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Periodical volume 8. Dezember 1888 Nr, 10

Full text: Der Bär Issue 15.1889

Unter Ukitwirkung 
Dr. R. Bcringuier, S. Ludczies, Theodor Soutane, Stadtrath L. Lriedcl, 
Gymnasialdirektor Dr. w. Schwarh, Pastor Gscar Schwebet und Ernst von wildenbrnch 
herausgegeben von 
K. Schon's Werkagsliuchhandkung, Wcrlin. 
XV. 
Iaöraana. 
Nr. 10. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Post- 8. Dezember 
anstalten für 2 Nllr. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. — Im postzeitungs-^atalog eingetragen unter Nr. 683«. 1888. 
Unter Ruinen. 
Von A. Trinins. 
Seitdem Berlin als deutsche Reichshauptstadt immer mehr 
sich ängstlich bestrebt zeigt, das alte, fadenscheinige Gewand 
ftüherer Jahrzehnte abzustreifen, seitdem das einstige Spreeathen 
immer herrlicher und prächtiger emporblüht, ein Stolz seiner 
Bewohner, ein Ziel der Bewunderung zahlloser herbeiströmender 
Deutscher aller Gauen, seitdeut verschwindet auch eine alte, 
ehrwürdige Stätte nach der anderen, interessant durch ihre 
Vergangenheit, theuer durch die Erinnerungen, mit welchen ihr 
Bild für immer mit unserem Herzen sich verknüpft hat. Jeder 
Tag reißt eine neue Lücke in die Stadt von ehedem. Uner 
bittlich pocht die schaffende Gegenwart auf ihr Recht. Ein 
erhebendes Gefühl, diese stolzen Palastzeilen mit ihren Sand- 
steinfagaden, Erkern, Balkönen, Thürmchen, Säulen und 
seufzenden Atlanten über den Eingangspforten auf und nieder 
zu wandeln; sie besitzen Alles, uns die wachsende Größe und 
Bedeutung unserer Hauptstadt vor Augen zu führen, nur 
eins können sie uns nicht geben: sie haben keine Geschichte. 
Wir staunen und bewundern, aber das Herz bleibt kalt. — 
Wie anders jene traulichen Winkel, jene stilleil Gassen 
und bescheidenen, verwohnten, niedrigen Häuser, deren Dasein, 
wenn ihnen nicht schon das Lebenslicht ausgeblasen wurde, 
mit jedem Tage mehr bedroht scheint. Sie waren nicht immer 
schön, aber sie konnten doch reden. Ehrwürdige Gesichter, aus 
-cren Furchen lind Falten ein Jeder, der das Sehen noch nicht 
verlernt, eine lange Lebensgeschichte, beschalilich oder buntbewegt, 
beiter oder tief ergreffend, sich entziffern koiliitc. Es waren oft 
uur noch Rilinen, welche der sich täglich iinincr enger um sie 
schnürende Steingürtel gewaltiger, himinclanstrebender Palast- 
bauten uild Miethskasernen zu ersticken drohte, aber sie straften 
doch ihr Aussehen Lügen und hielten wacker Stand, so fest, 
wie die Treue und Anhänglichkeit ihrer dariil grau gewordeneil 
Bewohner, bis, gleich der Trompete von Jericho, das Macht 
wort eines Ballunternehmers die Ruinen in Steinhaufen ver- 
waildelte, auf deren Stätte bald ein Riesenbali emporwucherte. 
Eine solche Ruine steht mir noch immer vor Augen, und ilicht 
ohne Rührung gedenke ich der entschwundenen Stätte und 
ihrer greisen, davongezogenen Bewohnerin. 
Nicht allzu weit ab der alten City Berlins, über die 
Fischerbrücke lind den Spreearm bei Neu-Kölln ain Wasser 
fort, stand liahe dem ehemaligen Festungsgraben ein niederes, 
linscheinbares Haus, grau und vcrwettert, mit Moos an den 
Dachziegeln und ausgetreteilen Steiilstufen vor der Thür. Es 
sah nicht schlechter und nicht besser als seine Nachbarn aus, 
dennoch bildete es einen Brennpunkt und Sammelplatz der 
neugierigen Kinder der Straße, lvelche gar oft mit lang aus 
gereckten Hälschen, flüsterild und auf den Fußspitzen trippelnd, 
durch die blanke Glasscheibe eines Ladenfensters schauten, dessen 
armseliger Inhalt, eine Satire in dieser Umgebung, eben nur 
Kinderherzen mit Verlangen und Bewunderung erfüllen konnte. 
Vom Regen halb verwaschen, prangte über denl Fenster die 
Mauer-Inschrift „Masken-Garderoben-Handlung", noch ver 
waschener aber in Farben und Formen, elendes Flickiverk, alis 
Lumpen, Goldpapier, Werg, Pappe lind zahllosen anderen 
werthlosen und unbeschreiblichen Bestandtheileil zusammengesetzt, 
in der Benutzung auch des Unscheinbarsten, in dieser liebendeil 
Sorgfalt und Mühe, ebenso rührend als achtunggebietend, so 
zeigte sich der Inhalt dieses sonderbaren Schauladens den 
Vorüberziehenden, von denen die Meisten wohl nur mit Gleich 
giltigkeit oder Geringschätzung zufällig einen flüchtigen Blick 
darüber hin gleiten ließen. 
Ein glimmendes Schivefelholz konnte diese bunte Welt, 
diese melancholische Schatzkammer für Könige, Indianerhäupt 
linge, Edeldamen, Harlekins, Griechen, Schornsteinfeger, 
Zigeuner, Bestien aller Art, Leichenbitter, Kesselflicker, Mönche 
und andere beschauliche Bürger dieser Erdenwclt, in wenigen 
Augenblicken in Asche legen. So oft ich vorüberschritt, über-
        
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