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Periodical volume 8. Dezember 1888 Nr, 10

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Kleinen im Sande zuzuschallen. Aber auch das war vorbei. > 
Nur noch einen Gang sollte er thun, das war, als man ihn : 
für immer hinaustrug aus diesenl Hause. Eines Tages ging's 
zum Sterben. Und als er eingesargt dalag, ein müder, still 
gewordener Wanderer, da meinte die Alte, es müsse ihr das 
Herz brechen. Aber sie hielt es doch aus. Am dritten Tag 
Nachmittags schloß sie ihr Völkermuseum zu, ihren Lebensge 
fährten zum Thore hinaus zu geleiten. Einsam rlimpelte der 
schwarze Kasten dlirch die aufhorchende Gasse und wandte sich 
dann auf einer volksbelebten Straße durch die Vorstadt zum 
Gottesacker. Vorbeirasselnde Pferdebahnen gaben das Todten- 
geläutc ab. Kein Wagen folgte. Nur vier gleichgiltige Träger 
bummelten nebenher. Die Wittwe, von zwei Nachbarinnen 
begleitet, schritt auf dem Trottoir zur Seite des Wagens, ohne 
auch nur einmal aufzublicken. Still blieb sie auch, als man 
den Sarg hinabgesenkt hatte; nilr die Nachbarinnen weinten. 
Als aber der Todteugräbcr nach wiederholtem Klappern mit 
der Blechbüchse ernstlich um ein Weggeld für den Todten bat, 
als schließlich die Bitte immer drohendere Formen annahm, 
daß die schweigsame Greisin das Fünfgroschenstück über allen 
Schmerz vergessen hatte, da griff die alte Frau in die Tasche, 
zog das einzige Markstück, das sie darin trug, heraus und 
reichte es dem Gräber, indem sie ihn mit großen Augen, 
tonlos, starr ansah. — Auch am Abend blieb der Laden 
geschloffen. Nichts regte sich in der Wohnung, trotzdem die 
Hofnachbarin ein paar Mal leise geklopft hatte. In dem 
Lehnstuhl am Fenster, in dem der nun todte Mann seit Jahren 
sich ausruhte, saß die Frau, das durchfurchte Antlitz in die 
dürren Hände vergraben, und schluchzte bitterlich. 
Am andern Morgen lachten die Masken des Schaufensters 
wieder mit groteskem Humor über die schmale Gasse. Am 
ersten Fenster saß wie immer die Greisin mit jetzt schwarzen: 
Häubchen lind flickte die bunten Lappen zum tollen Possenspiel 
der Menschheit zusammen. Gegenüber stand der leere Lehnstuhl. 
Sie haderte nicht mehr mit dem Schicksal. Aber seit dieser 
Nacht war es doch in ihrem Innern, als sei eine Saite ge 
sprungen. Wenn sie in den Laden trat unter ihre ausgeputzten 
Menschenbilder, da wehte es ihr wie Moder und Vergänglichkeit 
entgegen; das Grinsen der rings aufgestellten Larven aus allen 
Winkeln und Fächern erschreckte sie und zusammenschauernd 
floh sie wieder hinein in das einsame Stübchen. Ihr Stern 
war verblichen, das fühlte sie. Fortan vermochte nichts mehr 
die bleierne Schwere, welche sich über all' ihr Fühlen und 
Denken gelegt hatte, zu heben. Sie hatte aufgehört zu hoffen. 
Eine stille Gleichgiltigkeit war über sie gekommen. Jahre 
vergingen. 
Eines Morgen kamen Zimmerleute uud kletterten auf den 
gegenüberliegenden Pferdestall, hoben das Dach ab, rissen die 
Balken herunter und schlugen das Mauerwerk ein. Und ehe 
ein Jahr verfloß, ragte an derselben Stelle ein sechsstöckiger 
Micthsbau empor, dicht besetzt vom Keller bis zum Boden 
mit emsig schaffenden Kämpfern um das bischen Dasein in einer 
Millionenstadt. Amoretten und Guirlanden von Stuck waren 
wie Schönpflästerchen auf die Fa^ade renommistisch aufgeklebt. 
Eine Treppe hoch schaute mit ausrasirtem Kinn der jetzige 
Hauswirth und frühere Bierkutscher mit halber Leibeslänge, 
hemdsärmelig, aus dem Fenster, und aus der Destillation im 
Erdgeschoß flog an jedein Sonnabend Abend ein guter Bruch- 
theil der Besucher unter schallenden Komplimenten zur Thür 
hinaus. Flögen doch noch die surrenden Schmeißfliegen um 
den Pferdestall und meine Fenster! dachte die Greisin. Aber 
sie wunderte sich nicht mehr. 
Sie wunderte sich auch nicht, als eines Nachmittags ein 
Rennen und Drängen zur Jnselbrttcke beginnt, als aus hundert 
Kinderkehlen immer lauter der Ruf durch die Gaffe schallt: 
„Sie kommen! Sie kommen!" und über die zum Himmel 
riechenden Fluthen des alten Festungsgrabens ein Argonauten 
zug mit Rudern und Stangen heranschwimmt, Kahn an Kahn, 
und in jedem Fahrzeug ein halbes Dutzend ernsthaft aus 
sehender Männer, die sich krampfhaft die Nase zuhalten und 
mit inbrünstigem Danke das Licht der Sonne begrüßen, das 
sie während ihrer unterirdischen Fahrt durch Berlins Straßen 
und Plätze so schmerzlich vermissen mußten. Unter der Brücke 
hindurch zieht der Geschichtsverein Berlins, bis das letzte Boot 
wieder jenseit am Ausgang zur Spree verschwindet. 
Wieder vergehen Wochen. Dann schwirrt es durch die 
Zeitungen und die Umgegend des alten Grabens, daß seine 
Tage gezählt seien und daß jene Gondelfahrt des Vereins nur 
eine Abschiedsbesuch, ein Condolenzbcsuch gewesen war. Auch 
die Greisin hat es vernommen.' Den Graben verschwinden 
lassen? Wie ist dies möglich? Und es wird möglich ge 
macht. Das alte Berlin versinkt, der Odem einer neuen Zeit 
weht immer mächtiger, immer lösender über dies Gewirr von 
Baracken, Ställen, verfallenen, baufälligen Wohnstätten einer 
längst begrabenen Periode. Hört die Alte dort im Lehnstuhl 
nicht sein Wehen? 
Lange Reihen von Wagen, hoch mit Schutt und Erde 
beladen, rollen jetzt täglich an ihrem Fenster vorüber, auf die 
Brücke, von wo ihr Inhalt hinab in die aufspritzenden, schlam 
migen Fluthen des Grabens kollert. Und eines Tages ist auch 
dieses Wunder vollbracht; ein langer Erdarin schlingt sich jetzt 
um die Hinterhäuser und Gartenanlagen, den Straßenjungen 
ein willkommenes Schlachtfeld für ihre kriegerischen Aktionen. 
Der Graben verschwunden, der Pferdestall dahin, es giebt kein 
Zaudern mehr, diesen alten Stadtthcil gänzlich von der Bild- 
fläche verschwinden zu lassen. So sinkt eine Ruine nach der 
andern, schonungslos von der Bauwuth spekulirender Unter 
nehmer niedergerissen. Palast an Palast reiht sich; immer 
glänzender, innner herrlicher entfaltet die einst so abseit gelegene, 
verkümmerte Gaffe ihr neues Gewand. Nur ein altes Bau 
werk steht noch innner, und wie seit Jahrzehnten grinsen 
noch heute schmutzige Larven aus dem schlichten Schaufenster 
auf die Straße, flimmert es von böhmischen Steinen, Rausch 
gold und Messingblech in demselben. Das ehrwürdige Haus 
wird bestehen, bis man die lebensmüde Greisin zur letzten 
Ruhestatt hinausgeleitet. Allzu lange kann es ja ohnehin nicht 
mehr währen. Das hofft sie - und sieht mit Demuth und 
Geduld dieser Abschiedsstunde entgegen. 
Eines Abends ist ein hübscher, blühender Bursche in ihren 
Laden getreten und hat sich mit funkelnden Augen und über 
müthigem Lachen den Anzug eines Pierrot ausgewählt. Es 
klang Alles so frisch, was er da scherzend hinaussprudelte von 
Liebe, von Treue und seinem herzliebsten Schatz. Und die 
.Alte hat chm für ein Billiges den besten Anzug aus dein 
Schrank geholt und ihm noch heiinlich ihren Segen mit auf 
den Weg gegeben. Am ander,: Morgen ward eine bunt 
gekleidete Hanswurstmaske an den: Uferpfeiler der Schillings 
brücke angeschwemmt. Als nach ein paar Tagen die Polizei
        
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