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Periodical volume 6. October 1888 Nr, 1

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Stadttheil, der mit seinem Kleinen Thiergarten und dem daran 
erwachsenden Kleinen Geheimrathsviertel dem alten Geheimraths 
viertel am großen Thiergarten ebenbürtig nachzustreben beginnt, 
ist dies Relikt der Refugis-Kolonisten zu suchen. Allerdings 
nimmt es sich in einer Gegend besonders seltsam aus, deren bau 
licher Aufschwung die Aufmerksamkeit der heimischen lind fremden 
Architekten mit Erstaunen auf sich zieht, in einer Gegend, welche 
so mit Garten- und Parkanlagen besät ist, daß man sie das 
Parkviertel Berlins nennen kann, in einer Gegend, welche durch 
den Ausstellungspark einer der Hauptanziehungspunkte Berlins 
geworden ist und die man fiskalischcrscits in dem letzten Jahr 
zehnt geradezu mit öffentlichen Instituten überschüttet hat. 
Passirt man die Hauptader des Nordthcils, die Straße 
Alt-Moabit, welche an Länge hinter der Friedrichsstraße nur 
um wenige Meter zurückbleibt, so findet man gegenüber dem 
Lehrter Bahnhof die stolzen Neubauten des Packhofes und 
Provinzialsteuergebäudes, jenseits der Stadtbahn die Pracht 
bauten an der Lüneburger-, Rathenowcr-, Thurm- und Paul 
straße, den an eine normannische Kathedrale erinnernden 
neuen Justizpalast, weiterhin die Villen des Kommandeurs des 
Gardecorps und der reichen Fabrikbesitzer. Noch an der Otto 
straße Präsentiren sich gewaltige Neubauten im zeitüblichen 
Nenaissance-Schmuck, dann bricht an dem nur mehr chaussirten 
Theile der Straße Alt-Moabit deren baulicher Aufschwung urplötz 
lich ab und eine behäbige Kleinstadt nach alter Moabiter Kolo 
nistenart, unbeleckt von der architektonischen Wünschelruthe eines 
Wieck oder Otzen, eines Ende oder Böckmann, eines v. Holst, 
eines Kyllmann oder Heyden, Künstler, welche aus dem Tohu- 
Wabohu von Sumpf und Sand binnen Jahr und Tag Villen 
oder Miethspaläste hervorzuzaubern verstehen, — ein behagliches 
Stillleben, welches Bohnen und Gurken im Vorgarten nicht 
verschmäht und das nach guter, alter Art, trotz des bayrischen 
Bieremporiums der Arendt'scheil Brauerei an der Thurm- und 
Stromstraße, der Altväter „Weiße mit zugehöriger Strippe" 
festhält, — kurzum ein Berliner Vorort vorn altem Schrot und 
Korn im besten Wortsinne thut sich vor den Augen des er 
staunten Wanderers auf. 
Suchet, so werdet ihr finden! Dort, wo die auf mein 
Andringen nach dein patriotischen Kaufmann, nach dem Befreier 
Berlins aus Ruffennoth benannte Gotzkowskystraße in die 
Straße Alt-Moabit einmündet und bereits einen schüchternen 
Vorstoß nach der Spree zu wagt, in der Absicht, den Spree 
strom hier zu überbrücken, findet sich das mit Stroh gedeckte 
Häuschen. Das geräumige Grundstück führt die Polizeinummerir 
Alt-Moabit Nr. 61 bis 66, gehört der verwittweten Guts 
besitzer D. Beuffel geb. Mangelsdorsf, stammt aus der alten 
Kolonistenzeit und veriveist nach der Reihenfolge der Haus 
nummern das von uns abgebildete Haus auf die Nrmrmer 66. 
Besehen wir das Dach uns botanisch genau, so ist es nicht 
mit Roggen- oder ähnlichein Stroh, sondern mit Teichrohr, 
den Halmen von Anmdo pliragmites, gedeckt, das noch jetzt 
anr benachbarten Plötzensee sowie an der faulen Spree beim 
Charlottenburger Schloßpark wächst. 
Dergleichen Stroh- und Rohrdächer pflegen in der Provinz 
Brandenburg auf zivei verschiedene Arten hergestellt ju werden. 
Entweder in Schobenform, welche namentlich in der Rieder- 
Lausitz beliebt ist. Hier werden die Stroh- oder Rohrmassen 
in Bündel oder Schoben gebunden und die einzelnen Büiidel 
- oben durch Strohverflechtung nahe der Dachfirst befestigt. 
Diese Abdeckung ist bei Feuersbrunst besonders gefährlich und 
hat den schrecklichsten Tod so mancher Familie herbeigeführt. 
Schlägt nämlich die Flamme, wie das häufig der Fall, oben 
zum Dach hinaus, und brennend in Folge dessen die Strohseile 
durch, welche die Schoben halten, so schießen diese, also eigentlich 
das ganze Strohdach, brennend hinunter und versperren nicht 
selten die Rettung durch Thür und Fenster, so daß die Insassen 
erstickeir oder verbrennen müssen. 
Unser Haus, welches zur Zeit vom Fouragehändler 
A. Worin als Magazin gepachtet ist, zeigt die solidere Be 
festigung des Rohrs an den Dachsparren. Hierbei kann es 
kaum vorkommen, daß die ganze Dachbedeckung brennend nach 
vorn vor Thür und Fenster herabstürzt. 
Unser Freund, der Maler und Hofphotograph Hans 
Hartmann, hat nicht blos die Güte gehabt, von dem 
interessanten Häuschen photographische Ausnahmen herzustellen, 
deren einer wir unser Gesammtbild zu Grunde gelegt haben, 
sondern hat auch eine naturgetreue Zeichnung der west 
lichen Giebelverzierung für den „Bär" geliefert, welche 
letztere in mehrfacher Beziehung höchst merkwürdig ist und mit 
der westlichen Giebelverzierung übereinstimmt, nur daß letztere 
ungleich schlechter erhalten erscheint. 
Die ächten alten Giebelzeichen sind bekanntlich nicht will- 
kührlich gewählt, sondern haben, gleichviel ob dem modernen Besitzer 
bewußt oder unbewußt, eine bestimmte symbolische Bedeutung und 
reichen bis weit in die slavische oder germanische Heidenzcit zurück. 
Die Giebelzcichen kaun man eintheilen in senkrechte oder 
schräggestellte Verzierungen, beziehentlich in aufgesetzte oder aus 
den Windlatten ausgeschnittene, so zwar daß die senkrechten 
allemal aufgesetzte, die schrägen allemal aus den Windlatten 
ausgeschnittene Marken sind. 
Unter Windlatten versteht man dünne Bretter, welche an 
den Seitengiebeln, da wo das Stroh- oder Rohrdach aufhört, 
angebracht werden, damit der Wind nicht so leicht unter die 
Dachbekleidung hinunter fassen, sie zerzausen oder gar abreißen 
kann. Handelt es sich um senkrechte Giebclmarken,,so werden 
diese aus einem kurzen Brett mit dem Messer oder der Säge 
geschnitten und da auf die Windlatten aufgenagelt, tvo diese 
an der Dachfirst zusammentreffen. Dies senkrechte Giebelzeichen 
besteht aus einem Stück. 
Behufs Herstellung der schrägen Giebelzeichen dagegen 
werden beide Windlatten so weit und so lang über ihren 
Treffpunkt an der Dachfirst hinaus verlängert, wie dies die 
Figur, welche der Bauer als sein Hauszeichen, als Symbol 
seines Gehöftfriedens, dargestellt wissen will. 
Diese schrägen Giebelzeichcn sind daher paarig; auch gilt 
für die Provinz Brandenburg im Allgemeinen das Gesetz, daß 
beide Hausgiebel gleichartig verziert werden; beide erhalten 
also entweder je ein senkrechtes Giebelzeichen, oder zwei Paare 
von Giebelzeichen; doch kommen auch mitunter Ausnahmen 
vor, der Art, daß ein Giebel eine senkrechte Giebelmarke, der 
andere Giebel ein Paar schräger Giebelmarken aufweist. 
Es gilt ferner, für sämmtliche schräge, aus Windlatten ge 
schnittene Giebelzeichen überall das unverbrüchliche gedoppelte Ge 
setz, daß Windlatten und Giebelzeichen aus einem Stück und ferner 
aus überall ganz gleich breiten Brettern geschnitten sein müssen. 
Hieraus ergiebt sich, daß die schrägen Giebelzeichen mit 
allen ihren Verzierungen niemals über die gerade Verlängerung 
der Längsseiten der Windlatten hinausragen können.
        
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