiligen, grauen Tageseinerlei; so 
hüpft die Erinnerung los! Fort ist aus dem leichtbeweglichen Sinn 
der Groll, 's Herzchen war fort, 's Herzchen kam wieder: ein 
ander Mal mehr davon! 
3. „Männertreu"! Mit ernstem Nachdruck spricht's der Re- 
scrveniann, wenn er nach der eintönigen Winterarbeit, die ihn wieder 
„ins Civil eingewöhnt" hat, im Frühjahr zum ersten Male auf 
frischem Acker die Furche streckt und hierbei der bewußten blauen 
und rothen Blüthensterne ansichtig wird. Sorglich steckt er einen 
Büschel davon ins Knopfloch und denkt zurück an die emst ftöhliche 
Zeit, während welcher er „zweierlei Tuch" getragen. Mit heitrem 
Spaß bläst er heimgekehrt den „aufsuchenden" Schwestern und an 
deren Mädchen die leichthin fliegenden rothen und blauen Blüthen 
ins Gesicht und entkräftet deren Spötteln über Männertreue mit
        
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