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Periodical volume 15. Dezember 1888 Nr, 11

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Unter Mitwirkung 
Dr. R. Leringuier, L. Budczies, Theodor Kontone, Stadtrath L. Kriedel, 
Gymnastaldirckior Dr. w. schwartz, Pastor Gscar Schwebe! und Lrnst von Wildenbruch 
XV. 
Jahrgang. 
I1r.ll. 
herausgegeben von 
K. Kchon's Merkagsönchljaudlung, Hlerkin. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Post- 
anstalten für 2 Ulst. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. — Im Postzcitungs-Latalog eingetragen unter Nr. 683a. 
! 15. Dezember 
! 1888. 
Im Obstkahn. 
Novcllette von Emil Taubcrt. 
Der erste Schnee war gefallen. Die Gymnasiasten, welche 
das stattliche Unterrichtsgebällde nach den Nachmittagsstunden 
verließen, jubelten bei dein Anblick der Weißen Dächer, der 
weißen. Pflastersteine, und ein behagliches Vorgefühl wonniger 
Weihnachtsferien erwärmte die jugendlichen Seelen. 
Auch der Doktor Walter, seit einem Jahre wohlbestallter 
Ordinarius der Sexta, trat aus dein düsteren Thoriveg imb 
konnte sich des zärtlichen Ungestüms seiner kleinen Schüler 
kaum crivehren, die sich um ihn drängten und in fast eifer 
süchtigem Wetteifer seine Hände zum Abschied zu erfassen 
suchten. Nachdem er endlich die liebenswürdige Ziidringlichkcit 
seiner Zöglinge befriedigt und seinen Liebling, den schmächtigen, 
bleich,vangigen Primus der Klasse, mit Mühe von sich abge- 
schüttelt hatte, bog der junge Gelehrte, die Hände auf dem 
Nucken, in eine Seitenstraße ein, uni sich nach der Schwüle 
der Schulstubenlust auf einem Spaziergange an dem frischen 
Winterodenl zu erquicken. 
Der Doktor galt bei seinen Amtsgcnossen für einen 
grillenhaften Sonderling. Er schien unnahbar und wich jedem 
Entgegenkommen, jeder Einladung unter den seltsamsten Vor- 
wänden aus. Ein um so wärmeres Herz zeigte er für seine 
Sextaner, die er seit der ersten lateinischen Lehrstunde für sich 
begeistert hatte. Wenn er auf dein Katheder, stand und mit 
seinen großen blauen Augen, aus denen Wohlwollen und Güte 
leuchteten, die vierzig ihm anvertrauten Knaben musterte, da 
>var cs mäuschenstill in dein Schulzimmer, und die andächtigen 
Klicke seiner Schüler hingen wie gebannt an seinen Lippen. 
Nutzte doch die muntere Schaar, welcher Lohn ihrer nach treu 
bewiesenem Aufmerken harrte! Nachdem auf das fleißigste j 
Deklination und Konjugation geübt, ein inhaltreicher Satz des 
Lehrbuchs nach Form und Sinn völlig zum Eigenthum der j 
lernenden gemacht worden war, brach der Herr Ordinarilis 
üb, schwieg eine Weile, sah steundlich von Gesicht zu Gesicht, 
ohne einen der Kiiiderköpfe zu vergessen, und eizählte alsbald 
eine kleine Geschichte, ein sinniges, selbsterfundenes Märlein 
oder gab eine, dein Kindergemüth angepaßte Schilderung von 
stemden Ländern und Völkern. Niir zu früh tönte den Hörern 
die Schulglocke, und am Abend berichteten die dankbaren 
Kleinen ihren Eltern und Geschwistern in ihrem unbehülflichen 
Deutsch, was sie von dem geliebten Lehrer erfahren hatten. 
Das Schneegestöber nahm von Minute zu Almute zu, 
die Straßenlaternen wurden angezündet, und die Flocken tanzten 
ivie Wintermücken uin die flackernden Flainnien iin Glashause. 
Walter war bereits eine Stunde durch die Stadt gewandert, 
ohne sich um das Getriebe um ihn her, um den Glanz der 
Schaufenster zu bekümmern. Ein Druck lastete auf seinem 
Herzen: das beklemmende Gefühl seiner völligen Vereinsamung. 
Seine Eltern hatte er als Gymnasiast verloren; ein Oheim, 
der Bruder seiner Mutter, ein grämlicher, menschenscheuer 
Hagestolz, nahm ihn in sein Haus, überwachte mit ängstlicher 
Strenge seine philologischen Studien, schloß ihn von jeden: 
kameradschaftlichen Umgang aus, verkümmerte ihm selbstsüchtig 
jede harmlose Lebensfreude und hielt ihn so an die häusliche 
Scholle gefesselt, daß er sich mehr und mehr gewöhnte, im 
ausschließlichen Verkehr mit seinen Büchern den willkommensten 
Ersatz für die ihm versagte Jugendlust zu suchen und zu 
finden. 
Nun hatte der Doktor vor wenigen Wochen auch dem 
Oheim das letzte Geleit gegeben. Er hatte den kopfhängerischen 
einsilbigen Vormund nie geliebt; aber derselbe war ihm doch 
der Mittelpunkt seiner arbeitsamen Tage geivesen, der Förderer 
seiner Studien, der sich über jeden Erfolg, über jede trefflich 
bestandene Prüfung seines Neffen mit würdevollem Stolze 
freute, und er dachte an ihn zurück ivie an einen Reisegesell 
schafter, der uns durch sein abstoßendes Wesen lästig fällt, 
und den wir doch nicht gern entbehren mögen, weil er uns
        
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