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Periodical volume 15. Dezember 1888 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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trachteten ihn von dem Tage an mit einer Art von scheuer 
Ehrfurcht und bequemten sich willig jeden, Winke des kleinen 
Klassenordners. 
Aber noch immer ließ sich kein Verkäufer, keine Ver 
käuferin blicken. Der Gelehrte bemerkte in der Nähe der zur 
Kajüte emporführenden Stiegen ein Becken mit glimmenden 
Kohlen, zum Wärmen der Füße bestimmt, und daneben einen 
unscheinbaren Schemel, aus welchem ein dünnes Büchlein lag. 
Es zuckte ihm in den Fingern, er vermochte von jeher kein Buch 
liegen zu sehen, ohne es aufzublättern und seiner unstillbaren 
Wißbegier Genüge zu thun. Er widerstand auch diesmal nicht, 
ergriff das gedruckte Heft rind überflog den Titel. Wie sonder 
bar ! Das war die kleine lateinische Grannnatik, aus der seine 
Sextaner zu lernen hatten, und oben am Rande des Titel 
blattes, stand in großen Buchstaben der Name „Langheinrich", 
der Name des letzten Schülers in Walters Klaffe, eines artigen, 
gutmüthigen, aber unbefähigten Knaben, der es trotz alles 
guten Willens noch niemals dahin gebracht hatte, den letzten 
Platz zu überwinden und einen Nachbar gelegentlich zu über 
flügeln. 
Der Herr Ordinarius vermochte sich den Zusammenhang 
der Dinge bei all seiner Gelehrsamkeit nicht zu erklären. Lang 
heinrichs Vater war doch, wie er wohl wußte, eiu ehr 
samer Tischlermeister, aber kein Obsthändler oder Schiffseigen 
thümer ! 
Jedenfalls mußte sich Walter endlich bemerkbar machen 
und suchte durch wiederholtes Räuspern seine Anwesenheit 
k"»d zu thun. Es blieb still im Kahn; die Kohlen in, Becken 
begannen zu verglühen, und die Aepfel machten insgesammt 
recht übermüthig schadenfrohe Gesichter. 
Der Doktor that ein paar Schritte auf die Kajüte zu und 
spähte durch die halb geöffnete Thür derselben: Jetzt bemerkte 
er, daß in dem engen Raume ein weibliches Wesen auf und 
ab schritt und leise munnelnd mit sich selber sprach. Die 
Stimme wurde laut und lauter, als ob die Sprecherin mit 
sich zankte, und zuletzt vernahm der Gelehrte zu seinem höchsten 
Erstaunen die ärgerlich hervorgestoßenen lateinischen Formen: 
-Laudavero, laudaveris, laudaverit, laudaverimus, laudave- 
i'ids, laudaverint.“ 
„Das futurum exactum, das ich heut Nachmittag mit 
meine, Jungen durchgenommen und ihnen für morgen als 
Pensum aufgegeben habe," murmelte der Schulmeister und ge 
bieth in einen Zustand wunderlicher Bestürzung. 
Endlich heuchelte er einen förmlichen Hustenanfall, der 
dem, auch die gewünschte Folge hatte, daß die Kajütenthür sich 
ganz öffnete und die Lateinerin, ein zierliches, schlankgewachsenes 
Mädchen von achtzehn Jahren, die Stiegen dienstfertig herab- 
ellte. 
„Was steht dem Herrn zu Diensten?" fragte sie mit wohl 
tuender Stimme, die von dem widerwilligen Klange, mit dem 
ue in der Beschwerde des Memorircns die fremden Brocken 
> ervorgestoßen hatte, erfreulich abstach. 
Der Angeredete war in einer nicht geringen Verwirrung. 
O über die einfältige Mythologie! Warum mußte ihm 
denn gerade jetzt gar nichts anderes einfallen als die.Frage, ob 
er die Jungfrau mit Pallas Athene, Hera oder gar mit 
Aphrodite selbst vergleichen solle? Da verfolgte er die Blicke 
des Mädchens, die mit Befremden auf der lateinischen Gram- 
niatik hasteten, welche Walter in feiner Erregung unruhig 
zwischen den Fingern drehte. Daswaps! Hier mußte er eiu- 
setzen, um sich Klarheit zu verschaffen und der peinlichen Lage 
ein Ende zu machen. 
„Entschuldigen Sie, mein Fräulein, eine Frage!" begann 
er mit etwas unsichere», Ton. „Ich bin der Dr. Walter, 
Ordinarius der Sexta des Kgl Gymnasiums. Da 
finde ich hier auf dem Schemel ein Schulbuch mit de», Namen 
meines Schülers Langhcinrich. Ich trage, mein Fräulein, die 
schwere Verantwortung für meine Zöglinge, und so werden Sic 
schon die Güte haben müssen, mir Rede zu stehen, ob der 
Kleine hier auf dem Kahne im Verborgenen Aepfel schmaust, 
ohne an seine Schulpflichten zu denken, und ob etwa eine gütige 
Fee in Ihrer Gestalt für ihn das futurum exactum auswendig 
lernt und übt?" 
„Ja, das futurum exactum!" entgegnete sie mit einem 
drolligen Seufzer. „Schwer genug ist's! Dort auf de», 
Schemel hab' ich's meniorirt und den Takt dazu mit den Füßen 
auf das Kohlenbecken getronnnelt. Dann ging ich in die 
Kajüte, um mir ohne Buch die langathmigcn Formeln zu ver 
gegenwärtigen, und am Ende ist's mir mit einiger Mühe ge 
lungen. Mein kleiner Bruder, Ihr Sextaner Langheinrich, hat 
seine liebe Plage mit den, Latein; da habe ich mich denn kurz 
entschlossen, die Lektionen mit ihn, zugleich zu lernen, um dem 
armen, pflichttreuen, aber von der Mutter Natur etwas ver 
nachlässigten Jungen nach Kräften behilflich zu sein, mit ihm 
zu üben und ihn abzuhören." 
Aus den letzten Worten, die sie mit Wärme gesprochen, 
tönte soviel geschwisterliche Liebe heraus, daß Walter einen 
Augenblick meinte, er müsse sich als Sextaner Langhcinrich viel 
wohler und glücklicher fühlen als in seiner Lehrerwürde. Dann, 
ehe er noch etwas entgegnen konnte, fuhr sie mit herzgewinnender 
Liebenswürdigkeit fort: 
„Also Sie sind der Herr Doktor Walter? Wie freue ich 
mich, Sie kennen zu lernen und Ihnen einmal zu danken für 
die liebevolle Nachsicht, mit der Sie mein Brüderchen behandeln, 
für die Ermuthignng, die Sie ihm bei seinen kümmerlichen 
Leistungen so freundlich angedeihen lassen! Ja, Sie müssen 
ein Kinderfreund sein ohne Gleichen! Stundenlang plaudert 
unser Ernst von Ihnen und wird nicht müde, mir und den 
Eltern, die er für seinen Lehrer ordentlich begeistert hat, von 
Ihnen vorzuschwärmen." 
Bei den letzten Worten reichte sie ihm unbefangen die 
Hand, die er nicht ohne Innigkeit drückte und die sie ihm, da 
er keine Miene machte, sie freizugeben, mit eine», gewaltsamen 
Ruck entreißen mußte. Sie blickte in einer reizenden Ver 
wirrung zu Boden, während er nach einer kleinen Panse seiner 
Verwunderung Ausdruck gab, durch welche Laune des Schick 
sals denn die Tochter des Herrn Tischlermeisters aus dieses 
Obstfahrzeug verschlagen worden sei. 
„Das ist bald erzählt," erwiderte sie, hob den Kopf und 
blickte den, Frager offen in die blauen Augen. „Mein guter 
Vater, von übergroßer Zärtlichkeit und Eitelkeit für seine Kinder 
erfüllt, konnte und kann es nicht über sich gewinnen, sich mit 
einer Erziehung derselben zu begnügen, die seinen, Stande an 
gemessen ..gewesen wäre. Er brachte die größten Opfer, inich 
eine höhere Töchterschule von der letzten bis zur ersten Klaffe 
besuchen zu lassen und mich so mit einer Fülle von Kenntnissen 
auszustatten, von der ich wahrscheinlich niemals einen rechten 
Nutzen ziehen werde. Denn das Geschäft geht schlecht, und
        
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