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Periodical volume 1. Dezember 1888 Nr, 9

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Ernst von Wildcnlirnchs vatcrlöndischrs Schauspiel 
„Die Guihows". 
Von Paul Burger. 
Die deutsche dramatische Produktion gewährt seit langen 
Jahren im Großen und Ganzen ein Bild trauriger Zerfahren 
heit und Schwächlichkeit. Während aus der einen Seite Jahr 
für Jahr eine stattliche Anzahl sogenannter Buchdramen im 
Druck erscheint, die aber kaum eineil größer» Leserkreis als 
etwa ben Verleger und ein paar Recensenten gewinnen, fristen 
andrerseits auf unserer Bühne Stücke ohne innern Werth ein 
kurzlebiges Schattendasein, welches sie einer geschickten thea 
tralischen Mache, einer mit derben Effecten arbeitenden Technik 
verdanken. Von der Ausbildung einer festen dramatischen 
Tradition scheinen lvir heut weiter als je entfernt zu sein. 
Unter den weniger bedeutenderen Gestalten, welche aus 
der Menge emportauchen, nimmt Ernst von Wildenbruch einen 
der hervorragendsten Plätze ein, den er sich durch ernstes Streben 
und schöne Erfolge wohl verdient hat. Seine dramatische 
Dichtung stand bisher unter dem Zeichen der idealistisch-rhe 
torischen Kunstübung Schillers. Mit seinem neuesten Werke, 
den Quitzows, die am 9. November zum ersten Male über die 
Bühne des Königlichen Opernhauses gingen und von der Zu 
schauerschaft mit wärmster Theilnahme und lebhaftem Beifall 
aufgenommen wurden, betritt er neue Bahnen, auf denen auch 
ein kräftiger Realismus gedeiht, auf denen ihm der Stern 
Shakespeares voranleuchtct. Wir begrüßen seinen Versuch 
freudig als einen tüchtigen Schritt vorwärts, um so mehr als 
wir darin Keime finden, deren gesunde Entwickelung für die 
deutsche Bühne von den segensreichsten Folgen sein könnte. — 
Wildenbruch läßt die Quitzows auf dem Theaterzettel 
als vaterländisches Schauspiel ankündigen; er bekennt damit 
offen, daß er sich nicht nur an das ästhetische Gefühl eines 
beliebigen Publikums wenden, sondern vielmehr auf ganz be 
stimmte Scclcnkräste eines ganz bestimmten Publikums wirken 
will. Ein andrer märkischer Dichter, Heinrich von Kleist, hat 
dereinst, in seiner Herrmannsschlacht, ein grandioses Pamphlet 
wider die Napoleonische Zwingherrschaft, einen zornglühenden 
Mahnruf, das ftcmde Joch zu zerbrechen, an die deutsche 
Nation gerichtet. Wildenbruch kann heut friedlichere Zwecke 
verfolgen; er weckt nicht den Haß, er appcllirt an die Liebe, 
an die Liebe zur Heimath, zum Vaterlande, zum Herrscherhause, 
das durch eine jahrhundertelange Geschichte mit den Geschicken 
von Heimath und Vaterland innig verwachsen ist. Er hat sein 
Stück für den Preußen, spezieller für den Bewohner der Mark 
Brandenburg, vielleicht sogar zunächst für den Berliner geschrieben; 
und so wird mancher einzelne Zug wohl mir in Berlin seine 
volle Wirkung thun können. Allein die Scenen brandenburgischcr 
Geschichte und Berlinischen Volkslebens, die er vor unsern Augen 
auftollt, werden in jedem vaterländischen Herzen ein Echo finden; 
und die Sprache, welche er redet, darf darauf rechnen, in 
allen Schichten der gesammten deutschen Nation verstanden 
zu werden. 
Es ist einleuchtend, wie es auch von der Kritik cininüthig 
anerkannt lvorden, daß Wildenbruch in der Wahl seines Stoffes 
einen äußerst glücklichen Griff gethan hat; denn er bietet ihm 
sowohl nach der patriotischen wie nach der poetischen Seite 
hin die reichste Ausbeute. Er führt uns an die Wende zweier 
Epochen der politischen und kulturellen Geschichte Brandenburgs. 
Die Besitzergreifung der Mark durch die Hohenzollern bedeutet 
für dieselbe den Beginn einer fast stetig aufsteigenden bewun 
derungswürdigen Entwickelung zu Macht und Ruhm, Wohlstand 
und geistiger Bildung; sie bedeutet gleichzeitig den Sieg der 
staatlichen Ordnung über die Anarchie, des Rechts über die 
Macht. Während Jobst von Mähren als kaiserlicher Statthalter 
die Markgrafschaft von Brandenburg verwaltete, sah es sehr 
traurig aus in der Mark; Jobst saß in Prag und pflegte 
seinen Bauch, und seine Regierungshandlungen bestanden in der 
Hauptsache darin, daß er von dem ausgesogenen Lande Geld und 
immer wieder Geld erpreßte, und wenn die übergroße Noth zu ihm 
um Hülfe schrie, unfähige Feldhauptleute entsandte. Inzwischen 
war das Raubritterwesen bis zu einer erschreckenden Höhe ange- 
dichen; die verwilderten Nachfahren jener glänzenden Gestalten 
des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, welche freilich auch 
dann noch, wenn ihnen der Lieder süßer Mund verliehen war, 
in Schildesamt und Waffenhandwerk ihre höchste Ehre erblickt 
hatten, unter ihnen voran die trotzigen Geschlechter derer von 
Rochow und von Quitzow, dünkten sich die unumschränkten Herren 
der Mark; sie kannten nur ein Recht, das Recht der Fehde, 
das heißt das Recht des Stärkeren; sie zogen mit ihren Kriegs 
haufen von Raub zu Raub, von Blutbad zu Blutbad, und 
an ihre Fersen hefteten sich Verwüstung und Jammer; gierige 
Nachbarn, wie die Poinmerschen Herzög^ benützten die gute 
Gelegenheit, um im Trüben zu fischen; Städte und Dörfer 
wurden geplündert und in Brand gesteckt, die Menschen todt- 
geschlagen oder ins Elend gejagt; es gab keine Sicherheit mehr 
für Eigenthum und Leben. Unter solchen Verhältniffen war 
es für Friedrich von Hohenzollern keine leichte Aufgabe, seiner 
Herrschaft Anerkennung und Gehorsam zu erzwingen; und selbst 
seiner Energie und staatsmännischen Klugheit gelang es erst 
nach Jahren unausgesetzter Kämpfe und politischer Unterhand- 
lungen den Widerstand der übermüthigen Gesellen vollständig 
zu brechen und Ruhe und Ordnung endgültig im Lande her 
zustellen. 
Hier haben wir den Zufammenprall zweier gewaltigen 
Gegensätze, die sozusagen von selbst nach dramatischer Gestaltung 
drängen. So ist auch bereits in den 40 er Jahren ein Schau 
spiel „Die Quitzows", das den verstorbenen Geheimen Hoftath 
Louis Schneider zum Verfasser hat, sieben Mal am König 
lichen Hoftheater gegeben worden, und einige Scenen daraus 
sind noch später einmal bei einem Stiftungsfeste des Vereins 
für die Geschichte Berlins zur Aufführung gelangt; (vr. Beringuier 
spielte darin den Dietrich Quitzow); das Stück ist jedoch niemals 
im Druck erschienen und gänzlich in Vergessenheit gerathen. Der 
rohe Stoff, so vortreffliche Elemente auch in ihm schlummern, be 
durfte eben noch der Bearbeitung; und es gehörte eine dichterische 
Schöpfungskraft dazu, aus dem Wirrwarr von Thatsachen, 
den die Geschichte überliefert hat, eine Handlung herauszu 
schälen, welche den inneren Gehalt jener Kämpfe symbolisch 
zuni Ausdruck bringt. 
Dietrich von Quitzow, der Burgherr von Friesack ist 
es, den Wildenbruch als Repräsentanten des gewaltthätigen 
Adels hinstellt. Er hat soeben in Gemeinschaft mit den 
Herzögen Kasimir und Otto von Pommern-Stettin die Stadt 
Straußberg erobert und verheert; allein er kann sich mit 
seinen Bundesgenoffen nicht vertragen, die ihn nur wider 
willig als ihres Gleichen gelten lassen und die er iin Grunde 
seines Herzens verachtet; er sagt ihnen ab und sucht Be-
        
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