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Volume 8. Dezember 1888 Nr, 10

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue15.1889 (Public Domain)

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kam mich dieser Gedanke. Und doch war dies alles ein Besitz, 
von dem Leben, Unterhalt und Glück zweier Menschen abhing. 
Glück? Wohnte hier das Glück mit seinem stillen Segen der 
Zufriedenheit? Fast schien es so. 
Zwei niedrig gelegene Fenster grenzten rechts an das 
Schaufenster, zu dessen Laden man von: Hausflur eintrat, zwei 
Fenster, mit altersschwachen, dünnen, weißen Gardinen halb 
verhangen, und in jedem Fenster ein altes, freundliches Menschen 
angesicht. Dort in dem geflochtenen, hohen Korbstuhl saß, 
warm verpackt in Decken, ein verschossenes Sammtkäppchen auf 
dein Silberscheitel, ein Greis, die müden Augen auf das vor 
überziehende Leben der Straße gewandt oder wohl auch auf 
das von einer sauberen Haube umrahmte gütige Antlitz der 
alten Frau gerichtet, welche da am anderen Fenster vom 
Morgen bis zum Abend schnitt und stichelte, eine bunte Narren 
welt zu kleiden, deren Leben und Tollheiten an ihr selbst nie 
vorübergerauscht waren. So saß sie Winter und Sommer, 
wenn nicht ein Kunde sie in dem anstoßenden Raritätenladeu 
in Anspruch nahm. Wie oft blieb ich des Abends wohl ein 
paar Minuten am Fenster draußen stehen, um ihr zuzuschauen, 
wie sie beim Scheine einer Petroleumlampe, eine Brille auf 
der Nase, unverdrossen Scheere und Nadel handhabte oder dem 
kränkelnden Genossen ihres Lebens die Kissen zurechtrückte. An 
ihm hing noch immer ihre Lebensfreude, nicht an dem kleinen, 
sie nur kümmerlich nährenden Geschäft. So lange noch sein 
Athem mit dem ihren diesen schlichten Raum theilte, war sie 
ihres Daseins froh. Nur vor der Einsamkeit bangte ihr. Kein 
Kinderari» hatte jemals sich um ihren Hals gelegt. Ein stilles, 
langes Leben lag hinter ihr. Als der Kanarienvogel vor drei 
Monaten sic beide im Sterben überholte, trug sie das leere 
Bauer nassen Blickes auf den Boden. Ihr Flittcrkram nebenan 
warf nicht mehr die Summe für die Anschaffung eines neuen 
Pfleglings ab. 
Ja, es ging ärmlich her in diesem kleinen Heim. Wohl 
grünten und blühten sommerlang zwei vollbuschige Geranium 
stöcke in ihren Fenstern. Vielleicht aber waren es nur die 
heimlichen Thränen, welche zuweilen aus den alten Augen der 
Frau herniedcrtrvpften und sich, sie zu trösten, in Blumen 
wandelten. So oft die Ladenklingel erscholl, flog ein leises 
Lächeln über ihr Gesicht, ein Sonnenstrahl der Hoffnung. Und 
war dann die dienende Jungfrau oder der Barbiergehilfe, das 
geheimuißvolle Bündel prachtschinnnernder Gewänder unter dem 
einen, das verrostete Ritterschwert unter dem anderen Arm, 
selig hinausgewaukt, so schritt die Alte, die wenigen Silberlinge 
in der flachen Hand frohsinnig betrachtend, herein und streichelte 
liebkosend den Greis, bevor sic wieder zur Nadel griff. Wär's 
doch immer Winter gewesen! Sv aber vergingen oft während 
des Sommers Wochen, ehe einmal die Klingel sich in Be- 
wegung setzte, und während draußen Alles grünte und blühte, 
sah es hier drinnen im Laden aus wie in Dornröschens 
Schloß. Die Königskronen und Papprüstungen, all die Kutten, 
phantastischen Röcke, Schnürhosen, Trikots und buntbemalten 
Larven träumten. Eine wahre Schlaffucht war hereingebrochen. 
'Nur manchmal rauschte das Flittergold etwas, und das klang 
dann noch unheimlicher durch die verwunschene Narrenwelt. 
Auch der Alte in seinem hohen Lehnstuhl am Fenster schlief 
jetzt mehr als je, und nicht ohne Bekümmerniß weilten die 
sorgenvollen Blicke der Genossin auf diesen eingefallenen, fahlen 
Zügen, che sic sich draußen vor der Thür auf den Stuhl 
niederließ, die einzige Erholung, welche sie sich an schönen, 
sonnigen Sommertagen zuweilen vergönnte. Da saß sie und 
stichelte eben so emsig als am Winterabend beim Scheine der 
Lampe. Wenn sie den Kopf hob, war es nur, um den Gruß 
einer vorüberschreitenden Nachbarin freundlich zu erwidern. 
Manchmal aber sank die Arbeit doch in den Schooß und dann 
schien es, als hinge die Greisin sinnend ihren Gedanken nach. 
In solchen Augenblicken flog es wie dunkle Schatten über ihr 
Gemüth, und sie dachte wieder an die Einsamkeit. Das war 
einmal, als drüben am Ende der Straße der Nachmittags 
unterricht im Gymnasium aus war und die frohe Knaben 
schaar gruppenweise an ihr vorüber zog. Wenn mir der 
Himmel doch auch einen Sohn geschenkt hätte! seufzte sic still 
für sich. Am Abend aber war der sehnende Gedanke wieder 
entflohen. Zwei Häuser weiter von ihrer Baracke, nur durch 
eine lustig häinmcrnde Hufschinicde getrennt, stand ein böses 
Haus. Im Keller befand sich ein Tanzlokal, im Erdgeschoß 
verschenkten drei bemalte Circen hinter verhangenen Fenstern 
Wein, Liebe und echte Biere, und auf dem Hofe versteckte sich 
der geheime Fechtboden einer studentischen Verbindung, wo man 
zugleich neben dem Mars auch dem Gambrinus und der Venus 
Opfer nach altein Brauche brachte. Vor diesem Hause hielt 
gegen Abend eine geschlossene Droschke und da hinein schleppte 
man aus dein vernifenen Hause erst einen blutüberströmten, 
nothdürftig verbundenen Bruder Studio, ein blutjunges 
Bürschchen, dem daun noch zwei total betrunkene Musensöhne 
nachtaumelten. Ein Dritter kollerte auf den Treppenstufen 
nieder und blieb liegen. Arme Eltern! seufzte da wieder die 
Alte lind ging hinein, stracks auf den schlummernden Gatte» 
zu, den sie leise auf die Stirn küßte. Ihren Wunsch hatte 
sie begraben. 
Die Stunden vor der Thür im Sommer bildeten aber 
doch Lichtpunkte in ihrem einförmigen Dasein. Gegenüber 
lag, bis zum Graben hingestreckt, ein langes Stallgebäude, mit 
strohverstopften Luken nach der Straße zu. Schön sah es nicht 
aus, auch schwärmten mehr als nöthig beleibte Schmeißfliegen 
hinüber und herüber, aber sie mochte es, länger als dreißig 
Jahre an seinen Anblick gewöhnt, nicht mehr missen. 
Auch der alte Graben mit seinem trüben, dickfluthigcn 
Gewäffer bot weder für Auge noch Nase besondere Vorzüge, 
stand man aber auf der schmalen Brücke, so öffnete sich doch 
zu beiden Seiten eiu freundliches Bild. Hinter dem Gymnasium 
dehnte sich ein lieblicher Park mit Hügel und Ruhebänken aus, 
das Eldorado nachbarlicher Kindermädchen und stellungsloser 
Handlungsbeflissener. Zur Linken aber, gegenüber den Loh 
gerbereien, zog sich der mauerumfriedete Garten einer Frci- 
maurerloge entlang, von uralten Baumriesen umschattet, mit 
traulichen Boskets, Sandsteingöttern und verschlungenen Wegen. 
Und wo der Garten mit einem scharfen Knick sich seitwärts 
wandte, ragte am anderen Ufer noch ein Rest der früheren 
Befestigring Berlins enrpor, ein Ziegelsteinthurm, der wie ein 
Wächter mit grüner Mooskappe verdrießlich auf die duftenden 
Ochsenhäute niederschaute. Bis hierher zur Brücke ging die 
Alte, weiter war sie seit langen Jahren kaum gekommen, indem 
eine Hofbewohnerin für die Anschaffung der nochwendigsten 
Lebensbedürfniffe täglich Sorge trug. Nrrr der Mann war 
bisher noch immer für ein paar Stunden an schöneir Tagen 
in den öffentlichen Park hinüber geschlichen, um sich in der 
Sonne auf einer Bank zu wärinen und den Spielen der
	        
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