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Periodical volume 1. Dezember 1888 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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ziehungen zur Stadt Berlin, um mit ihrer Hülfe die Fremden 
aus dein Lande zu treiben. In Berlin aber lebt sein jüngerer 
Bruder Konrad, der auf der Doinschule feine Erziehung 
erhalten hat, ein schwärmerischer Jüngling voll glühender 
Vaterlandsliebe und innigem Erbarmen mit dem namenlosen 
Leid der Bedrückten, das ihm die nach Berlin geflüchteten zer- 
lumpten und halbverhungerten Bewohner von Straußberg ein 
dringlich predigen: er führt die Berliner dem Bruder zu, in 
welchem er den Retter des Vaterlandes begrüßt. Allein das 
unnatürliche Bündniß der Bürgerschaft mit Dietrich Quitzow 
hat nicht lange Bestand. Während des Banketts, das die Stadt 
Berlin ihm zu Ehren veranstaltet, erscheint, nachdem zuerst der 
Tod Jobsts von Mähren gemeldet worden, ein Abgesandter 
des neuen Statthalters, Friedrichs von Hohenzollern, Burg 
grafen von Nürnberg, welcher den Adel und die Städte zur 
Huldigung nach Brandenburg entbietet. Dietrich als Sprecher 
der schloßgesessenen Herren und der Stadt Berlin weigert im 
Namen beider den Gehorsam: die Mark solle frei bleiben; er 
werde nach Bran 
denburg kommen, 
aber der Burggraf 
möge sich davor 
hüten, ihn zu er- 
warten. Und er 
schwört auf den 
Kreuzgriff seines 
Schwerts, daß er 
ihn niemals als 
seinen Herrn an 
erkennen werde. 
Konrad folgt ohne 
Besinnen seinem 
Beispiele. Die Edlen 
berathen noch, die 
Bürgermeister von 
Berlin sind schon 
bereit den Eid zu 
leisten, als Thomas 
Wins, der Bürger 
meister des zerstör- 
tenStraußberg, der 
als Gast in Berlins Mauern weilt, dazwischen tritt und warnend 
'eine Stimme gegen die Gemeinschaft mit dem Wolf, dem Unter 
drücker erhebt. Dietrich in Hellem Zorn über bett Widerspenstigen 
heißt seilte Knechte ihn binden und in den Thurin von Burg 
Friesack werfen: dieser Rechtsbruch aber sprengt den Bund 
zwischen ihm und den Berlitter Bürgern, die sich freilich vor 
läufig mit einem ohnmächtigen Protest begnügen tnüffen. Und 
derselbe Gewaltstreich führt zum initeren Bruche der beiden 
Brüder; Frau und Tochter des eingekerkerten Thomas Wins 
kommen auf Burg Friesack, um seine Befreiung auszuwirken; 
Konrad nimtnt sich ihrer Sache an und sucht mit bewegten 
Worten den Bruder zu gewinnen, der aber starr und hart 
"leibt wie ein Fels, an dem die Brandung des Meeres zerschellt; 
" offenbart seine innerste Seele, seinen grenzenlosen Egoistnus, 
und öffnet damit dem Bruder die Augen, der sich nun voll 
Abscheu von ihm abkehrt. Koitrad geleitet die Frauen nach 
Brandenburg zum Hohenzollern, den er selbst, seinem Eidschwur 
getreu, fliehen muß; Friedrich nimmt sie in feinen Schutz; und 
Die neue Markthalle auf dem Magdeburger platz. 
als sich die Schloßgesessenen und die Abordnungen der^ Städte 
versammelt haben, weiß er sie durch sein würdevolles Auf- 
treteit und seine edlen Versprechungen für sich ztt gewinnen und 
schließlich auch das Widerstreben der Berliner zu überwinden, 
indeut er sie fragt, was sie für die Angehörigen des gefangetten 
Thomas Wins gethan, und, wie sie beschämt schweigen, die 
Frauen aus seinem Zelte treten läßt. Alle huldigen ihm so 
in begeistertem Vertrauen. Wohl erscheint Dietrich Quitzow und 
stößt ingrimmige Drohungen gegen deit Eindringling aus, Friedrich 
aber verhängt als Antwort die Acht über ihn, und nur Koitrad 
vermag den Vogelfreien vor der Wuth der Menge ztl erretten. 
Entschlossen sucht dcrMarkgraf den Räuber in feiner eigenen Höhle; 
er zieht mit seinen getreuen Brandenburgern vor das feste Schloß 
Friesack, das er einschließt. Dietrich muß einsehen, daß er sich 
nicht halten kann, zumal die kolossale Thüringische Donner 
büchse die Blattern zerschlägt. Da naht iin letzten Augenblick 
Hülfe: Barbara von Bug, die natürliche Tochter des Polen- 
königs Jagello, die sich ihm in freier Liebe ergeben, bringt ihm 
die Kunde, daß die 
Pommernherzöge 
tvieder ins Land 
gefallen, daß ihr 
Vater ihm zehn 
tausend Polensende, 
daß alle Schaaren 
ihn zuin Führer 
heischen. In wil 
der Freude trifft 
Dietrich Anordnun 
gen zum nächtlicheit 
Ausfall, um durch 
die Belagerer durch 
zubrechen; doch 
Konrad vertritt ihm 
den Weg, dein Va- 
terlandsverräther, 
dem „Jagello- 
knecht"; Dietrich 
zückt zuerst das 
Schwert auf den 
Bruder, der aber 
streckt ihn mit einent wuchtigen Streiche zu Bodeit. Dann 
spricht er sich selbst sein Todesurtheil, das der alte Bannerträger 
der Quitzows, Dietrich Schwalbe, vollstreckt; aber er athmet 
noch so lange, um Friedrichs siegreichen Einzug in die Burg 
begrüßeit zu können und in seinen Armen zu sterben. 
Die Figur Dietrichs von Quitzow, die im Mittelpunkt 
des Interesses steht, ist deut Dichter ganz vorzüglich gelungen. 
Aus seinen Hattdlungen wie aus seinen Worten spricht überaus 
charakteristisch die Selbstsucht, die zügellose Willkür seines 
Standes; für ihn giebt es kein Recht und kein Gesetz als 
seinen Willen; er kann nur leben in der Freiheit, aber unter 
dieser Freiheit versteht er die uttutnschränkte Macht, seinen 
Willen durchzusetzen. Er ist zu stolz, um die Hand einer Königs 
tochter ztt erbitten, zu stolz, um nach der Würde des Mark- 
grafen zu trachten; er will, nichts sein als er selbst, der Dietrich 
Quitzow. Ihm hat der Dichter auch ein paar historisch über 
lieferte Wendungen von dem „Nürnberger Spielzeug, das inan 
in der Mark nicht brauche," und von dem Entschluß, Wider-
        
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