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Periodical volume 24. November 1888 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Kleine Mittheilungen. 
Seltsame Mittschrist. König Friedrich Wilhelm II. erhielt im Jahre 
1786 von einem auswärtigen Magister folgende seltsame Bittschrift: 
Allerdurchlauchtigster, 
Großmächtigster König, 
Allergnädigster König und Herr. 
Da Ew. Majestät kein göttlicheres Vergnügen kennen, als Menschen 
zu beglücken, so eile ich, Allerhöchstdenselben dieses Vergnügen auch in 
meiner Person anzubieten. Ich bin zwar von Geburt ein . . ., und 
folglich ein Ausländer; aber für wohlthätige Könige giebt es keine Aus 
länder, weil ihre Segnungen, wie die himmlischen, allgemein sind, und 
sich über den ganzen Erdkreis erstrecken. Ich darf mir also schmeicheln, 
unter dem milden Zepter Ew. königlichen Majestät dasjenige Glück zu 
finden, welches ich unter der Regierung Dero in Gott ruhenden königlichen 
Vorfahren einigemal vergebens gesucht habe. 
Zu meiner Empfehlung weiß ich indes nichts Höheres anzuführen, 
als den brennenden Eifer, den ich empfinde, mich ganz und auf immer 
Ew. Majestät Diensten zu widmen. Außerdem darf ich mich weder meines 
Standes, noch meiner Wissenschaft rühmen. Dies sollte mich zwar ab 
schrecken, mich mit meinem Gesuch vor einen so großen König zu wagen; 
aber — nichts weniger. Denn, weiß ich gleich, daß man ohne vornehme 
Geburt und schimmernde Talente nicht leicht in der Welt sein Glück 
macht, oder daß gemeinlich nur derjenige etwas darin wird, der schon für 
sich etwas ist; so weiß ich doch auch gar wohl, daß die Götter der Erde 
zuweilen etwas aus Nichts hervorbringen, oder dem rufen können, das 
da Nichts war, daß es Etwas sei. So gewiß und unleugbar diese Wahr 
heit ist, so wünschte ich doch, daß sich einige Zweifler derselben finden 
möchten, die Ew. Majestät aufforderten, die Möglichkeit der Sache mit 
meinem Beispiele unwidersprechlich darzuthun. Jetzt bin ich allerdings noch j 
in mein erstes Nichts gleichfalls eingehüllt. Aber Ew. Majestät dürfen 
nur befehlen: „Entwickle dich! — Werde!" so werde ich sein, was ich 
sein soll. 
Wäre es für das Werk anständig, zu seinem Schöpfer zu sagen: das ! 
will ich sein! — so würde ich zu meinem großen Meister sprechen: 
„Mache mich zu Deinem Agenten in L., oder wo Du sonst willst." Aber 
vielleicht werde ich noch ein ehrenvolleres Gefäß, wenn ich mich den 
schöpferischen Händen Ew. Majestät ohne Widerrede überlasse. 
In tiefster Erfurcht 
Allerdurchlauchtigster. . . 
Ew. königlichen Majestät 
untertbänigster Knecht 
L. d. 22. Nov. 1786. M. C ... 6.. H 
Resoluzion an den Magister C. G. H 
Seine königliche Majestät von Preußen lassen dem M. C. G. H 
auf seine sonderbare Bittschrift vom 22. November zur Resoluzion er 
teilen: daß, sowie die göttliche Vorsicht Ihnen die Macht nicht gegeben, 
aus Nichts Etwas zu machen, Sie also auch aus ihm, einem fremden 
und unbekannten Menschen keinen Agenten zu L., wo Sie keinen nötig 
haben, noch sonst etwas zu machen wissen. 
A. S. B. 
Berlin, den 28. Nov. 1786. Herzberg. G. T. 
Ein märkisches Math sek. In der Mark Brandenburg bestehen noch 
in den meisten Städten die alten Schützengilden. Ein Hauptfest ist das 
Abholen des „Schützenkönigs" im feierlichen Zuge mit Musik. Daran 
knüpft sich folgendes Räthsel. 
Frage: Was für ein Unterschied ist zwischen einem Schützenkönig 
und einem wirklichen? — Antwort: Wenn ein König vom Volke erwartet 
wird und sich naht, heißt es: „Da kommt er"; — vom Schützenkönig 
aber sagt man: „Da bringen sie ihn" (gebracht). W. 8. 
Eine edle Thal und ein wahrhaft klassisch schöner Zug eines ge 
meinen Ulanen vom 1. Ulanen - Regiment verdient der Vergessenheit 
entrissen und mit goldenen Lettern in der Geschichte verzeichnet zu werden. 
Es war in der Wcihnachtsnacht 1813, als ganz in der Stille ein 
preußisches Korps von ungefähr 8000 Mann unter dem Befehl des Generals 
von Borstell gegen die Festung Wesel anrückte. Man wollte versuchen, 
die Festung zu überrumpeln und Alles war dazu eingeleitet. Die Holländer, 
aus denen zum Theil die feindliche Besatzung bestand, waren größten- 
theils auf geheimen Wegen für die Sache Deutschlands gewonnen, ein 
genauer Plan der Festung befand sich in den Händen der Preußen und 
von allem Nöthigen war Kundschaft eingezogen worden. Der kleinste 
Irrthum, der geringste Fehler konnte beim Sturm die größte Gefahr 
bringen, während andererseits auch selbst das glücklichste Gelingen nur 
durch große Opfer erkauft werden konnte ein Jeder wußte es, und so 
mag wohl Mancher bangen Herzens und schwerer Sorge in Betreff der 
nächsten Stunden gewesen sein. Jeder Soldat war mit Faschinen ver 
sehen, um die Wallgräben an bequemen Stellen auszufüllen, da man sie 
sich nicht tief genug dachte. So begann gegen Mitternacht der Angriff 
in aller Stille und Anfangs ging Alles glücklich. Schon waren mehrere 
Hindernisse beseitigt und man bis an den Wallgraben gelangt, als der 
letztere plötzlich so anschwoll, daß es unmöglich war, ihn mit den Faschinen 
auszufüllen. In diesem -kritischen Augenblick bekam eine Ordonnanz des 
Generals, obenerwähnter Ulan, den Befehl, ganz behutsam und leise in 
das Waffer hineinzureiten, um zu erforschen, ob es nicht möglich wäre, 
hindurch zu waten. Es geschieht, doch mitten im Graben sinkt der Brave 
im Schlamme unter, und im Sinken winkte er, ohne einen Laut von sich 
zu geben, ohne sein Pferd herumzureißen und sich vielleicht dadurch zu 
retten, nur mit der Hand, zurückzugehen, ein Zeichen, das deutlich bemerkt 
werden konnte, weil die Beobachtenden auf der Erde lagen. Hätte er 
das geringste Geräusch gemacht bei etwaigen Bemühungen sich zu retten, 
so würden die in der Nähe stehenden Schildwachen des Feindes es ge 
hört und Lärm gemacht haben. Das ganze Korps, das sich schon zu weit 
vorwärts gewagt hatte, um ohne Gefahr, im Fall cs beincrkt würde, 
zurückgehen zu können, würde großen Verlusten ausgesetzt, wenn 
nicht unter den Kanonen der Festung ganz und gar aufgerieben worden 
sein. Aber mit einer heroischen Seelengröße verleugnete der wackere 
Ulan sich selbst und opferte sich für seine Kameraden auf. Das ganze 
Korps ging darauf ebenso still und unbemerkt, wie es gekommen war, 
wieder zurück. 
Aus H. A. Genstchen's Araucnloö, der herrlichen vor wenigen 
Jahren im Verlage von E. Grosser in Berlin erschienenen Dichtungen 
hatten ivir mit Genehmigung des Autors in der letzten Nummer das 
Gedicht „Zum Todestage Heinrich von Kleistes" entnomnien. In diesem 
Bande vereinigt sich das Beste, was Gensichen's feurige, hohe Poesie bis 
her geschaffen hatte, namentlich wirkt in Isolde der Berliner Hinter 
grund bedeutend. Wie wir erfuhren, wird demnächst im Verlage von 
Gebr. Paetel in Berlin eine neue Sammlung Gensichen'scher Dichtungen 
unter dem Titel »»Jungbrunnen" erscheinen, und sind wir durch die 
Liebenswürdigkeit des Dichters >vie des Verlegers schon heut in der Lage, 
obige Proben auf S. 96 zu bringen. 
Eine vollständige Milderbibcl für das deutsche Volk und Haus in 
vornehmem Stil wird Tausenden willkommen sein! Eine solche veröffentlicht 
das Süddeutsche Verlags-Institut (vormals Emil Hänselmann) in Stutt 
gart, unter der Leitung eines in der christlichen Bilderwelt wie in den 
einschlägigen technischen Fragen wohlbewanderten Kenners in dem neuen 
Werk: Die Bibel nach Luthers Uebersetzung. Mit Bildern der Meister 
christlicher Kunst, herausgegeben von vr. Rudolf Pfleiderer - Ulm. Das 
gediegene, prachtvolle wie außergewöhnlich billige Lieserungswerk (ä 60 Pfg.) 
ist geeignet, in den allcrweiteste» Kreisen Aufsehen zu erregen und Beifall 
zu finden. Im Gegensatz zu den sogenannten „Prachtbibeln", wie diejenige 
des Franzosen Dore mit ihren mehr oder weniger weltlichen, effekthaschenden 
oder zusammengewürfelten Illustrationen soll eine planmäßige Auswahl 
aus dem ganzen Gebiete der christlichen Malerei getroffen werden und die 
Vereinigung wahrhaft ftommen Geistes mit künstlerischem Werthe den 
entscheidenden Gesichtspunkt bilden, so daß Erwachsene und Kinder, 
Lehrer und Schuljugend, Bibel- wie Kunstfreunde sich mit Lust an 
den reichen Bilderschätzen erlaben und erbauen mögen. Das erste Heft 
enthält eine Reihe vortrefflicher Illustrationen, u. a. die sechs Schöpfungs 
tage (nach den Gemälden von Michel Angelo und Rafael im Vatikan), der 
Sündenfall (Rafael, Loggien), Adam wo bist du? und Austreibung (Schnorr); 
Initialen und Vignetten; Gott ruhet (nach Schnorr), Eva's Erschaffung, 
Adam und Eva bei der Arbeit (Holbein's Bibel) und drei Vollbilder 
von Allori, Overbeck, Gebhardt. 
Das Angeli'sche Kaiferbikd. Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. hat, 
wie uns mitgetheilt wird, die Vervielfältigung seines vom Professor 
v. Angeli (Wien) gemalten Bildes dem Letzteren unter der Bedingung 
gestattet, daß die Herstellung, welche von ihm überwacht, zwei Berliner 
Firmen übertragen wird: die Ausführung in Photographie den Königl. 
Hofphotographen Reichard & Lindner und die Vervielfältigung in 
Farbenfacsimile und Kupferdruck dem bekannten Wilhelm Greve'schen 
Kunstinstitut. 
Bereits zum bevorstehenden Weihnachtsfest soll eine unter specieller 
Anleitung des Profeffor v. Angeli hergestellte meisterhafte Radirung 
dieses Kaiserbildes zur Ausgabe gelangen. 
Die neue Ausgabe des Amtlichen Droschken-Wegemcsters für 
Berlin und die Umgegend, im Aufträge des Königlichen Polizei-Präsidiums 
bearbeitet und herausgegeben von Jul. Straube, ist im Geographischen 
Institut und Landkartenverlag von Jul. Straube, Berlin, erschienen. 
Der Wegemesser besteht aus dem Polizei-Reglement über den Betrieb 
des Droschkenfuhrgewerbes, einem Plan von Berlin und einem solchen 
der Umgegend, auf welchen die Straßen, Chausseen u. s. w. in Farben 
abschnitte (jeder Farbenabschnitt gleich einer Minute Fahrzeit) eingetheilt 
sind. Derselbe setzt den Fahrgast in den Stand, Fahrzeit und Fahrpreis 
genau dadurch zu berechnen, daß er vor Antritt der Fahrt die Farben 
abschnitte der Tour, welche er zurückzulegen gewillt ist, einfach abzählt, 
um so Differenzen mit den Kutschern von vornherein zu vermeiden. Der 
zweckmäßig ausgestattete Droschken-Wegemesser wird dem Privatmann 
wie Geschäftsmanne gelegentlich gute Dienste leisten. 
Inhalt: Johannes Wedigen, eine Berliner Geschichte (Fort 
setzung); Herbst, Gedicht (mit Abb.); Schillert Don Karlos und 
seine erste Darstellung auf dem Berliner Nationaltheater 
(22. Nov. 1788), von F. Katt; Aus König Friedrich Wilhelms IV. 
gesunden und kranken Tagen, von F. A. von Winterfeld; Aus 
O. F. Gensichen's Jungbrunnen; Das Thürmchen am Krcuzberg; 
Zum Ablaßbrief des Dorfes Reetz im Jahre 1482, von Rubehn. 
— Kleine Mittheilungen: Seltsame Bittschrift; Ein märkisches 
Räthsel; Eine edle That; O. F. Gensichen's Frauenlob und Jungbrunnen; 
Eine vollständige Biloerbibel; Das Angeli'sche Kaiserbild; Amtlicher 
Droschken-Wegemeffer. — Inserate.
        
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