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Volume 22. Dezember 1888 Nr, 12

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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Iltc Ärrlincr Verkausslä-cn. 
Biele Jahre vvrdem war ein einfacher Materialladen am 
Spittelmarkt, Wallstraßen-Ecke, wie es deren unzählige gab und 
noch giebt. Die gefüllten Hcringsfässer zeigten sich an der Thür, 
während Butter und Käse friedlich neben einander auf dem Laden 
tisch standen — und dennoch ergossen sich zu Ende der zwanziger, 
wie anfangs der dreißiger Jahre, von Zeit zu Zeit, nach diesem 
Laden förmliche Mcnschenströme. Studenten, Gymnasiasten, Dienst 
mädchen wie Handwerker eilten von allen Gegenden der Windrose 
dahin, nicht um wenige Loth Kaffee, Butter oder Käse zu erstehen 
— nein! mit winzigen Büchclchen, bequem in eine Tasche zu 
stecken — von dort heimzukehren; Alle freudig, froh erregt — Einer 
dem Anderen das Gekaufte, gleich einem erbeuteten Schatz, zeigend. 
Im Kramladen dort — wie es hieß, tvollten die Herren Buchhändler 
mit dieser Waare nichts zu thun haben — wurde die Groschen 
bibliothek der Deutschen Klassiker, herausgegeben vom 
Bibliographischen Institut in Gotha und New-Iork, verkauft. Wer 
es nicht gesehen und erlebt, glaubt cs nicht, welch eine Fülle von 
Freude, Glück und Zufriedenheit sich hier entwickelte — welch ein 
Drang nach Wissen und Belehrung sich hier kund gab. Meyers 
Groschenbibliothek, wie diese winzigen Bändchen hießen, haben zur 
Verbreitung der Kenntniß der deutschen Litteratur mehr beigetragen, 
als alle nachmaligen dickleibigen Litteraturgeschichten und Vorlesungen. 
Jeder Btann aus dem Volke hatte Lessings Minna, seinen Nathan; 
sie kannten die Stücke fast auswendig — und wenn dieselben auf 
geführt wurden, so folgte man mit Verständniß und Interesse der 
Darstellung. 
Eine geistige Strömung, wie die Groschenbibliothek sie damals 
hervorrief — fern von jeder Parteilcidcnschaft und sonstigem Bei 
werk, ist später niemals wieder dagewesen. Und wo sich in irgend 
einem Haushalt Bändchen dieser Bibliothek noch finden, werden sie 
von den älteren Besitzern mit einem Gefühl sinniger Verehrung und 
froher Erinnerung betrachtet. Es haftet an diesen Bändchen ein 
Stück der Jugend, des innigsten, reinsten Genusses. Wer hätte es 
damals gewagt, an dem Nathan zu mäkeln oder an eine Schul 
ausgabe der Minna zu denken! Mit welcher Freude wurden Bürgers 
Gedichte gelesen, seine Leonore kannte Jeder — und an einzelnen 
schlüpfiigen Stellen der schönsten Lieder nahm Niemand Anstoß. 
Bi an war dazumal sicherlich noch nicht auf das Unanständige 
„dressirt", wie es gegenwärtig der Fall ist. Alle späteren Veran 
staltungen und Ausgaben der Art: Meyers Volksbibliothek, jedes Bänd 
chen 10 Pfennig, Reclams Universalbibliothek, Hendels Bibliothek 
der Gesammt-Litteratur u. a., werden niemals wieder den Erfolg 
erzielen, den jenes erste Unternehmen hatte. Wäre es erlaubt und 
möglich, diese Bibliotheken, gleich den Kalendern, auf jedem Dorf, 
in jeder kleinen Stadt und in jedem Laden zu erstehen — der 
Einfluß derselben, in Bezug auf Bildung, Wissen und Gesittung, 
würde ein überaus segensreicher sein — ein Damm gegen schlechte 
Auswüchse unserer Zeit und — unserer Litteratur. Man muß 
es nur erfahren haben, welch einen sittlichen Einfluß ein gutes 
Gedicht, ein Schauspiel auf ein jugendliches Gemüth zu machen 
im Stande ist — man würde der Verbreitung guter billiger Bücher 
mit allen Kräften nachstreben. — Doch gehen wir weiter! 
An der Stcchbahn und Ecke der Werdcrschcn Mühlen glänzte 
zu gleicher Zeit dcrLaden des Hoflieferanten Quittel. Eilten zum 
Laden am Spittelmarktc die Käufer eiligen Schrittes zu Fuß, so 
fuhren zum Hoflieferanten die Equipagen der hohen und höchsten 
Herrschaften, Fürsten und Fürstinnen, daher. Von hier aus nahmen 
die Biodcn, nachdem die Modelle von Paris eingegangen, ihren 
Siegeslauf durch die Lande. Hier wurden alle Moden und Aus 
schmückungen gefertigt zum Fest der weißen Rose, das zu Ehren 
der Kaiserin von Rußland damals in Potsdam gegeben wurde; 
jenem Rittcrfestspiel, an dem die höchsten Herren handelnd Theil 
nahmen und das Rudolf Marggraff, der spätere Professor der 
Kunstgeschichte in München, in seinen Gedichten, herausgegeben mit 
den Gedichten seines Bruders Hermann, nicht eben schlecht, aus 
führlich besungen. — Wer aber oftmals den genannten Laden be 
treten — und dann jedesmal eine freudige Erregtheit bei dem 
gesammten Personal hervorbrachte — war die liebliche blonde 
Henriette Sonntag, spätere Gräfin Rossi — jener Stern am 
Gesangeshimmel des Königstädtischen Theaters am Alexanderplatz, 
während sie gemeinhin im dort nahegelegenen Gasthof zum Kaiser 
Alexander ihren Wohnsitz mit ihrer Schwester Nina, der nachmaligen 
Nonne, aufgeschlagen hatte. Wie beredt wurde der alte, in seinem 
Pelz gehüllte hustende C h a m i s s o, als er auf die Genannte zu sprechen 
kam und, alle Krankheit, die ihn eben befallen, vergessend mit 
theilte, wie er derselben auf seiner Reise um die Welt, auf den 
Sandwichsinseln, gedacht. Und Herr Quittel hätte nicht noch ein 
mal so rasch als sonst der Eintretenden entgegengehen sollen, um 
ihre WünscheQmd Anordnungen zu vernehmen? War die Genannte 
doch eine zu lieblich-schöne Erscheinung und der erklärte Liebling 
von ganz Berlin. Alan feierte die Sonntag nicht so, als man sie 
liebte und schätzte. Und als Herr Quittel seinen Lehrling, den 
Sohn eines Superintendenten, eines Tages zu der Sängerin sendete, 
run den gewünschten Aufsatz zu überbringen — und Henriette 
Sonntag den schüchternen jungen Mann fragte: ob er sie schon 
fingen gehört, und nach Verneinung, sich an das Instrument 
setzte und sang: Bin der kleine Tambour Veit, meine Trommel 
kann ich rühren: da ist der junge Mann glücklich, wie berauscht 
heimgekommen — um jene Stunde niemals zu vergessen. 
F. Brunold. 
Vom berliner Nathskeller. 
Der Rathskeller in Berlin scheint während des 18. Jahr 
hunderts kein recht begehrenswerthes Pachtobjekt gewesen zu sein. 
Der Magistrat erließ unterm 3. Januar 1711 eine Bekannt 
machung behufs weiterer Verpachtung, und lud alle diejenigen ein, 
„so etwas Belieben dazu haben, auf dem Rathhause zu erscheinen 
und zu gewarten, wie mit dem Meistbietenden, gegen genügsame 
Sicherheit, auf einige Jahre geschlossen werde." 
Es fand sich aber Niemand mit „etwas Belieben zum 
Schließen", auch nicht, nachdem dieselbe Bekanntmachung vierzehn 
Mal hintereinander ergangen war. So gab denn Magistrat beim 
fünfzehnten Male „männiglich kund", daß ein letzter Termin am 
15. März stattfinden, alsdann aber „unfehlbar geschlossen" werden 
sollte. Und so geschah es denn auch. > 
Die verschiedenen Sorten Biere, welche damals und später 
noch im Rathskeller ausgeschänkt wurden, können mit Bezug auf 
ihre Mannigfaltigkeit — vielleicht auch der Qualität nach — den 
heutigen Gebräuen ebenbürtig zur Seite gestellt werden; be 
züglich des Preises aber darf billigermaßen die sogenannte 
„gute alte" Zeit den Vorrang beanspruchen. 
Ein tabellarisches Verzeichniß aus dem Jahre 1729 möge dies 
erhärten. 
Brühan das Quart 1 Gr. 6 Pf. 
Zerbster Bier - 1 5 8 - 
Cottbusser v . . - 1 = 4 - 
Crossener - 1 - 6 ; 
Garley - 1 - 6 - 
Lebuser . = 1 5 ® 5 
Bernauer = 1 * — = 
Ruppiner - 1 - — - - 
Brandenburger ........... - — "= 10 5 
Fürstenwaldcr - — = 10 - 
Cüstriner - 1 * 3 s 
Carthäuser - 1 = 6 J
	        
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